Fatale Fehler vor dem zweiten Lockdown in Österreich

Am 31. Oktober 2020 fand ein Pressestatement zu den Maßnahmen gegen die Krise im Bundeskanzleramt statt. Im Bild (v.l.n.r.) Innenminister Karl Nehammer, Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Bild: BKA

Kommentar zu den Kommunikationsfehlern der Regierung und zum möglichen Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis bei den Corona-"Clusteranalysen"

"Meilenweit entfernt": Drastische Fehleinschätzungen der Regierungsspitze

Noch vor genau drei Wochen sagte der österreichische Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), das Gesundheitssystem in Österreich sei von einem drohenden Zusammenbruch "Gott sei Dank meilenweit entfernt". Er könne sich einen zweiten Lockdown "überhaupt nicht vorstellen", dieser wäre "fatal, verheerend, katastrophal für die Wirtschaft" (alle Zitate sind hier nachzulesen).

Rainer Nowak, Chefredakteur der "Presse", schrieb dieses Wochenende in einem Leitartikel dazu:

Vor allem einer zentralen Frage müssen sich viele, etwa auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober, stellen: Wie konnten sie etwas ausschließen, was nicht ausgeschlossen werden konnte?

Rainer Nowak

Bereits am 13. Juni 2020 vermeldete Bundeskanzler Sebastian Kurz via Facebook-Posting noch deutlicher, "die gesundheitlichen Folgen der Krise" seien "überstanden" und nun gehe es darum, "angesichts der Weltwirtschaftskrise" die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

In der Tat sind die Aussagen des Bundeskanzlers und des Gesundheitsministers höchst problematisch. Einerseits ist klar: Politiker müssen Optimismus versprühen. Ich denke nicht, dass Kurz und Anschober der Bevölkerung bewusst Sand in die Augen gestreut haben. Aber sie waren sich ihrer Verantwortung und der Dimension ihrer Aussagen offenbar nicht bewusst.

Man darf sich dann nicht darüber wundern, dass die Bevölkerung wieder zur Normalität übergeht, wenn die Regierungsspitze ihr erklärt, dass die Gesundheitskrise überstanden sei und man von einem zweiten Lockdown meilenweit entfernt sei. Es waren fatal falsche Aussagen. Ein Bashing der Bevölkerung, die Abstands- und Maskenregeln nicht mehr einhält, ist nicht zielführend, wenn zuvor die falschen Signale von oben kamen.

"Geheimwissenschaften": Intransparenz bei der empirischen Datengrundlage

Dazu kommt eine im Zeitalter von Open Science und Open Content fast schon mit der Demokratie unvereinbare Daten-Intransparenz. Im Fokus der Kritik stehen die sogenannten "Clusteranalysen" der österreichischen AGES, der "Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit", einer Gesellschaft im Eigentum der Republik Österreich. "Es kann nicht sein, dass die Analysen der AGES Geheimwissenschaften sind, die nur den Regierenden zugänglich sind", wird NEOS-Politikerin Beate Meinl-Reisinger vom "Kurier" zitiert. Gemeinsam mit der SPÖ fordern NEOS eine Offenlegung der Zahlen.

AGES-Clusteranalyse der 43. KW

Wenn man sich die eher kargen veröffentlichten Daten genau ansieht, stößt man zudem auf zahlreiche Ungereimtheiten, die einen Wissenschaftler den Kopf schütteln lassen. COVID-19-Fälle und -Cluster werden sogenannten "Settings" wie "Haushalt", "Arbeit" oder "Freizeit" zugeordnet, aber nicht einmal diese Settings werden definiert. Es wird auch nicht mitgeteilt, ob die "Settings" (Kategorien) algorithmisch oder durch menschliche Kategorisierung zustande gekommen sind. Wenn algorithmisch, bedarf es einer Offenlegung der Forschungssoftware. Wenn menschlich, bedarf es einer Offenlegung der Methode (Befragung? Inhaltsanalyse?) und der Erhebungsmaterialien.

Hat die AGES gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen?

