Fenster zur Welt: Zur Zukunft des Internet

Ein Gespräch mit Peter Weibel, der das Zentrum für Kunst und Medientechnologie leitet

„Das Internet ist der letzte und entscheidende Angriff auf den Nahsinn“ und führt trotzdem zu einer „verstärkten Ferngesellschaft und zwar in Echtzeit“, "gegen Bill Gates Microsoft und Co. waren die Pharaos Waisenknaben“ oder „die Zukunft sind definitiv offene Quellcode- und Archivsysteme“: Im Interview mit Robert Hauser spricht Peter Weibel, Medienkünstler und -theoretiker und Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, über Visionen und Leitbilder des Internet.

Herr Weibel, was sind Ihre Visionen für das Internet im Jahre 2016? Wo sehen Sie als Künstler die größten Entwicklungspotenziale?
Peter Weibel: Man muss bei neuen Technologien immer zwei Dinge betrachten: Welche Bedürfnisse bringen neue Technologien hervor und wenn die Technologien existieren, welche Bedürfnisse erzeugt diese Technologie dann? Es ist offensichtlich, dass die monopolistischen Kommunikationsformen der technischen Kommunikation wie Radio und Fernsehen die Bedürfnisse nicht restlos befriedigt haben. Das heißt, zuerst war der Wunsch da, überall Musik hören zu können; gleichzeitig hat man aber gesehen, dass diese Technologie einen neuen Wunsch erzeugt, nämlich bipolar und multipolar zu kommunizieren.
Sie spielen hier auf die neuen Plattformen des so genannten Web 2.0 an…
Peter Weibel: …man kann im Netz sehen, dass es drei große Plattformen gibt, die exakt diese Bedürfnisse befriedigen. Für Musik gibt es Plattformen wie iTunes, für die Fotografie, also für statische Bilder, gibt es beispielsweise Flickr.com und für bewegte Bilder haben wir YouTube.com und andere. Man sieht, es besteht ein großes Bedürfnis an selbst programmierter Kommunikation und zwar multipolar, unzensiert und nicht institutionalisiert.
Wie erklären Sie den Erfolg von Fotoplattformen wie etwa Flickr.com?
Peter Weibel: Die Leute hatten damals den Wunsch zu fotografieren, also hat ihnen die Technik den Fotoapparat gegeben. Dann haben Sie aber schnell gemerkt, sie können die Bilder nicht publizieren, denn da sind die Zeitschriften, die sagen „gut“ oder „schlecht“, die Verleger und die Kritiker. Das war ein ziemlicher Flaschenhals. Die Fotos waren da – wir hatten Millionen von Fotos auf der Welt –, aber keine Technik, diese Fotos anderen Menschen im großen Maßstab zugänglich zu machen. Jetzt haben wir diese Technik in Form des Internet und solcher Plattformen wie Flickr.com.
Der „Nutzer“ ist damit Konsument und Produzent in einer Person?
Peter Weibel: In der ersten Phase hat die Technologie den Konsumenten erzeugt und in der zweiten Phase wird der Konsument zum Produzenten: Er emanzipiert sich, er macht alles selber, d.h. er braucht keinen Verlag, kein Museum. Wir haben also diese wunderbare Technologie wie das Netz, die ist antiinstitutionell, nicht zensiert, und dort können die Menschen sich selbst als Konsumenten emanzipieren. Jeder kann dann überall sein eigenes Programm zusammenstellen und durch Herunterladen selbst „Regisseur“ sein.
Welche Rolle spielt bei dieser Entwicklung die „Community“, zu der sich ja auch das ZKM zählt?
Peter Weibel: Die „Community“ hat dabei auf mehrfache Weise die Chance, zu dieser Entwicklung beizutragen und wird diese Chance auch ergreifen: Erstens die Chance an der technischen Entwicklung mitzuwirken, und zweitens, die kulturphilosophischen und sozialen Implikationen bewusst zu machen, das macht zum Beispiel das ZKM. Wir werden z.B. zu diesem Komplex eine große Ausstellung organisieren, in der wir bewusst machen, was die Richtlinien, die Fluchtpunkte dieser Entwicklung sind.
Diese drei Plattformen, die Sie gerade angesprochen haben, zeichnen sich vor allem durch so genannten. „User-Generated-Content“ aus. Nun sagen Sie, die „Cultural Community“ kann sich technisch und inhaltlich einbringen. Wo sehen Sie Bereiche, in denen sich die Kunst jetzt schon in das Internet eingeschrieben hat? Gab es Ihrer Meinung nach schon Meilensteine, von denen Sie sagen, da haben die Künstler neue Nutzungswege aufgezeigt?
