Feindbild Mann

Das Sorgerechtsurteil des Bundesverfassungsgerichts und die Diskussion über verantwortungsvolle Väter

Seit mehreren Jahren schon geht die Rede von den "neuen Vätern", die sich in wachsender Zahl im Unterschied tz den "alten" mehr um Kinder, Erziehung und Haushalt kümmern - über ihre Berufstätigkeit hinaus. Ein neues Familienmodell wurde begrüßt, mit Vätermonaten ermuntert und mit zahlreichen Untersuchungen gestützt, die von der Wichtigkeit des Vaters für das Wohlgeraten der Kinder überzeugen. Ein Ideal, das den Trauschein nicht nötig hat und das tatsächlich, wie eigene Anschauungen aus dem Münchner Glockenbachviertel belegen, oft genug gelebt bzw. erprobt wird.

Zwar ist das in der Öffentlichkeit sehr wohl sichtbare Phänomen der neuen Väter nicht vor kitschigen neo-bürgerlich-idyllischen Selbstdarstellungen und medialer Überhöhung gefeit, wie ebenfalls zu beobachten ist, aber die Belastung, welche Väter durch dieses Doppel-Engagement im Beruf und Zuhause auf sich nehmen,ist kein Spielchen, das man zur Imagepflege betreibt. Dass es ihnen ernst ist – manchmal vielleicht gar überernst, zeigen Gespräche mit Vätern unmittelbar. Wer das erfahren will, muss nicht weit suchen.

Nun ist das gerade Beschriebene - trotz der Mühen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - ein Idyll, wenn man es in Vergleich mit einer anderen Realität bringt, die schon zu den ersten Berichten über "neue Väter" im Forum laut angemahnt wurde: Der "neue Väter-Hype" würde eine ganz andere Wirklichkeit völlig außer acht lassen, eine Ungerechtigkeit, die selten in den Jubelmeldungen auftauche: Männer, die von ihren Frauen getrennt leben und überhaupt keine Chance haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, weil sich ihre Frauen dagegen sperrten und das Gesetz, das "Müttermonopol" bzw. das "Veto" beim Sorgerecht, auf ihrer Seite sei, so dass man noch nicht einmal vor Gericht das Recht auf Erziehung oder Mitsprache bei der Erziehung und bei wesentlichen Entscheidungen habe.

Dass dies nicht nur auf Einzelfälle, sondern auf eine Vielzahl von Fällen zutrifft, bestätigte letzte Woche das Bundesverfassungsgericht. In seiner Entscheidung über das Sorgerecht bei unehelichen Kindern stützte sich das Gericht bei seiner Abkehr von bislang gültigen Sorgerechtsregelungen in wesentlichen Punkten auf empirische Studien und Daten (siehe Mehr Recht auf Vater für die unehelichen Kinder). Sie widerlegten die bislang gesetzlich verankerte Annahme, dass die Weigerung der Mütter unehelicher Kinder, das Sorgerecht nicht mit dem Vater zu teilen, in erster Linie von der Sorge ums Kindeswohl getragen wird.

Das Urteil wurde in der Öffentlichkeit überwiegend als "längst fällig" begrüßt. Weil, so der common sense, der von Frauen und Männern geteilt wurde, sich die Entscheidung an Väter richte, die Verantwortung übernehmen wollen. Die anderen würden "nicht zu ihrem Glück gezwungen", wie ein erfahrender Familienrechtsexperte das Urteil in einem SZ-Interview kommentierte. Weswegen sich der frühere Oberlandesgericht-Richter auch gegen ein "automatisches Sorgerecht" an beide Elternteile aussprach:

Das darf nicht passieren. Das würde auch Väter treffen und zwingen, die gar kein Interesse haben, oder kurze Bekanntschaften, bei denen das Kind ein Zufallsprodukt oder Ausrutscher war.

Wie viele Väter nichts mit ihren Kindern - und aus welchen Gründen heraus - zu tun haben wollen, führt nun zu einer vollständig anderen Diskussion als jene, die die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts auf konkrete und praktische Konsequenzen abklopft. Die Gerichts-Entscheidung impliziert, wie beschrieben, Väter, die sich verantwortlich gegenüber ihren Kindern fühlen und räumt auch Kindern, die mehr Umgang mit ihren Vätern, die derart gesinnt sind, haben wollen, indirekt mehr Rechte ein.

Dass dies nicht unbedingt so gesehen werden muss, darauf wies ein anderer Kommentar zum Urteil an dieser Stelle hin (siehe Jammernde Väter). Dort wird mit anderen Erfahrungen argumentiert und mit einer anderen Sichtweise auf Männer. Dass sie nicht mit Zahlenmaterial gestützt werden kann, liegt in der Natur der Sache, die hier in den Vordergrund gerückt wird: das Drückebergertum.

