Farbliche Kennung von religiösen Minderheiten

Eine Falschmeldung und die nächste Runde im Psychokrieg gegen Irans Regime

Ein gelber Streifen für die Juden, ein roter für die Christen und ein persisch-blauer Streifen für die Anhänger des Zoroaster. Ein neu erlassenes Gesetz würde Andersgläubige in Iran künftig dazu zwingen, sich durch farbliche Merkmale an der Kleidung in der Öffentlichkeit kenntlich zu machen - mit dieser Meldung sorgte am Freitag vergangerer Woche die kanadische Zeitung National Post für einiges Aufsehen - auch in deutschen Medien.

Solche Nachrichten fügen sich gut ins totalitäre Bild, das man sich von Iran und dessen neuem Präsidenten Ahmadinedschad macht.

Doch was der Autor der Nachricht, Amir Taheri, der als Experte für Islamofaschisten auch verschiedentlich in deutschen Medien herangezogen wird - diesmal offensichtlich weit weniger "ausgeruht und klug" als bei anderen Kulturkampfthemen - als Skandal herausstellte:

Religious minorities would have their own colour schemes. They will also have to wear special insignia, known as zonnar, to indicate their non-Islamic faiths. Jews would be marked out with a yellow strip of cloth sewn in front of their clothes while Christians will be assigned the colour red. Zoroastrians end up with Persian blue as the colour of their zonnar.

,

ist falsch.

Gelbe Streifen, um die Kleidung von Juden öffentlich zu markieren, wäre starker Tobak und damit die Beweiskette, welche engste geistige Verbindungen zwischen der Regierung von Ahmadinedschad und dem deutschen Nazi-Regime herstellt, geschlossen.

Nachdem aber durch den einzigen jüdischen Parlamentsabgeordneten in Iran bekannt wurde, dass die Interpretation der neuen Kleidungsvorschriften ( vgl. Iran-Regime verschärft wieder die Kleidungsvorschriften) durch Taheri nicht stimmt, wurde die Meldung noch am Freitag von der kanadischen Zeitung korrigiert: Experts say report of badges for Jews in Iran is untrue.

Eher ausgeruhte und wache Geister hatten schon früh ihre Zweifel an der Paukenschlag-Story, doch hatten einige schon reagiert. So soll das Simon-Wiesenthal-Center einen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan ,geschrieben haben und auch die Konferenz der Präsidenten bedeutender amerikanisch-jüdischer Organisationen hat laut der kanadischen Zeitung bereits ein Statement veröffentlicht haben, das die Online-Ausgabe der Jüdischen vom 21.Mai wie folgt zitiert:

Während solch ein Gesetz an die dunklen Zeiten der Vergangenheit erinnern würde, wie z. B. an die Nazi-Zeit, in der Juden und andere Menschen identifizierende Abzeichen tragen mussten, würde es auch mit der rassistischen und extremistischen Ideologie übereinstimmen, die von Präsident Ahmadinedschad propagiert wird. Wir beobachten die Situation und versuchen die Fakten herauszufinden, um dann über eine angemessene Reaktion zu entscheiden.

Jetzt, da sich herausstellt, dass die neue Kleiderverordnung weniger radikal ausfällt, als es sich vielleicht manche iranische Parlamentsabgeordneten gewünscht haben, aber nicht durchsetzen können, sucht man den Skandal woanders - bei Taheri und der kanadischen Zeitung. Ihnen wird nun vorgeworfen, dass sie versucht hätten, "schwarze Propaganda" zu betreiben, die im Prinzip so läuft: Eine Propaganda-Nachricht wird in einer etwas abseits von der großen Aufmerksamkeit gelegenen Publikation veröffentlicht und dann später von einer bekannten und seriösen Zeitung aufgenommen, die fortan als Quelle mit der entsprechenden Glaubwürdigkeit zitiert wird.

Als Indizien für den Psy-Op-Verdacht erwähnt etwa der bloggende Experte für amerikanische Politik im Mittleren Osten, Juan Cole, die Verlagspolitik von CanWest den Eignern der National Post. Laut einer älteren Quelle bestünde sie u.a. darin, dass man keine Israel-kritischen Kommentare in CanWest-Publikationen veröffentlichen will.

Zum anderen wird angeführt, dass Amir Taheri als Mitglied des Autoren-Pools Benador Associates mit stark neokonservativer Ausprägung Interessen verfolgt. Die prominenten Mitglieder von Benador Assoviates wie Michael Ledeen (vgl. Faster. Please?), Daniel Pipes (vgl. Der Club der rechten Schlaumeier) und Richard Perle lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass Iran nach dem Irak unter Saddam Hussein die nächste große Bedrohung der USA ist, der am besten aggressiv zu begegnen ist.

Dass der iranische Präsident kein harmloser ist (vgl. Der Irre aus Iran) und immer deutlicher einen äußerst radikalen Kurs gegen Oppositionelle, Abweichler und Minderheiten verfolgt, ist eine Seite (vgl. Internet Schwarz-Grau-Weiß); die pauschale Karikatur von Iran als Land von Islamofaschisten, deren Präsident am liebsten als Hitlerklon gezeichnet wird, die andere: Sie gehört zur Kriegrhetorik.

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