Peter Weibel: Das ist genau das Web 2.0, und da wird die Kunst folgende Rolle spielen: Die Industrie hat in dieser neuen Phase, die ich vorhin erwähnte, neue Bedürfnisse geschaffen, aber sie weiß noch nicht genau, welche das sind und wie sie diese genau gestalten soll. Und in diese Lücke wird die Kunst einsteigen. Dies betrifft z.B. auch die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die man bisher nur auf Konsumgeräte reduziert hat. Man hat z.B. das Bedürfnis nach visueller Pornographie, aber was ich dazu aus der Maschine raushole, ist zu wenig, das kann die Bedürfnisse, die diese Maschine selbst geweckt hat, nicht befriedigen, nicht formal, nicht gestalterisch und auch nicht technologisch.
Das heißt konkret?
Peter Weibel: Wenn ich Filme sehe oder auch Bücher lese, will ich dies nicht nur auf dem Monitor tun. Bisher war die Schnittstelle die Maus und die Tastatur, aber die Schnittstelle ist der gesamte Computer, ja das gesamte Netz; wir brauchen eine Technik, die den Raum selbst großflächig dramatisiert. Das heißt ich möchte eine Technik haben, eines Tages vielleicht in 3D oder ganz und gar virtuell sein wird. In den nächsten 10 Jahren wird es das Ziel sein, Bilderkennungsverfahren zu entwickeln, mit deren Hilfe ich meinen PC durch Mimik und Gestik steuern kann. Man muss die Schnittstelle also räumlich dramatisieren.
Wo sehen Sie gerade in der Kunst mit dem Internet noch ungenutzte Potenziale?
Peter Weibel: Bei der Kunst mit dem Internet muss man zwischen einer abstrakten und einer konkreten Ebene unterscheiden. Das Internet ist der letzte und entscheidende Angriff auf den Nahsinn. Bisher war noch ein Großteil der Kultur auf dem Nahsinn aufgebaut, also auf taktile Erfahrungen usw. Aber wenn wir soweit sind, dass der klassische Schauplatz der Nahsinne, nämlich die Sexualität, aufgelöst wird, durch Telefonsex, Fernseh- und Internetpornographie – dann zeigt das einen dramatisch veränderten Status der Sinnes- und Wahrnehmungsverhältnisse in unseren Kulturen.
Was bedeutet das für die künstlerische Reflexion?
Peter Weibel: In der Kunst kann man jetzt zwei Dinge machen. Entweder man geht verstärkt zurück auf den Nahsinn, also auf taktile Reize – was ja auch oft gemacht wird in Ausstellungen und Museen, indem man auf Knöpfe drückt oder Pedale tritt und dann tut sich etwas. Man geht sozusagen auf frühkindliche präadulte Erfahrungen zurück, das möchte ja jedes Kind, dass, wenn es auf den Tisch klopft, jeder hinschaut, das ist im Prinzip eine Kopplung aus der Suche nach Aufmerksamkeit mit dem Gedanken, ich bin im Stande, die Welt zu verändern. Dieses Erlebnis ist an den Nahsinn gebunden, und das kann man in der Kunst in Ausstellungen usw. inszenieren. Die zweite Möglichkeit, und das ist die viel größere, ist, diese Ferngesellschaft, die sich errichtet hat, zu verstärken.
Könnten Sie hierzu ein Beispiel nennen?
Peter Weibel: Ein konkretes Beispiel wäre zum Beispiel ein Fenster, aber das ist ein spezielles Fenster, das kann ich öffnen und höre dann nicht den Straßenlärm von Karlsruhe oder die Kinder aus dem Kindergarten gegenüber, sondern ich kann auswählen, mit einem Menü, was ich hören und vielleicht auch sehen will und zwar in Echtzeit. Das ist also etwas völlig Neues. Die Musik auf dem iPod ist zwar transportabel, aber trotzdem nur gespeichert, ist also Konserve und nicht ganz die Wirklichkeit. Ich möchte jetzt aber z.B. hören, wie klingt es am Strand von Copacabana oder wie heult der Wind auf dem Mount Everest - und zwar live. Da muss die Technik dann hergehen und Mikrophone aufstellen. Jetzt habe ich also mein Fenster und höre die Geräusche vom Himalaja und zwar nicht gespeichert, das wäre ja Schwindel, sondern direkt übertragen und dann bin ich wirklich in der Ferngesellschaft.
