Fehlende Auslandsstudenten bringen Unis in Not

Das Clare College und die King's College Chapel der Cambridge-Universität. Foto: Christian Richardt. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zu den kaum beachteten Corona-Nebenwirkungen zählen Einschränkungen für Studenten, die vielfach ihre Jobs verloren und die Unis die Beiträge ihrer Auslandsstudenten

Aufgrund der Reise- und Einreisebeschränkungen geht die Zahl der Auslandsstudenten seit Beginn der Coronapandemie zurück, was teils beachtliche Probleme für die Hochschulfinanzierung mit sich bringt. Gerade die Elitehochschulen in Großbritannien und den USA sind davon betroffen.

In Deutschland waren zuletzt über 300.000 Auslandsstudenten eingeschrieben, wobei Chinesen die größte Gruppe stellten und Syrer mit deutlichem Abstand die zweitgrößte. 75 Prozent davon hatten vor der Corona-Krise Nebenjobs in der Gastronomie oder im Einzelhandel. Nun sind durch die vorübergehende Schließung von Geschäften, Bars, Cafés und Restaurants die meisten arbeitslos und konnten in der Regel als studentische Beschäftigte auch kein Kurzarbeitergeld erhalten.

Studentenaustauschprogramme auf Eis

Zahlreiche Studentenaustauschprogramme sind für das Sommersemester suspendiert. Studenten, die nach Hause gereist waren, können in vielen Fällen nicht mehr wieder einreisen. Aus mehreren europäischen Staaten ist die Einreise zwar inzwischen wieder möglich, aber deutsche Studenten können derzeit nicht in alle europäischen Staaten reisen. So wird von einer Reise nach Großbritannien und Malta (Stand 22. Juni) vom Auswärtigen Amt dringend abgeraten und auch von einer Reise nach Irland wird abgeraten. Die britischen Hochschulen gehen davon aus, dass die Beschränkungen und der Verzicht auf Präsenzveranstaltungen noch länger anhalten werden. Da die besser zahlenden ausländischen Studenten jetzt wegfallen, fehlt es den Unis inzwischen an Geld.

Da viele Universitäten inzwischen geschlossen sind, versucht man sein Glück mit virtuellen Vorlesungen. Die Universität Cambridge will jetzt alle Vorlesungen im gesamten kommenden akademischen Jahr virtuell organisieren, um zumindest einen minimalen Universitätsbetrieb aufrechtzuerhalten, auch wenn die Studenten nicht nach Cambridge kommen können oder aufgrund von Ausgangssperren in ihren Colleges ausharren müssen. Somit fallen möglicherweise zwei Semester Unibetrieb aus. Man versucht das unitypische Präsenzlernen in kleinen Gruppen und Seminaren anzubieten und eine zeitlich gestaffelte Laborarbeit mit dem vorgeschriebenen Abstand. Wenn die Studenten über Fernunterricht nachzudenken, falls einige Studenten nicht nach Cambridge kommen könnten oder sie durch eine abermalige Ausgangssperre in ihren Colleges festsäßen.

Auch die Universität Manchester startet ein virtuelles Angebot zumindest für das erste Semester. Andere Universitäten dürften diesem Modell folgen. Die britischen Hochschulen fürchten jetzt durchweg die finanziellen Einbußen, wenn die ausländischen Studenten nicht kommen, denn diese bezahlen mit bis zu 44.000 Pfund deutlich höhere Studiengebühren als die einheimischen Studenten, die immerhin knapp 10.000 Pfund pro Jahr entrichten und machen etwa 40 Prozent der gesamten Studentenzahl aus, bei den Graduierten-Programmen sind es sogar über 60 Prozent. Da jetzt auch etwa 20 Prozent der einheimischen Studierwilligen, überlegen, ob sie ihren Studienwunsch aufschieben, bis sich die Situation übersichtlicher gestaltet, droht hier ein weiteres Verlustpotential.

Es gibt inzwischen jedoch auf der Insel auch Stimmen, welche der derzeitigen Entwicklung etwas Positives abgewinnen können. Weg von der Campuserfahrung und einem Studium im Rahmen der Regelstudienzeit und mehr digitale Angebote und Kurzzeitstudiengänge, die sich jeder Student selbst zusammenstellen kann, erscheint manchem eine durchaus erstrebenswerte Alternative zum standardisierten Studienablauf, auch wenn dadurch die Ergebnisse deutlich heterogener werden und die HR-Verantwortlichen dazu zwingen, nach neuen Methoden zur Beurteilung der Bewerber zu suchen.

Stopp der Visa-Vergabe für Auslandsstudenten in den USA

Nach Verhängung der Ausgangsbeschränkungen alle Studierenden in den USA nach Hause geschickt, darunter auch die Auslandsstudenten. Derzeit ist völlig unklar, wer wann an die Universitäten zurückkehrt. Bei den Auslandsstudenten sieht die Lage inzwischen überschaubarer aus. Die bekommen auf absehbare Zeit kein Visum mehr für die USA. Damit fallen nicht nur die aktuellen Auslandsstudenten aus, sondern auch die anstehenden Erstsemester, womit mindestens ein ganzer Jahrgang ausfällt. Und dies trifft nicht nur die Universitäten und ihr Lehrangebot, sondern auch die Kosten für Unterkunft und Verpflegung. In den USA studierten zuletzt 500000 Auslandsstudenten vorwiegend aus China und an zweiter Stelle aus Indien. In den USA bezahlen Auslandsstudenten durchschnittlich anderthalb bis zweimal so hohe Studiengebühren wie ihre einheimischen Kommilitonen.

Studienorte könnten sich verlagern

Wenn künftig viele Studenten wieder in ihrer Heimat studieren, versiegt hier ein beachtliches Einnahmepotential für die Universitäten. Nach einer Umfrage unter chinesischen Studenten, die Auslandspläne hatten, haben viele diese Pläne fürs Erste oder endgültig aufgegeben. Da inzwischen auch die benötigten Sprach- und Eignungstest auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wurden, werden sich viele Studenten nach einer Alternative umsehen, weil sie es sich kaum leisten können, mit ihrem Studium zu warten, bis die Grenzen wieder offen sind. Manche Prestigeuniversitäten werden wohl ihre Partnerschaften mit asiatischen Universitäten ausbauen, die den ausländischen Studenten die Möglichkeit bieten in ihrer Heimat zu studieren und dennoch den Prestigeabschluss zu erhalten.

Größere Umwälzungen im Universitätsumfeld scheinen jetzt anzustehen. Wenn jetzt immer mehr Studiengänge virtuell angeboten werden, können diese auch vom Heimatort der Studenten aus belegt werden, solange die Internetkapazitäten dafür ausreichen. Das reduziert in der Konsequenz den Bedarf an Studentenbuden und lässt der Altersdurchschnitt in den Studentenstädten deutlich ansteigen. Welche Auswirkungen das auf die bekannten Universitätsstädte wie Freiburg oder Heidelberg haben wird, wo die Universitäten zu den größten Arbeitgebern zählen, ist derzeit noch nicht absehbar. (Christoph Jehle)