Fellay-Studie: Zweite Corona-Welle?

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Über eine brisante wie fragwürdige Studie der ETH Lausanne

"Forscher warnen vor Millionen Infizierten in der Schweiz" überschreibt das SRF einen am 29. April 2020 erschienenen Artikel. Die Rede ist von einer zweiten Coronavirus-Welle, deren Ausmaß ein internationales Forscherteam um Joseph Lemaitre und Jacques Fellay vom L'Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) hochgerechnet hat.

Fellay, der hier wegen seiner Aussagen besonders im Fokus steht, forscht an der EPFL in Lausanne zu "Human genomic studies in infectious diseases". Es geht also um den Zusammenhang zwischen genetischen Besonderheiten einzelner Menschen und deren Empfänglichkeit (Suszeptibilität) für eine Virusinfektion. Konkret untersucht haben er und seine Arbeitsgruppe die Viren HIV, Hepatitis C, Cytomegalovirus sowie das Epstein-Barr-Virus. Das SARS-CoV-2 ist (noch) nicht darunter.

Eigentlich wäre so ein Ansatz im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 geradezu wünschenswert. Man weiß über den Zusammenhang zwischen Krankheitsverlauf und individuellen Dispositionen eigentlich nicht viel, außer dass ein hohes Alter wie Vorerkrankungen die Letalität erhöhen. In der vorliegenden Studie machen Lemaitre, Fellay et al. jedoch gerade nicht diese dringend benötigte Kausalanalyse, sondern arbeiten rein statistisch.

Was macht die Studie so brisant?

Was ist an dieser Studie so brisant, dass man sich unter der Flut von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Coronavirus gerade mit dieser befassen sollte? Ich sehe vier Gründe dafür.

1. Fellays politische Rolle

Da ist zum einen die politische Rolle von Jacques Fellay. Er ist Mitglied der vom Bundesrat eingesetzten Arbeitsgruppe zum Coronavirus. Seine Meinung wird die Entscheidungen des Bundesrats mit beeinflussen. Ein analoges Beispiel aus dem Ausland macht dies plausibel: Die Modellrechnung von Neil Ferguson hatte vor einigen Wochen entscheidenden Einfluss auf die Corona-Politik Großbritanniens und der USA und brachte deren Regierungen zum deutlichen Verschärfen der Maßnahmen.

2. Fellays zweifelhafte Äußerungen

Zweitens sind da Fellays Äußerungen bezüglich künftig notwendiger Anti-Corona-Maßnahmen, die in einem suggerierten Zusammenhang mit der Studie stehen (den es so aber gar nicht gibt, wie wir gleich sehen werden). Im Folgenden die Zitate und jeweils ein kurzer Kommentar dazu:

Sobald der Druck ein wenig nachgelassen hat, wie es seit Anfang dieser Woche der Fall ist, kann die Epidemie in der Bevölkerung gleichmässiger zirkulieren. Es ist daher unerlässlich, diese allmähliche Lockerung des Lockdowns mit allen möglichen anderen Maßnahmen zu begleiten, die verhindern, dass das Virus wieder die Oberhand gewinnt. Und es ist dieses Versteckspiel, das wir zu beherrschen lernen müssen.

Fellay bringt hier die fast schon triviale Feststellung, dass nämlich nach einer Lockerung der Maßnahmen das Virus, gemäß Vorhandensein, in der Bevölkerung gleichmäßiger zirkulieren kann. Das ist einsichtig, weil die Verkehrsbewegungen wieder stärker werden. Allerdings verwendet Fellay statt des sachlich unstrittigen "Virus" den Begriff "Epidemie", wodurch suggeriert wird, dass die Schweiz nach wie vor eine Coronavirus-Epidemie habe. Das ist aufgrund der Zahlen (siehe weiter unten) höchst fragwürdig. Zuletzt ist seine "Versteckspiel"-Metapher mehr suggestiv als wissenschaftlich: Sie erweckt den Eindruck, wir befänden uns in einer Art "Guerilla-Krieg" gegen einen phantomhaften Feind und müssten deshalb alles Mögliche tun, um ihn in Schach zu halten.