Also so ähnlich wie mit Webcams, die es ja schon gibt, mit denen ich in Realtime von meinem Computer aus andere Orte der Welt sehen kann?
Peter Weibel: Und das muss gesteigert werden, ich habe das als Künstler schon alles gemacht, nur es muss verbraucherfähig werden. Hierbei hat vor allem die Technik noch viel zu tun, aber das ist der Trend, eine verstärkte Ferngesellschaft und zwar in Echtzeit.
Im Zuge des Web 2.0 und dem Trend hin zum „User-Generated-Content“, spitzen sich auch die bereits seit längerem vorhandenen Probleme im Zusammenhang mit Urheberrechten und DRM zu. Sollten der Staat und die Politik hier mehr wirksam werden oder sollte man dieses Feld der Wirtschaft und den Konsumenten bzw. den Usern überlassen?
Peter Weibel: Also reden wir zunächst vom Ist-Zustand und dann davon, wie es sein sollte. Der Ist-Zustand ist geprägt von einer unüberbietbaren Rechtlosigkeit. Ich gebe Ihnen hierzu ein Beispiel, weil man in diesem Raum ja überhaupt nicht mehr weiß, was Recht ist oder worüber man eigentlich redet. In der klassischen Industriegesellschaft hat man als Konsument immer noch Wahlmöglichkeiten. Ich kann dieses oder jenes Auto kaufen, die Reifen und die Sitzbezüge usw., also zwischen verschiedenen Marken und Produkten wählen. Dies ist beim Computer nicht mehr der Fall. Da gibt’s im Prinzip nur einen Computer und ein Betriebssystem. Wir haben einen Zustand erreicht, der ist an Feudalismus nicht mehr zu überbieten.
Wer hat schuld an der Misere? Microsoft?
Peter Weibel: Gegen Bill Gates Microsoft und Co. waren die Pharaos Waisenknaben. Daran kann man sehen, wie man in 30 Jahren zum reichsten Mann der Welt wird, indem man sich in einem rechtslosen Raum ein Monopol schafft und die Vertragsfreiheit sowie die Wahlmöglichkeiten abschafft. Wir fangen gerade erst an, uns zu fragen: Muss das eigentlich sein? Das bedeutet in der Konsequenz, dass der Staat, und der Staat ist nicht die Politik, der Staat, das sind wir, die Bürger, hat klar versagt und hat sich von der Computerindustrie versklaven lassen. Jetzt kann man sich auch vorstellen, was wünschenswert wäre, nämlich mehr Wahlmöglichkeiten.
Und haben Sie auch eine Idee, wie man das erreichen könnte? Denn die Europäische Union hat Microsoft ja schon mehrfach abgemahnt und Bill Gates musste schon mehrere Millionen Dollar Strafe zahlen, verändert hat sich jedoch dadurch nichts.
Peter Weibel: Die einzige Möglichkeit wäre, dass die EU 100 Mio € investieren und mit diesen Mitteln ein echtes Konkurrenzprodukt entwickeln würde, z.B. einen Computer, der nur 100 € kostet. Dann wäre es mit dem Spuk Microsoft schnell vorbei. Dafür könnte man auch die Hilfe von Leuten in Anspruch nehmen, die Microsoft verlassen haben, wie z.B. Charles Simonyi, der Microsoft 2002 verlassen hatte, weil Microsoft seine Produkte in derartig schlechtem Zustand verkauft, dass der Kunde als Produkttester missbraucht wird. Das Hauptproblem ist, dass die Wirtschaft leider teilweise von unfähigen Leuten geführt wird.
Nun gibt es in den USA das Projekt von Nicolas Negroponte, der den 100 $ Computer bauen will…
Peter Weibel: …ja, und der Gegner von diesem Projekt ist Microsoft, weil man dort natürlich weiß, dass das für sie das Ende bedeutet. Aber als Gegenkonzept dazu setzt man nun bei Microsoft auf das Handy als Zukunftsmedium, das als Alleskönner den Computer ersetzen soll. Und Negroponte war ja auch schon in Europa unterwegs, um das Projekt vorzustellen, aber weder die Politik noch die Wirtschaft ist darauf eingestiegen, denn die Wirtschaft will den Konsumenten als Sklaven behalten und die Politik denkt nicht weit genug, indem sie sagt, das geht uns nichts an.
