Faul, fett und unglücklich

Bild: Amr Taha™/Unsplash

Das Homeoffice führt zum Shutdown an Kopf und Körper

In der Definition des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit fehlt das Wort Mensch. Vermutlich ist es vergessen worden, weil es keine so wichtige Rolle mehr spielt. Dennoch finden sich immer wieder Angestellte, die seine Ausschaltung als einen Verlust buchen. Nicht so sehr die Jungen, die im modernen Betrieb groß oder auch klein werden, als die Älteren, die der vergangenen Zustände eingedenk sind."

Siegfried Kracauer, "Kurze Lüftungspause"; in: "Die Angestellten", 1929

Die schöne neue Welt der Angestellten und freischwebenden Wissensarbeitern macht nicht alle von ihnen glücklich. Stattdessen herrschen im entgrenzten Alltag des neuen "Homeoffice" Langeweile, Stress und dicke Luft: Das Homeoffice schlägt nicht nur auf die Psyche. Sondern das durch Corona erzwungene Zuhausearbeiten macht die Deutschen auch faul und fett und krank.

Laut einer am vergangenen Freitag veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK führen die Arbeitsbedingungen während der Pandemie zum Shutdown von Körper und Geist. Das Homeoffice entpuppt sich als Bewegungsfalle: Eigenen Angaben zufolge nahm ein Drittel der Befragten mindestens drei Kilogramm zu - sieben Prozent von ihnen sogar mehr als fünf Kilogramm. Gut 40 Prozent der Befragten betonten, sie bewegten sich "deutlich weniger" als früher. Zudem hätten 32 Prozent in der Folge über etwas oder sogar häufigere Rückenbeschwerden geklagt, hieß es.

DAK-Chef Andreas Storm sagte, da viele Beschäftigte auch nach Corona weniger im Büro arbeiten würden, müssten Politik und Gesellschaft nun einen stärkeren Fokus auf die Gesundheit im Homeoffice legen. Das Homeoffice dürfe nicht zur Bewegungsfalle werden.

Die Arbeit ist mehr geworden und unangenehmer

Noch im vergangenen Sommer hatte der gleiche Andreas Storm über eine Studie seines Hauses gejubelt, nach der Arbeitnehmer im Home-Office "gleichzeitig arbeitsamer und weniger gestresst" seien. Die Arbeit von zu Hause aus zahle sich nicht nur im Kampf gegen Corona aus, sondern auch "für das seelische Gleichgewicht."

Vor sechs Wochen nun hatte der Spiegel von neuen Studien berichtet, nach denen viele Arbeitnehmer nach einem Jahr Pandemie zunehmend an den psychologischen Folgen der Heimarbeit leiden. Millionen Arbeitnehmer mussten ihr Wohnzimmer gezwungenermaßen zur Arbeitsstätte umfunktionieren, ohne dass sie selbst oder die Wohn- und Lebensverhältnisse darauf vorbereitet waren.

Die Auswirkungen: Viele Arbeitnehmer leiden unter Einsamkeit, unter der erzwungenen Dauergemeinsamkeit mit der Familie, besonders dem unter Schul- und Kitaschließungen leidendem Nachwuchs, unter einem Arbeitsalltag der an briefmarkengroßen Zoom-Fenstern, arbeitsuntauglichen Möbeln und ohne klare zeitliche Begrenzung stattfindet. Von "Horrorerfahrungen", Nervenzusammenbrüchen und Heulkrämpfen ist die Rede. Burnout, Erschöpfung und Depressionen sind die Folge.

Hinzu kommt: Die neuen Leiden der Arbeitnehmer sind unsichtbar. Niemand misst die Inzidenzrate von Burn-outs, es gibt keine Impfung gegen Erschöpfung, keine Schnelltests für Überforderung.

Überdies ist die Arbeit mehr geworden, nicht weniger. Trotz aller Versprechens vieler Unternehmen, man werde in der Pandemie Rücksicht auf die Belastbarkeit der Mitarbeiter nehmen.

In einer Umfrage, die der Softwarekonzern Microsoft unter 31.000 Vollzeitangestellten und Selbstständigen durchführen ließ, zeigte sich in Europa ein besonders hohes Stresslevel. 42 Prozent der Befragten klagten an einem durchschnittlichen Tag über Erschöpfung. 37 Prozent gaben an, dass ihr Arbeitgeber zu viel von ihnen verlange. Und jeder Sechste ist seit Anbeginn der Ausnahmezustände im Frühjahr 2020 angeblich schon einmal vor Kollegen in Tränen ausgebrochen.

Der Spiegel zitiert Joachim Schottmann, leitender Psychologe bei HumanProtect Consulting, einer Tochter der R+V-Versicherung, die Angestellte von rund 100 Unternehmen in ganz Deutschland telefonisch berät, sobald es kriselt. "Wir beobachten, dass die direkt durch die Umstände der Pandemie verursachten Probleme jetzt erst losgehen", sagt Schottmann. Der erste Lockdown habe sich für manche noch wie ein Abenteuer angefühlt, nun seien die Bewältigungsmechanismen allmählich erschöpft.

Im Homeoffice würden viele Angestellte ihre Arbeit erst erledigen, wenn die Kinder im Bett sind - und dann bis spät in die Nacht am Laptop sitzen. "Bei dem einen kann das zu völlig entgrenztem Arbeitsverhalten bis zur totalen Erschöpfung führen, bei dem anderen mag die Produktivität sinken", so Schottmann.

Wachsende Ängste, Depressionen, Essstörungen, Suizidgedanken

15 Monate Pandemie, davon sieben Monate Dauerlockdown belasten nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Kinder und Jugendliche.

Die im März veröffentlichte "Copsy"-Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) ergibt jetzt, dass in der zweiten Welle fast jedes dritte Kind zwischen sieben und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten zeigt. Vor der Krise war es nur jedes fünfte. Die Rede ist von ausgelaugten und sozial isolierten Jugendlichen, bei denen wachsende Ängste, Depressionen, Essstörungen oder Suizidgedanken zunehmen.

Hinzu kommen Eltern, die in ihrer Mehrfachrolle an ihre Grenzen stoßen. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hat im Februar einen Anstieg der Anfragen in den Praxen um 40 Prozent zum Vorjahr ermittelt.

Viele Experten gehen davon aus, dass die wahren Folgen der Pandemie erst mit Verzögerung kommen werden.

Nach zwölf Monaten Pandemie wird damit immer deutlicher, dass die "Covid-19"-Bekämpfung nicht zum alleinigen Fokus der Gesundheitsbehörden werden darf, sondern welche schweren Schäden auch der von der Regierung verhängte Ausnahmezustand hinterlässt. (Rüdiger Suchsland)