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Fastfood ist eine Infektion des Körpers

Auf die "westliche Ernährung" mit zu viel Fett und Zucker reagiert das Immunsystem durch das Auslösen einer Entzündung, die nach einer Studie auch anhalten könnte, wenn man sich wieder gesund ernährt

Fastfood und überhaupt die "westliche Ernährung", also viel Fett, viel Zucker, viel Salz und wenig Ballaststoffe, sind der Gesundheit nicht besonders förderlich. Die Ernährung macht nicht nur dick, sondern hinterlässt wahrscheinlich auch eine anhaltende Erbschaft im Körper. Wissenschaftler der Universität Bonn haben nämlich eine beunruhigende Nebenwirkung der gerne praktizierten Ernährung festgestellt, auf die man erst einmal nicht kommen würde. Offenbar reizt eine moderne, aber für die Biologie des menschlichen Körpers außergewöhnliche fett- und kalorienreiche Kost das Immunsystem ähnlich wie eine Infektion. Es werden aggressive Immunzellen gebildet, die präventiv eine nächste Infektion schneller abwehren sollen. Das Immunsystem bleibt auch im Alarm- und Abwehrmodus, wenn die Ernährung umgestellt wird.

Das internationale Wissenschaftlerteam hat bei Versuchen mit Mäusen entdeckt, wie sie in ihrem Bericht[1] für die Zeitschrift Cell schreiben, dass die "westliche Ernährung", auch wenn sie nur kurz eingenommen wird, langfristige Folgen aufgrund einer trainierten angeborenen Immunantwort (innate immune training) haben kann. Möglicherweise macht die ungesunde Ernährung das Immunsystem insgesamt aggressiver. So könnte auch noch lange nach einer Umstellung auf gesunde Ernährung schneller zu Entzündungen kommen, die möglicherweise die Entwicklung von Arteriosklerose und Diabetes fördern, so die Wissenschaftler.

Einen Monat lang wurden Mäuse auf die "westliche Ernährung" gesetzt. Das tat ihnen nicht gut. Sie entwickelten im ganzen Körper eine systemische Entzündung. "Die ungesunde Diät hat zu einem unerwarteten Anstieg einiger Immunzellen im Blut geführt. Das war ein Hinweis auf eine Beteiligung von Vorläuferzellen im Knochenmark in dem Entzündungsgeschehen", beschreibt[2] Anette Christ vom Institut für Angeborene Immunität der Universität Bonn die Folgen. Besonders Vorläuferzellen von Granulozyten und Monozyten entstanden durch ausschließlich "westliche Diät". Bei der näheren Untersuchung dieser Vorläuferzellen aus dem Knochenmark zeigte sich, dass in diesen durch die Ernährung viele Gene aktiviert wurden, u.a. für Vermehrung und Reifung. Dadurch bildet der Körper zur Abwehr des "Ernährungsangriffs", wie man sagen könnte, schnell eine Menge an Immunzellen. Mit dem Wechsel der Ernährung verschwand zwar die akute Entzündung, die sich nicht mehr im Blut nachweisen ließ, aber viele der von der Ernährung angeschalteten Gene blieben weiterhin aktiv.

Bei einer Untersuchung der Blutzellen von 120 Testpersonen wollen die Wissenschaftler den "Fastfood-Sensor" in den Immunzellen gefunden haben, der die Antwort des Immunsystems auslöst. Zugrunde liegt danach genetisch ein Inflammason, ein Sensor des angeborenen Immunsystems, das Risiken identifiziert und eine Antwort auslöst. In dem Fall wird es durch bestimmte Verbindungen in Lebensmitteln getriggert, was eine Entzündung zur Folge hat und sich zudem epigenetisch darauf auswirkt, wie die DNA verpackt ist, so die Wissenschaftler: "Jede Zelle enthält mehrere DNA-Fäden, die zusammen ungefähr zwei Meter lang sind. Sie sind jedoch um Proteine gewickelt und stark verknäuelt. Viele Gene auf der DNA lassen sich daher gar nicht ablesen - sie sind einfach zu schlecht zugänglich. Ungesunde Ernährung führt nun dazu, dass sich manche dieser normalerweise versteckten DNA-Teile entrollen - ungefähr so, als wenn eine Schlaufe aus einem Wollknäuel heraushängt. Dieser Bereich der Erbsubstanz wird dadurch langfristig leichter ablesbar."

Das könne die "Entstehung von Gefäßkrankheiten oder auch Typ 2-Diabetes drastisch beschleunigen", warnen die Wissenschaftler. Durch die Entzündung wandern viele neue Immunzellen in die Gefäße ein und verstärken die sich aus Lipiden und Immunzellen bildenden Plaques weiter, was zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann. Die schlechte Ernährung führe jetzt schon neben der geringeren Bewegung zu einer sinkenden Lebenserwartung. Die Wissenschaftler wollen früh ansetzen und die Kinder gegen Fastfood immunisieren, um sie vor ungesunden Immunreaktionen zu schützen: "Die Grundlagen einer gesunden Ernährung müssen noch viel stärker als heute zum Schulstoff werden", so Eicke Latz, Leiter des Instituts für angeborene Immunität der Universität Bonn. "Nur so können wir Kinder frühzeitig gegen die Verlockungen der Lebensmittel-Industrie immunisieren - bevor diese langfristige Konsequenzen entfalten. Kinder haben jeden Tag die Wahl, was sie essen. Wir sollten ihnen ermöglichen, bei ihrer Ernährung eine bewusste Entscheidung zu treffen."


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3943771

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(17)31493-9
[2] https://www.uni-bonn.de/neues/010-2018