Dazu gehört ein notorisch hoher Dunkelzifferanteil, woraus die Autorin abzuleitet, dass im "realen Leben Vater in aller Regel nicht stattfindet" – eine zugespitzte Sichtweise, die sich nicht auf die modische Höhe der Zeit stellen will und den Blick auf die Drückeberger heftet. Für viele Männer, die um das Sorgerecht kämpfen, bzw. ganz andere Erfahrungen machen, ist dies Hohn.

Wann schafft es die Presse endlich einmal das Thema Trennung/Scheidung/Unterhalt richtig zu recherchieren. Als geschiedener der 10 Jahre regelmäßig Unsummen von Unterhalt gezahlt hat, dessen Kinder durch die Mutter systematisch entfremdet wurden, dessen Kinder seinen Namen abgelegt haben und zum Schluss, nach dem keine Zahlungen mehr notwendig waren, die Kinder adoptiert wurden, empfinde ich einen solchen Artikel als eine bodenlose Frechheit!!

Die Autorin hatte in ihrem Artikel geltend gemacht, dass sie es als Sozialberaterin für Studierende mit Kindern vor allem mit Vätern auf der Flucht zu tun hatte, weswegen das "Klagelied der diskriminierten Männer", das im Zusammenhang mit der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung angestimmt wurde, in ihren Ohren höhnisch klang. Dass sie eine andere Realitätssicht, die sich auf die alleingelassenen Mütter konzentrierte, zu Wort kommen ließ, ist als Diskussionsbeitrag völlig legitim; erstaunlich, wie viele Forumsbeiträge zu ihrem Meinungsartikel und Mails dazu zensurähnliche Maßnahmen eingefordert haben.

Wut schürte, dass von der Autorin vor allem ein Männerbild bemüht wurde, in dem Verantwortungslosigkeit, Gewalttätigkeit und Machtinteresse bestimmend sind. Altbewährte Vorwürfe also, die man seit 40 Jahren kennt. Dass sie noch immer zu äußerst lebendigen Reaktionen führen, zeigt das Forum zum Artikel – und es zeigt, dass darauf teilweise mit einem noch viel älteren Repertoire aus Hexenjagdzeiten eingegangen wurde.

Das wirft kein günstiges Licht auf die Autoren der Beschimpfungen, zumal die polemischen Beispiele und Grundannahmen der Artikelautorin ja angreifbar sind und leicht zu kontern - entweder durch eigene Erfahrungen, wie dies Lesermails zeigten, oder Argumente oder Gegenbeispiele. Etwa die Aussage, wonach "Frauen, Mütter zumal, keine Lobby haben und Männer schon".

Haben sie natürlich - zum Beispiel im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), der anders als es der egalitäre Name verspricht, vor allem die Rechte der Mütter vertritt (der Anteil der alleinerziehenden Väter bei den Mitgliedern liegt nach Auskunft der Geschäftsstelle bei 10 Prozent). Der Verband tat sich als eine der wenigen kritischen Stimmen zur Sorgerechtsentscheidung des BverfG hervor.

Mit Argumenten, wie das Interview mit der Bundesvorsitzenden Edit Schwab dokumentiert, die ähnlichen Motiven und Männerbildern gehorchen, wie dies der oben beschriebene Meinungsartikel äußert. Auf die Frage, warum "viele Frauen" dagegen sind, dass künftig beide Elternteile dieselben Rechte haben, antwortet Schwab beispielsweise:

Das Gesetz bedeutet ja nicht, dass Männer mehr Verantwortung übernehmen sollen, sondern lediglich, dass Väter, denen die Mutter das Sorgerecht – oft aus guten Gründen – nicht freiwillig überlassen möchte, sich nun in eine Rechtssituation einklagen können.

Unter den nicht-verheirateten Eltern, um die es hier geht, haben bereits über 50 Prozent der Väter das gemeinsame Sorgerecht mit der Mutter. Zu den anderen 50 Prozent gehören aber unter anderem die Väter, die nur für eine Nacht lang Kontakt zur Mutter hatten, und Vergewaltiger. Auch die können sich nun einklagen.

Dass die letztere Behauptung nicht stimmt, wirft ein Licht auf die gesamte Argumentation, die genau das "Unter anderem-Promille" der Männer als signifikant herausstellt, um dem Rausch des Feindbilds zu folgen. Gut, dass es Gerichte gibt, die solche Suggestionen nicht gestatten, möchte man dem entgegensetzen.

Wenn Schwab die vielen alleinerziehenden Müttern im weiteren Verlauf des Interviews damit erklärt, "weil die Väter keine Verantwortung übernehmen wollen. Weil Kinder in Deutschland immer noch Müttersache sind", dann können bislang benachteiligte Väter dies in der Folge der verfassungsgerichtlichen Entscheidung künftig hoffentlich besser als Vorurteil demaskieren.

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