Es gibt ja schon seit einiger Zeit, auch und vor allem in Europa, eine starke Open-Source-Bewegung. Wäre das nicht eine potenzielle Möglichkeit, dem Monopolismus zu entkommen?
Peter Weibel: Ja, das ist die einzige Chance, die Zukunft sind definitiv offene Quellcode- und Archivsysteme. Wir versuchen ja schon lange, hier im ZKM unsere Sammlungen in offene Archive einzubringen. Das Einzige, was uns noch hemmt, sind die Wünsche der Galleristen und Künstler selber. Jedes Mal, wenn ich einen Vorstoß in diese Richtung mache, gab es eine riesige Protestwelle von Seiten der Künstler oder ihrer Vertreter. Die Begründung ist dann, dass wir sie fragen müssen, weil wir eine Institution sind, subversiv dürfen also nur sie sein, nicht aber wir als Institution. Da hinkt das Bewusstsein also noch stark hinterher.
Noch einmal zurück zum Thema rechtliche Rahmengebung: Wir haben ja mittlerweile in Deutschland eine Internetzugangsrate von ca. 55%. Damit zählt Deutschland zu den führenden Internetnationen, allerdings hat man das Gefühl, dass die Politik diese Führungsrolle nicht wahrnimmt und nur in geringem Maße gestaltend und regelnd eingreift. Was kann die Kunst tun, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen?
Peter Weibel: Also einer der Hauptstreitpunkte im Netz ist die Verlässlichkeit der Information. Jetzt habe ich also das Problem, dass wenn ich im Netz etwas wissen möchte, soll ich dann z.B. zu Wikipedia gehen oder zur Encyclopaedia Britannica? Das Argument ist hier oft, bei Britannica sorgen die Akademiker für die Richtigkeit von Informationen, während Wikipedia vom Volk und den Konsumenten erstellt ist, und das ist nichts wert. Im Prinzip müsste man eine Möglichkeit finden zu verhindern, dass das Netz nicht von Falschinformationen überschwemmt wird und man sich auf die Information, die man findet, auch verlassen kann.
Wie könnte diese Möglichkeit konkret aussehen?
Peter Weibel: So wie die Leute auch im Straßenverkehr den Vertrauensgrundsatz eingeführt haben, dass bestimmte Regeln eingehalten werden, müsste nun auch im Internet eine, wie ich es nenne „Ethik der Konsequenz“ errichten. Fehlverhalten im Netz müsste Konsequenzen haben und zwar nicht nur theoretisch. So wie die Straßenverkehrsordnung bräuchten wir eine Kommunikationsordnung für das Internet.
Allerdings sieht man ja ziemlich deutlich, dass das Bewusstsein für diesen Regulierungsbedarf in der Politik leider unterentwickelt bzw. nicht vorhanden ist, und das, wie schon eben gesagt, obwohl gut die Hälfte der Bevölkerung im Netz unterwegs ist.
Peter Weibel: Ja, von der Industrie bis hin zur Nutzung ist alles dereguliert, weil die Politik in der Tat leider kein Bewusstsein entwickelt hat, sie überlässt alles der Wirtschaft und schützt damit faktisch den User nicht. Ich gebe Ihnen dafür ein gutes Beispiel. Als ich hier am ZKM angekommen bin, habe ich am Anfang immer diese Sexmails bekommen…
Dagegen helfen ja bekanntlich Spamfilter…
Peter Weibel: …eben, will man den Müll draußen lassen, muss man sich also einen Spamfilter kaufen und installieren, d.h. die Industrie entwickelt den Schutz des Konsumenten, weil sie damit viel Geld verdienen kann. Das ist also so, als müsste ich beim Autofahren immer meinen eigenen Polizisten dabei haben. Und genau das ist der Zustand im Netz, jeder muss sich seine eigene Polizei anschaffen. Dieser Zustand ist auf Dauer natürlich nicht haltbar, der Staat muss auch hier, wie mit Polizei und Feuerwehr im Verkehr, im Netz bestimmte Aufgaben übernehmen.
Das Internet hat sich ja relativ chaotisch entwickelt, lediglich die Vergabe der URLs durch die ICANN ist reguliert und institutionalisiert, aber ansonsten wurde ja nichts reguliert….
