Familienmenü mit Fleischbeilage

Jugendschützer: Nicht die Pornoseiten sind die Kinderverderber, sondern die Startseiten der Provider

„Du, ich bin jetzt auch drin. Ich hab gehört, es gibt Porno im Internet und da muss ich nie mehr in der Videothek anstehen und beim Zurückbringen der Filme rot werden. Du kennst Dich doch da aus, wo sind denn diese Schweineseiten?" – "Ja kennst Du nicht Google?" – "Nein, ich hab doch nur AOL!"

Ein vor einigen Jahren häufiger, doch inzwischen ziemlich unwahrscheinlicher Dialog. Selbst dem absoluten unfähigen Internetneuling, der noch nie etwas von Suchmaschinen gehört hat, hilft sein Provider in Sachen Sex mittlerweile nicht ganz uneigennützig auf die Sprünge. Praktisch keine der unzähligen Portalseiten, mit denen einen die Internetprovider teilweise sogar bereits beim Einloggen zwangsbeglücken, kennt nicht den Menüpunkt "Erotik". Und der Nachwuchs stellen sich nun statt der erhofften Aufklärung neue Fragen wie jene, wie das mit den Bienen wohl klappt, wenn die Blumen alle lesbisch sind…

“Face-to-Face ist weltweit einmalig, das ist der größte Erfolg der KJM“: BLM- und KJM-Präsident Dr. Wolf-Dieter Ring (Bild: W.D.Roth)

Große Diskussionen löste der strenge Jugendschutz in Deutschland immer wieder aus. Professor Wolf-Dieter Ring ist jedoch stolz auf das, was er in den letzten zweieinhalb Jahren mit der neu gegründeten Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) erreicht hat: Face-to-Face, ein in der ganzen Welt einzigartiges Verfahren der "Gesichtskontrolle" potentieller Pornosurfer beispielsweise per Postident. Inzwischen ist auch der Chip der Geldkarte akzeptiert (Link auf 19485), da der Besitzer sich ja bereits bei der Kontoeröffnung „Face-to-Face“ auf der Bank gezeigt hat. Doch auch so ist es nirgends so schwierig, an „Vollerotik“ zu kommen, wie auf deutschen Webseiten.

Manche selbst ernannten Experten raten denn auch ganz offiziell dazu, lieber ausländische Sexseiten anzusteuern und für die Texte notfalls Babelfish zu verwenden (Endlich: Scharf und sicher im Internet). Dann muss sich der deutsche Fiskus auch nicht länger mit lästigen Einnahmen der Erotikanbieter herum plagen. Für den Jugendschutz ist so dagegen wenig getan, da statt der früher in Deutschland verwendeten Abfrage der Personalausweisnummer, die mittlerweile gerichtlich verboten wurde, im Ausland meistens nur "Bist du über 18 Jahre ja/nein?" gefragt wird. Deshalb soll das deutsche Jugendschutzsystem nun auch im Rest der EU eingeführt werden.

Bei „1&1-Erotik“ handelt es sich keineswegs um Seiten für Erstklässler – auch wenn die Dame noch sehr jung zu sein scheint

Doch reden wir hier von Surfern, die bewusst nach nackten Tatsachen suchen. Kinder und Jugendliche tun dies normalerweise eher weniger. Für sie ist es wichtig, vor unbeabsichtigtem Kontakt mit Sexseiten geschützt zu werden – hier spricht man von „entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten“. Denn auch wenn eine nackte Brust im Gegensatz zu „Hardcore“ natürlich öffentlich gezeigt werden darf, kann sie im entsprechend aufgesexten Zusammenhang einer Pornoseite Kinder und Jugendliche unnötig irritieren.

Gegen diese prinzipiell "harmloseren" erotischen Darstellungen ist im Gegensatz zur echten Pornographie auch in Deutschland kein Altersverifikationssystem (AVS) erforderlich. Ein Jugendschutzfilter, den die Eltern auf dem Computer der Kinder installieren, soll ausreichen. Zudem soll eine geeignete Startseite für Kinder weiterhelfen, beispielsweise die Suchmaschine blinde Kuh.

Zwei Klicks weiter hat einen das 1&1-Portal für die ganze Familie zu dieser nur bedingt familientauglichen Website geführt

Allerdings machen die Internetprovider in Eltern hier einen Strich durch die Rechnung: Bei der ersten Verbindung mit dem Internet schalten sie gerne die von diesen eingestellte Startseite weg und setzen dem Kunden stattdessen ihre eigene Portalseite vor. Damit scheitert nicht nur so mancher Virenscanner-Update, ebenso wird das Kind nun statt der bunten Kuh das Freenet- oder ein 1&1-Portal zu sehen bekommen. Letzteres lässt sich immerhin mit einem allerdings unerfahrene User bereits überfordernden Aufwand abschalten, ersteres nicht. Und beide präsentieren dem Sprössling sofort den Menüpunkt "Erotik", von dem aus zwei Klicks innerhalb des Portals ausreichen, um auf Seiten zu kommen, bei denen das Kind seinen Eltern später sehr viele Fragen stellen wird.

In der Podiumsdiskussion "Jugendschutz im Internet" der Medientage München schimpfte Friedemann Schindler, Leiter von Jugendschutz.net in Mainz deshalb dieses Jahr auch gar nicht über die eigentlichen Pornoanbieter, sondern über die Portale der Provider, die ausnahmslos ihren Kunden Erotikseiten aufdrängen – dazu muss man gar nicht erst auf die Seiten der Bild-Zeitung gehen.

Diese Vorschaltwarnung erscheint nur beim Anklicken des Menüpunkts „Erotik“ auf Freenet.de – eine der Erotik-Schlagzeilen im Portal leitet dagegen sofort weiter zu blanken Brüsten

Ob Online-Glücksspiele aus dem Ausland, deren Bewerbung in Deutschland zumindest zweifelhaft ist, ob gewalttätige und teilweise sogar indizierte Computerspiele oder eben alle Spielarten der Erotik – nach ein paar Mausklicks auf der Provider-Startseite steht all dies zur freien Verfügung. Ob RTL, Yahoo, AOL, GMX, 1&1, T-Online, Freenet oder MSN: kein Portal ist kindertauglich. Und während beim Anklicken des Menüpunktes "Erotik" zumindest noch eine Warnung erscheint, die aber oft bereits mit nackten Frauen dekoriert ist, führt ein Anklicken einer Erotikschlagzeile auf dem Startportal sofort zum Eingang einer Sexseite.

Für die Jugendschützer ist somit klar, dass es nicht mehr reicht, unzureichend vor Minderjährigen geschützte Erotikangebote im Netz zu verfolgen und nach dem Motto "die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen" zu verfahren. Es muss vielmehr bereits beim Einstieg ins Netz aufgepasst werden. Klicksafe.de, die Umsetzung des Safer-Internet-Programms der Europäischen Union in Deutschland, soll hierbei die Eigenverantwortlichkeit der Eltern unterstützen, die ja offline ihren Kindern normalerweise auch nicht alles zumuten würden, was so vor der Tür steht.

„Jeder hat Beate Uhse eingebunden, obwohl jeder weiß, dass Beate Uhse ein absolut unseriöser Anbieter ist!", empört sich Friedemann Schindler, Chef von Jugendschutz.net, denn das Flensburger Erotik-Unternehmen hat das Problem mit dem deutschen Jugendschutz einfach dadurch umgangen, indem es die Online-Abteilung in die Niederlande verlegt hat. (Bild: W.D.Roth)

(Wolf-Dieter Roth)

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