Falsche Freunde und falsche Informationen

Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben - Teil 7

Zu Teil 1: Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben

Zu Teil 2: Von Angst getrieben

Zu Teil 3: Die Glaubwürdigkeitslüge

Zu Teil 4: Die Wächter der Meinungsfreiheit

Zu Teil 5: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Zu Teil 6: Die Macht der Masse

"Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?" - diese Frage stellte sich im Jahre 2006 Jean-Remy von Matt, nachdem die Kampagne "Du bist Deutschland" auf wenig Begeisterung stieß. Dass Artikel 5 des Grundgesetzes dieses Recht nicht nur jedem Computerbesitzer, sondern jedem Menschen in Deutschland (innerhalb der von Artikel 5 selbst gesetzten Grenzen) zubilligte und dies eigentlich bekannt sein sollte, zeigte, wie empfindlich manche Menschen auf die "neue Freiheit" im Internet reagierten, die nicht mehr dem Prinzip "weniger Sender gegenüber vielen Empfängern" folgte, sondern viele Empfänger und viele Sender ermöglichte.

Waren früher die Telefon- und auch Internetgebühren noch sehr hoch, die Übertragungsraten gering und die Angebote beschränkt, so hat sich dies heute stark verändert. Das Internet ist zum Massenmedium geworden, das einen (noch) ungefilterten Blick auf die Realität erlaubt - mit all ihren Sonnen-, Schatten- und Halbschattenseiten.

Das bedeutet, dass sich die Menschen, die das Internet nutzen (und nunmehr auch die diversen Geräte, die sich zu dessen Nutzung eignen, was längst nicht nur die gewohnten Desktop-PCs sind), einer Vielzahl von Daten ausgesetzt sehen, die sich als starres oder bewegtes Bild, als Text, Musik, Codes für (Schad)software … zeigen. Nutzer sind gefordert, da sie sich vor dem, was sie als schädlich erachten, selbst schützen müssen (bzw. Menschen finden müssen, die dies für sie übernehmen). Ferner bedeutet es selbstverständlich auch, dass sich die Menschen immer bewusst sein müssen, dass sie (genauso wenig, wie im "echten") auch im digitalen Leben nicht Jedem alles glauben müssen.

Ein kurzer Blick in den Spamordner reicht für die meisten Internetnutzer, um zu wissen, dass nicht alles, was mittels des Medium Internet seinen Rezipienten erreicht, auch Wahres enthält. Die Angebote, die mittels der massenhaft versandten E-Mails angepriesen werden, sind zahlreich: Tabletten gegen Übergewicht, Erektionsstörungen und Cellulite werden ebenso feil geboten wie die Chancen auf Erwerbstätigkeiten, die Tausende von Euro pro Monat bei nur geringem Einsatz versprechen, und nicht zuletzt natürlich die diversen Möglichkeiten, bei Kontaktaufnahme mit nigerianischen Prinzen oder den Banken, die verstorbene Reiche vertreten, selbst reich zu werden.

Den meisten Menschen ist mittlerweile klar, dass es sich bei diesen "Angeboten" nicht um Seriöses handelt - und sie betrachten sie dementsprechend skeptisch. Dass es weiterhin Menschen gibt, die meinen, dass sie durch Einnahme von 1-2 Tabletten am Tag schon deshalb schlank werden, weil die Tabletten aus Muscheln gemacht werden und kaum jemand "einmal eine übergewichtige Muschel gesehen hat", oder sich auf "get rich soon" (bald reich werden) einlassen, ist kaum zu verhindern.

Dennoch sind entsprechende Aufklärungskampagnen sowie Seiten, die über Spam aufklären, immer noch eine Hilfe, um die Quote derjenigen, die auf die großen Versprechungen hereinfallen, zu reduzieren - und kaum jemand würde auf die Idee kommen, die mit derartigem Spam Belästigten erneut mit einer Art Aufklärungsspam zu überfluten. Es wird schlichtweg angenommen, dass Menschen sich selber informieren und nicht an die virtuelle Hand genommen werden müssen.

Die Frage ist somit: Wieso nehmen so viele Menschen an (wenn man dieser Annahme folgen will), dass das, was sie auf Facebook lesen können, der Wahrheit entspricht - bzw. wieso sehen sie Facebook als Faithbook, als Buch, dem sie vertrauen können? Die Illusion entsteht durch die Vertrauensblase, die sich bei Facebook bildet. Sie ähnelt dabei dem Gedanken des Vertrauens bei der Verschlüsselung: Wenn a b vertraut, b c vertraut und d c vertraut, dann nimmt d oft an, dass auch a oder b zu vertrauen ist.