Peter Weibel:.. und eben dadurch konnte sich ja hier dieses riesige Vermögen innerhalb weniger Jahre ansammeln, da hat einer eine Idee und nach zwei Jahren ist er Multimillionär, weil er wie ein Raubritter oder Warlord agieren kann, ob das nun Firmen sind wie Telekom oder Microsoft, die im Grunde Warlords sind und Phantasiepreise verlangen, nur weil sie das Monopol haben und sagen: „Das ist mein Gebiet“, die leben alle von der Rechtlosigkeit des Raumes und machen riesige Vermögen.
Was bedeutet für Sie der Begriff Informationsgesellschaft?
Peter Weibel: Der Begriff kommt ja aus Karlsruhe von Karl Steinbuch von 1968, und ich glaube, dass er seine Berechtigung hat und zwar aus zwei Gründen. Weil wir ungeheuer leicht Zugang zu Informationen haben und zwar zu ungeheuren Mengen von Informationen, und weil wir sehr leicht ungeheure Mengen von Informationen distribuieren können. Diese Verteilung und der berühmte Begriff „Access“ von Riffkin sowie die zunehmende Geschwindigkeit und die Menge, das alles zusammen macht die Informationsgesellschaft aus.
Was bedeutet das für die Politik?
Peter Weibel: Die Hauptkonsequenz ergibt sich meiner Meinung nach für die Zeitungen bzw. klassischen Printmedien und das betrifft auch die Politik. Schon heute lesen viele Leute kaum noch die Zeitung, weil sie dort nicht die Informationen bekommen, die sie suchen. Sie suchen und finden sie dann im Netz. Wenn etwas Bedeutendes passiert, dann haben die Leute, die dort gewesen sind, meistens ihre Informationen ins Internet gestellt, noch lange bevor eine Zeitung sie drucken kann. Deswegen lese ich lieber die Internetseite selber – auch wenn man sich oft ein wenig bemühen muss, die relevanten Seiten zu finden.
Verliert die Print-Zeitung damit an Einfluss und ihr Monopol auf Informationsselektion?
Peter Weibel: Die Zeitungen haben mit dem Netz eine starke Konkurrenz bekommen. Das liegt vor allem auch daran, dass sie nur noch über ihre Befindlichkeiten schreiben oder im Netz abschreiben. Sie sind nicht mehr in der Lage, Informationen selbst zu erzeugen. Dadurch sinkt ihr Einfluss. Als Gegenreaktion kämpfen sie um mehr Einfluss, sie werden immer mehr zu diktatorischen Medien, die ihre Meinung durchdrücken wollen. Sie kommentieren und kommunizieren die Politik nicht mehr, sondern möchten sie selbst machen. Und dadurch entsteht eine Verschmelzung zwischen Medien und Politik, die an den Rand des Undemokratischen gerät. Wir haben heute im Grunde nur noch Staatsfernsehen und Staatszeitungen und das Netz ist das einzige Medium, in dem ich das nicht habe.
Muss es nicht hier auch Aufgabe der Kunst sein, auf diese Missstände aufmerksam zu machen?
Peter Weibel: Die Kunst macht das die ganze Zeit, es gibt viele Künstler – hauptsächlich Netzkünstler –, die sich gerade mit diesem Thema auseinandersetzen. Wir im ZKM sind einer der wenigen, die das immer wieder unterstützen - und das ist ein echter Guerillakampf. Wenn ich dann solche Ausstellungen mache wie z.B. „Net_Condition“ oder jetzt „Making Things Public“, dann schreiben die Zeitungen nicht darüber. Das ist also die Kampfsituation wie damals die Samisdat (russ.= Selbstverlag; Anm. des Autors) im Untergrund. Man muss die Macht der Medien brechen, denn sie geben sie nicht freiwillig auf, und irgendwann werden wir auch gewinnen, aber bis dahin ist es eben ein langer und schwieriger Weg.
Wirkt das Internet als sich global verbreitende Technik homogeniserend auf die Gesellschaften die es nutzen?