Die Veröffentlichung der AGES steht im glatten Widerspruch zu einem der Grundprinzipien guter wissenschaftlicher Praxis. Diese Grundprinzipien wurden in Österreich erst vor wenigen Tagen aggregiert publiziert und sind zweifelsohne auch für die AGES ethische Norm. Auf S. 12 des Leitfadens ist zu lesen:

Transparenz meint, nachvollziehbar zu machen, welche Daten, Materialien und Methoden der eigenen Forschung zugrunde liegen und auf welche Weise Erkenntnisse gewonnen wurden. Die Argumentation ist klar darzulegen, und die einzelnen Schritte im Forschungsprozess müssen überprüfbar sein.

"Praxisleitfaden für Integrität und Ethik in der Wissenschaft" des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung vom 29. September 2020, S. 12

Im Text der AGES befinden sich auch inkonsistente Zahlenangaben, wie etwa die folgenden. Zu Beginn heißt es:

Seit 31.08.2020 konnten in Österreich 33.736 Fälle von Infektionen mit SARS-CoV-2 insgesamt 7.258 Clustern zugeordnet werden.

Später ist zu lesen:

Mit 30.10.2020 können 48.847 Fälle von insgesamt 100.051 Fälle [Anmerkung Telepolis-Redaktion: sic!] einem der 9.529 Cluster (Fallhäufungen) zugeordnet werden.

Die Zahlen zu Beginn des Textes dürften also veraltet sein.

Das Hauptproblem bei den AGES-Zahlen ist aber, dass nur sehr wenige Cluster und Fälle den Bereichen "Hotel/Gastro" und "Sport" zugeordnet werden konnten. Das heißt nun entweder, dass dort das Contact Tracing versagt hat oder dass in diesen Bereichen tatsächlich so wenige Fälle sind. Wenn Ersteres, stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen, logistischen und politischen Verantwortung, wie auch der "Standard" kritisch bemerkt. Wenn Letzteres, wird die Bevölkerung nicht verstehen, warum sie nun ausgerechnet auf Restaurant- und Fitnesscenter-Besuche verzichten muss.

Darüber hinaus gibt es pointierte juristische Kritik an der neuen "COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung", die am 02. November 2020 um Mitternacht in Kraft treten wird.

Der zweite Lockdown in Österreich steht unter einem schlechten Stern

Der zweite Lockdown steht in Summe unter keinem guten Stern. Ich stelle zwei Fragen an die österreichische Politik:

  • Warum publiziert nicht zumindest die AGES ihre erhobenen Zahlen nachvollziehbar und transparent?
  • Warum wird nicht jene Prognose veröffentlicht (wieder unter Einhaltung der Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis), die voraussagt, dass es ohne Lockdown-Maßnahmen zwischen Mitte und Ende November zu einer Überlastung der Intensivstationen kommen wird?

Während (!) des ersten Lockdowns wurde zumindest eine entsprechende kurze Stellungnahme publiziert, die u.a. auch der Rektor der Universität Wien unterzeichnet hat. Aus heutiger Sicht waren jedoch auch diese Prognosen falsch: So wurden etwa beim Drücken der Basisreproduktionszahl unter 1,0 für Österreich im November 6.000 Tote prognostiziert, es sind aber mit aktuellem Stand 1.114 Todesfälle zu beklagen.

Volksabstimmung über die zukünftige Corona-Strategie?

Ist der eingeschlagene Kurs der richtige, kann sich die Gesellschaft ein Oszillieren zwischen Lockdowns und Öffnungen auf Monate oder gar Jahre hinweg leisten - sozial, wirtschaftlich, gesundheitlich - physisch wie psychisch? Dazu kommen Negativeffekte für das Bildungssystem und für Kunst und Kultur.

Sollte man den Weg einer Volksabstimmung gehen? Zu hinterfragen ist wohl nicht, dass Würde und Wert eines Menschenlebens über allem stehen. Zu hinterfragen ist aber sehr wohl, ob der eingeschlagene Weg tatsächlich "alternativlos" ist, in Österreich wie weltweit.

(Stefan Weber)