Fermi Paradoxon: Warum gab es noch keinen Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation?

Bild: Hubble, NASA, ESA; Processing & License: Judy Schmidt

Nach dem Astrobiologen Caleb Scharf könnte sich die Erde in einer abgelegenen Region der Milchstraße befinden, der Astronom David Kipping glaubt, dass sich Intelligenz selten und langsam entwickelt

Wer nicht daran glaubt, dass es UFOs und Aliens gibt, die schon mal die Erde besucht haben ("What the fuck is that?"), oder wem es nicht gleichgültig ist, ob es da draußen noch anderes Leben gibt oder nicht, steht immer wieder vor der Frage, warum es bislang noch keinen Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation gab und ob es intelligentes Leben vielleicht doch nur als absoluter Glückstreffer (?) auf der Erde gibt. Eigentlich sollte es in der Milchstraße Millionen oder Milliarden Planeten mit einer gemäßigten Temperatur geben, auf denen sich Leben entwickelt haben könnte. Zwar gibt es die Menschheit mit ihrer technischen Kultur noch nicht lange, aber intelligente, technisch versierte Zivilisationen hätten auch schon Milliarden Jahre Zeit gehabt, sich in der Galaxie auszubreiten und dabei auch auf die Erde zu stoßen, gleich ob sie selbst fliegen oder autonome Sonden oder Roboter schicken.

Vermutungen gibt es wie Sand am Meer, um dieses Paradoxon zu erklären, das man Fermi-Paradoxon nach dem Physiker Enrico Fermi nennt, der 1950 fragte, warum noch keine Vertreter außerirdischen und technisch fortgeschrittenen Lebens auf die Erde gekommen sind. Sollte es solche außerirdischen Kulturen geben, hätten sie Zeit genug gehabt, unsere Galaxie zu erforschen oder zu kolonialisieren.

Möglicherweise also ist die Erde einzigartig oder aber wir suchen falsch (Leben Aliens bereits auf der Erde), vielleicht haben die intelligenten außerirdischen Kulturen sich selbst durch Kriege oder Umweltzerstörung ausgelöscht, vielleicht wollen sie sich nicht zu erkennen geben, weil sie Gefahr durch eine Begegnung mit anderen Kulturen vermuten, vielleicht haben sie die Erde ja vor langer Zeit besucht und sind wieder verschwunden, bevor die Menschen ein kulturelles Gedächtnis entwickelten - und vielleicht ist die Erde ja auch nur eine perfekte Simulation einer Lebenswelt, die von einer außerirdischen Existenz geschaffen und beobachtet wird (Kann die Simulationstheorie zur Apokalypse führen?).

Die Erde ist zu abgelegen

Caleb Scharf, Direktor des Astrobiology Center an der Columbia University, berichtet, dass er zusammen mit Kollegen eine Simulation für galaktische Reisen in einem dreidimensionalen Raum entwickelt hat, in dem sich die Positionen der Sterne zueinander ähnlich verändern wie in dem bekannten Teil der Milchstraße. Je nach Zahl der bewohnbaren Planeten und deren (sich verändernder) Entfernung sowie der Zeit, die eine Zivilisation für den Beginn der Weltraumerkundung benötigt, verändert sich auch die Geschwindigkeit der Kolonisierung.

Aber es sei nicht schwer, dass eine Zivilisation die Milchstraße erschließt, wenn bewohnbare Planeten nicht zu selten sind. Wenn sie nicht zu häufig sind, so die Hypothese, könne deren Verteilung sehr unterschiedlich sein und es können riesige Gebiete fast unbewohnter Regionen geben, in denen es nur vereinzelt bewohnbare Planeten ähnlich wie Inselgruppen im Ozean gibt:

Dieses Galaktischer-Archipel-Szenario könnte unsere Situation auf der Erde erklären. Wenn Zivilisationen im Durchschnitt eine Million Jahre überdauern und nur drei Prozent der Sternsysteme tatsächlich kolonisierbar sind, besteht unseren Simulationen zufolge eine etwa zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Planet wie die Erde seit ein paar Millionen Jahren nicht besucht wurde. Umgekehrt impliziert dieses Szenario, dass es anderswo in der Galaxie Bereiche mit vielen interstellaren Spezies gibt, für die kosmische Nachbarn oder Besucher die Norm und nicht die Ausnahme sind.

Caleb Scharf

Es könne also sein, dass die Erde für lange Zeit nicht besucht wird, während in anderen Regionen zahlreiche Zivilisationen existieren, die rege unterwegs sind. Die Erde könnte also einfach zu abgelegen sein und es wäre ein Zufall notwendig, um sie zu finden. Die Konsequenz wäre dann aber auch, dass die Chance für Raumschiffe oder Raumsonden der Menschen gering ist, auf bewohnbare Planeten zu stoßen.

Intelligenz entwickelt sich selten

Eine andere These entwickelt David Kipping von der Columbia University in einem Beitrag für PNAS. Er geht davon aus, dass die Existenz außerirdischen Lebens keineswegs gesichert ist. Wir wissen faktisch nur, dass es Leben auf der Erde gibt. Das beschränkt für ihn Schlüsse aus extraterrestrischem Leben. Mit dem Einsatz von Bayes-Statistik für die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten versucht Kipping abzuschätzen, wie schnell intelligentes Leben auf der Grundlage der Entwicklung der Bewohnbarkeit der Erde, des Auftauchens der Menschen und der Evolution des irdischen Lebens entsteht. Auffällig ist, dass Leben relativ früh entstand, nachdem sich die Erde vor etwa 4,5 Milliarden Jahren gebildet hatte. Vermutet wird, dass das Leben bereits vor 4,1 Milliarden Jahren entstand (Abiogenese). Auf der Erde hat es also 4 Milliarden Jahre nach dem ersten Auftauchen von Leben gedauert, bis sich der moderne Mensch entwickelt hat.

Mit seinen Berechnungen kommt Kipping zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Leben schnell entstehen sollte, wenn man die Geschichte der Erde neu starten würde, aber dass Intelligenz nur langsam, wenn überhaupt entsteht. Schon nach 190 Millionen Jahren würde mit hoher Wahrscheinlichkeit Leben entstehen, sobald sich habitable Bedingungen ergeben haben. "Die Möglichkeit, dass Intelligenz extrem selten ist und die Erde Glück hatte, bleibt sehr realistisch. Allgemein haben wir auf der Grundlage unseres späten Auftretens eine schwache Präferenz mit einer Wahrscheinlichkeit von 3:2 gefunden, dass Intelligenz selten entsteht."

Insgesamt leitet Kipping aus seinen Berechnungen ab, dass man optimistisch sein könne, Hinweise auf Leben zu finden. Dass die Entstehung von Intelligenz eher selten sein könnte, sei eine Lösung des Fermi-Paradoxons. Aber letztlich ist die Beweislage für die Aussagen ziemlich schwach und beschränkt auf die irdische Geschichte. Es ist halt doch einfach nur Theorie. (Florian Rötzer)