Dies mag in Bezug auf Identitäten noch verständlich sein (zumal bei der Verschlüsselung ja noch andere Aspekte wie z.B. der Vergleich des Fingerprints usw. eine Rolle spielen, dies soll hier aber nicht weiter thematisiert werden), doch bei Facebook ist dies letztendlich anders, da hier die "Gruppe" eine große Rolle spielt, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Eine solche Gruppe kann z.B. dafür geeignet sein, die Vertrauenswürdigkeit anderer zu analysieren, sie ist jedoch auch anfällig für Gruppenzwänge - egal ob unbewusst oder bewusst.

Es gibt beispielsweise bei Facebook bereits Gewinnspiele von diversen Anbietern, bei denen dann unter Umständen auch Bekannte oder Verwandte die "Likes", also eine positive Bewertung, oder aber positive Kommentare benötigen. So wie es manchem auch schwerfällt, den Freunden zu sagen, dass die neuen Frisuren nicht gerade schmeicheln, so werden dann "Likes" (bzw. eben positive Kommentare) verfasst, auch wenn diese nicht ernst gemeint sind.

Schließlich möchten es sich viele nicht mit jemandem nur dadurch verderben, dass sie z.B. ein Bild nicht schöner als ein anderes finden usw. Aufrufe, xy zu unterstützen, sind nicht selten, auch weil oft mit Gewinnen gelockt wird. Dies ist bei kleinen, sich kennenden Gruppen, nicht automatisch verwerflich - doch bei Facebook entsteht durch die diversen Möglichkeiten, jemanden als Freund aufzunehmen (bzw. Follower zu sein oder zu haben) eine ganz andere Dynamik.

Schnell wird jemand in die Freundschaftsliste aufgenommen, obgleich er völlig unbekannt ist, nur weil er mit einem anderen aus der Freundschaftsliste bekannt ist, ein paar Kommentare für gut befunden hat oder in der gleichen Stadt wohnt - ein "Freund" ist er damit nicht, lediglich jemand, der in irgendeiner Form etwas mit einem gemeinsam hat. Dennoch entsteht so eine Wechselwirkung - er bewertet einen Kommentar positiv, wird zum Freund, den man natürlich auch besucht (virtuell) und dessen Kommentare man ggf. auch positiv bewertet, schon allein, weil ein anderer Freund sagt "Du, der braucht das gerade" oder "Das gibt Punkte" oder "Ich finde das toll, like das auch" usw. Dadurch entsteht die Illusion einer Freundschaft, die nicht nur oberflächlich gestaltet ist. Es entsteht aber auch die Illusion einer Glaubwürdigkeit durch "Kennen".

Während diese Illusion beim Gutheißen von Bildern oder eher belanglosen Kommentaren noch verhältnismäßig harmlos ist ("tolles Bild, like"), ist dies aber bei der Bewertung des Wahrheitsgehaltes eines Kommentars gefährlich, da gerade auch durch die hohe Anzahl der vermeintlichen Freunde ein Automatismus einsetzt - es wird einfach einmal "schnell geklickt", der nächste sieht dies als Beweis dafür an, dass etwas schon stimmen muss und so gibt es innerhalb kurzer Zeit eine hohe Anzahl positiver Bewertungen, die die Illusion verbreiten "das stimmt". Das geschieht nicht zuletzt auch deshalb, weil "das klingt für mich gut" mit "das stimmt" verwechselt wird. So entsteht nach und nach der Anschein eines wahren Kommentars, der diesem Prädikat aber nicht entsprechen muss.

Diese Zweckentfremdung ist mittlerweile so akzeptiert, dass dagegen nicht mehr aufbegehrt wird, vielmehr wird es hingenommen, dass eine solche Veränderung stattgefunden hat. Der Grund hierfür liegt in der Interpretation des Wortes "lesenswert". Während der eine unter "lesenswert" versteht, dass der Kommentar gut strukturiert ist, ohne Rechtschreibfehler auskommt, Fakten aufzeigt, sieht der andere einen Kommentar als "lesenswert" an, der seiner Ansicht entspricht.

Einfach gesagt: Der eine bewertet auch gegensätzliche Meinungen, so sie gewissen Kriterien entsprechen, als lesenswert, der nächste klickt sofort auf "Rot", wenn die Meinung gegensätzlich ist. So aber ist die Bewertungsfunktion mehr und mehr, abgesehen von ggf. stattfindenden Manipulationen, zur "Mag-ich"-Funktion geworden, statt auf Fakten, Artikulation usw. einzugehen. Damit entsteht eine Situation, in der eine Bewertung vielerlei bedeuten kann - und somit angesichts dieser beliebigen Interpretierbarkeit keine Hilfe mehr darstellt.