Peter Weibel: Es gibt zum einen Nationen, die mehr Interesse daran haben, ihre Kommunikation zu technisieren, und solche, die daran weniger Interesse haben. Die Franzosen haben zur Technik insgesamt eine ganz andere Einstellung als z. B. die Deutschen, das kann man immer wieder sehr schön am Beispiel der Kernenergie sehen. Dann hatten sie eine sehr früh eingeführte Netzwerktechnik, nämlich das Minitel. In Österreich gab es ja damals BTX und das ist gescheitert …
…wie auch in Deutschland…
Peter Weibel:…und der Grund dafür ist, dass die Deutschen aus historischen Gründen, genauer durch den Faschismus gegen Technik sind. Der Faschismus war eine hoch technologisierte Bewegung, das war keine Blut- und Bodenbewegung, sondern technikbegeistert vom VW-Auto übers Radio usw., von daher sind die Deutschen geschädigt. Sie haben das Gefühl, sie müssen auf Distanz zur Technik gehen. Die Frankfurter Schule hat ihnen dann noch dabei geholfen, das waren alles im Grunde technikfeindliche Leute. Das Ergebnis ist, dass wir jetzt eine ganze Partei an der Regierung haben, die im Grunde auf Technikfeindlichkeit begründet ist. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Der politische Kontext ist dadurch auch in der Technik ablesbar und umgedreht. Bei uns ist BTX gescheitert, aber die Franzosen haben das Minitel, weil da eine Kultur war, die diese Technik umarmt hat.
Das heißt, dann ist Kultur Ihrer Meinung nach also mehr als nur „die doppelte Kodierung von Differenz“, wie Niklas Luhmann sie definiert hat?
Peter Weibel: Ja, sie ist mehr, man kann das an Ihrem Wortspiel schön zeigen: „Technische Kulturen oder kultivierte Technik?“ Es geht hier meiner Meinung nach um eine evolutionäre Perspektive. Man hat ja im Grunde die Kultur als Überlebensstrategie aus evolutionären Gründen erfunden. Je komplexer eine Gesellschaft wird, umso mehr muss sie sich technisch entwickeln, damit sich ein Kulturzusammenhang herstellt und sie nicht in den Naturzustand zurückfällt. Technik ist ja nichts anderes als Werkzeug, da braucht man nicht lange zu philosophieren. Werkzeuge dienen wiederum primär dazu, sich in der Natur durchzusetzen, das sind also Differenzierungen der Natur gegenüber. Das ist also der Sinn von Technik, und jede Kultur ist Kulturtechnik, denn es gibt gar keine Kultur ohne Technik. Jede Technik schreibt die Arbeit der Kultur fort.
Im Grunde ist die zentrale Aufgabe aller Kulturtechnik die, den Menschen von den Zwängen von Raum und Zeit unabhängig zu machen und zwar bis hin zu den Hauptzwängen, dass wir geboren werden und sterben. Wir versuchen also ununterbrochen, und das ist das Evolutionäre, das schmale Zeitfenster, in dem wir leben, zu erweitern, uns durch die Ferntechnik mit Daten zu versorgen, dass ich eben durch mein Fenster sehen kann, wie das Wetter in Brasilien ist, und damit die Gitterstäbe von Raum und Zeit immer mehr auszudehnen. Und das ist Kultur, das ist die evolutionäre Strategie des Menschen.
Wenn wir uns und unser Wissen und sogar unsere Identität im Internet virtualisieren, ist das also letztendlich nur der Wunsch nach Unsterblichkeit?
Peter Weibel: Absolut!
Wir sehen ja zurzeit das Phänomen, dass sich verschiedene Gesellschaften ihren eigenen Internetraum kreieren, nicht durch die physische Netzstruktur, sondern semantisch und sprachlich. So z.B. das chinesische Internet oder in Russland das Ru.Net. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Peter Weibel: Ich kann diese Frage nur als Analogon beantworten. Man hatte das gleiche Problem schon mal, als die Sprachen erschaffen wurden. Man kann eine syllabische Sprache entwickeln, wie wir das getan haben, aus einer Kette von einer beschränkten Zahl Konsonanten und Vokalen – damit kann ich dann Ketten bilden und umbauen. Das hat den Nachteil, dass jeder seine eigene Sprache bastelt, aber eben auch den Vorteil, extrem flexibel und dynamisch zu sein. Die andere Technik sehen wir bei den Chinesen, die eine Bildsprache entwickelt haben, mit tausend Bildern und die kann jeder sofort verstehen. Und heute geht es genau wieder darum: Will man eine globale Weltsprache, die jeder versteht oder eine Sprache, die für jede Gesellschaft und ihre Kultur spezifisch bleibt? Und das Interessante ist ja, dass man am Anfang sicherlich gedacht hätte, dass die Chinesen bzw. die Bildsprache sich durchsetzen würde, aber sie haben sich nicht durchgesetzt.
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