Das Verbot einiger Festivals im Sommer wird es uns nicht ermöglichen, die Reproduktionsrate unter 1.2 zu halten.

Es ist völlig unklar, wie Fellay zu dieser Einschätzung gelangt. Seine Studie gibt, wie wir noch sehen werden, so eine Schlussfolgerung nicht her. Sie berechnet nur mögliche Szenarien basierend auf verschiedenen Reproduktionsraten, macht aber keinerlei Aussage darüber, durch welche Maßnahmen die Reproduktionsraten erreicht werden können. Seine Worte implizieren allerdings, dass weit mehr als nur "einige Festivals" abgesagt werden müssten - also ein noch größerer Kahlschlag des sozialen und kulturellen Lebens, als er ohnehin schon stattgefunden hat?

Wenn wir zu unserer gewohnten Lebensweise zurückkehren, wird uns die Epidemie sehr schnell überfordern. Wir müssen weiterhin eine gewisse Distanz einhalten, sei es durch einen Abstand von mehr als zwei Metern zu anderen Personen oder durch das Tragen von Masken.

Wiederum ist unklar, woher Fellay die Gewissheit nimmt, die Epidemie würde "uns" (also wohl die Schweiz) schnell "überfordern", falls wir wir zu unserer gewohnten Lebensweise zurückkehrten. Auch hierfür liefert seine Studie keine Rechtfertigung, da sie noch nicht einmal zu zeigen versucht, wie die Lebensweise der Menschen mit verschiedenen Reproduktionsraten korreliert.

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle sehr glücklich sein können, wenn innerhalb von zwölf oder 18 Monaten ein Impfstoff funktioniert.

Ein schweres Geschütz, das Fellay da auffährt. Seine Aussage impliziert, dass ein Impfstoff der einzige Weg aus der Corona-Situation ist. Dazu müssten aber einige Dinge gegeben sein: Dass wir es mit einem hochgefährlichen Virus zu tun haben (1), dass eine "zweite Welle" sehr wahrscheinlich ist (2), und dass selbst wenn (1) und (2) zutreffen, es keine Alternativen zur Impfung gibt (3). (1) und (3) werden von der Studie überhaupt nicht behandelt (bzw. wird (1) in unzulässigem Maße vorausgesetzt), und (2) folgt aus der Studie nur aufgrund von fragwürdigen Annahmen, die ich aufzeigen werde.

3. Mangelhafte Medienberichterstattung

Der dritte Grund für eine Analyse der Studie ist die Qualität der medialen Berichterstattung in der Schweiz. Einflussreiche Leitmedien arbeiten ganz offensichtlich mangelhaft. Der zitierte SRF-Artikel versucht nicht einmal, die Methodik der Studie überhaupt zu erklären, geschweige denn zu analysieren, sondern beschränkt sich weitgehend auf genannte Fellay-Zitate. Die Aargauer Zeitung erläutert zumindest die Herangehensweise der Studie, gibt aber deren Ergebnisse ohne kritische Untersuchung wieder. Was beim Leser bleibt, ist der Eindruck, dass ohne weitere Maßnahmen Millionen von Schweizerinnen und Schweizern infiziert würden, und dass ein hoher Tribut an Leben bezahlt werden müsse. Solche Schlussfolgerungen müssen aufgrund ihrer Folgenschwere dringend auf Plausibilität überprüft werden.

4. Internationale Beispielhaftigkeit

Die vorliegende Studie befasst sich zwar nur mit der Schweiz. Zu erwarten ist allerdings, dass in anderen Ländern methodisch sehr ähnliche Hochrechnungen gemacht werden (bzw. schon gemacht wurden, siehe Ferguson-Studie). Damit könnte die Fellay-Studie exemplarisch für eine Wissenschaft stehen, mit der die Politik folgenreiche Entscheidungen begründet. Eine Analyse der Studienmethodik erleichtert eine Bewertung von ähnlichen Arbeiten in anderen Ländern.