Für diejenigen, die bei Facebook etwas glauben möchten, was dort vermittelt wird, ist das "Like"oft eine Art Glaubwürdigkeitssiegel an, weshalb sie sich selbst dann auch das Nachrecherchieren sparen können. Dies ist jedoch nichts, was nur auf Facebook (wenn man es als Nachrichtenmedium sehen will) beschränkt ist, vielmehr vertrau(t)en Menschen natürlich dem, was in der Zeitung steht oder in den "etablierten" Medien zu finden war, schon allein weil sie den Menschen vertrauten, die hinter diesen Nachrichten standen.

Dabei wussten sie über diese Menschen ebenfalls wenig. Doch auch zu den Zeiten mit wenig Informationsmedien war es so, dass Menschen nur das glauben wollten, was in ihr Weltbild passte und den Rest dann als Unsinn oder Lüge ansahen. Hier haben sich letztendlich bis heute nur die Medien geändert - statt weniger Information gibt es mehr Information, mehr Transportmöglichkeiten für diese und auch mehr Fehlinformationen, wobei die etablierten Medien sich bisher dezent in Selbstkritik zurückhalten und sich eher als Hüter der Glaubwürdigkeit inszenieren.

Statt nun also immer mehr darauf zu setzen, dass irgendjemand, wie auch immer finanziert und selbst eingestellt, den "Faktencheck" (also die Recherche) übernimmt, auf einem Portal, das weniger als Nachrichtenmedium denn als Medium zum Kontakte aufnehmen und erhalten, zum schnellem Vermitteln von kurzen Informationen oder Meinungen gedacht war, wäre es sinnvoller, mehr darüber aufzuklären, dass sich Freunde oder Follower natürlich auch irren können, was die Bewertung von Vorfällen usw. angeht - bzw. diese in ihrer eigenen Art interpretieren können.

Vor etlichen Monaten ergab es sich, dass während eines Einkaufes im Wiener Bezirk Filmaufnahmen stattfanden. Ein inszenierter Flohmarkt mit eher südeuropäisch anmutendem Klientel wurde dabei von Polizisten aufgesucht. Doch sowohl Flohmarkt als auch Polizei waren Schauspieler, es gab insofern keine Razzia, nichtsdestotrotz könnte es sich für jemanden, der diese Filmaufnahmen sieht ohne aber Kameras usw. zu bemerken, genau dieser Eindruck einstellen. Lügt er nun, wenn er davon spricht, dass er gerade eine Razzia auf einem Flohmarkt gesehen hat? Wäre dies eine Fake News oder doch eher nur ein Kommentar, der darstellt, was jemand gesehen zu haben meint, insofern ja die Wahrheit?

Dies ist nur ein Beispiel von vielen, bei dem es nicht so einfach wäre, zwischen Fake News und persönlichem Eindruck zu unterscheiden. Wichtig wäre auch hier, Freunde oder Follower nicht zu glorifizieren, sondern sich stets klarzumachen, dass diese eben nicht als neutrale Nachrichtenübermittler fungieren, sondern lediglich subjektiv agieren, so wie die meisten Menschen auch.

Statt eines Faktencheckgremiums, das auf Facebook und Co. zukommt, wären insofern einfachste Überlegungen bei den Nutzern selbst zielführend. Oder, wie es Joachim Goldberg in seinem Artikel über "Die Wahrheit" formuliert: "Auch wenn ich mittlerweile intern zwischen guten und weniger guten Freunden unterscheide, impliziert der Begriff des Freundes doch generell, dass dieser irgendwie ähnlich denkt wie ich und, was noch viel wichtiger ist, in meinen Augen als zuverlässige Quelle seriöser Informationen gilt. Leider ein Trugschluss, wie sich immer wieder herausstellt."

Dabei ist aber eines wichtig: Bei all diesen Überlegungen wurde die Annahme, dass die Mehrheit derjenigen, die Facebook nutzen, auch alles, was dort zu finden ist, glauben (bzw. auf Fake News hereinfallen), als gegeben angesehen. Eine umfangreiche Studie oder Befragung zu dem Thema ist bisher aber nicht erfolgt.

Die Frage ist also nicht: gibt es Menschen, die alles glauben, was auf Facebook steht? Die Frage ist vielmehr: Wie viele Nutzer sind es? Glauben sie wirklich alles? Oder glauben sie nur das, was sie durch "Freunde" und "Follower" empfohlen bekommen? Oder auch aus diesem Teilbereich nur das, was in ihr eigenes Weltbild passt?

Wenn dies der Fall wäre, dann wären die Faktencheckideen für dieses Klientel schlichtweg irrelevant, da sie ja weiterhin bei ihrer Ansicht blieben - egal, was noch zu dem Thema zu finden ist. Der Faktencheck plus die gesamten Hinweisideen bei Facebook wären damit schlichtweg eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, ohne wirklich zu erwartende Erfolgsbilanz hinsichtlich der Aufklärung.

Teil 8: Alles wird vertuscht oder: Mir kann keiner was erzählen

(Alexander und Bettina Hammer)

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