Fernansichten von New York

Ich kenne New York (wie man in Wien sagen würde) "nur vom Weg-Schaun". Nicht einmal die berühmte Silhouette der Stadt mit der Freiheitsstatue und den Wolkenkratzern, die dem Reisenden von Ferne entgegenwinkt, habe ich gesehen. Nur ihre bizarre Rückseite.

Auf der Autobahn zwischen Concord, Mass. und Philadelphia, PA, sah ich den schwarzen Rücken der Stadt, wie die Zacken eines Lindwurms, in 40 Kilometer Entfernung. Aus einem amerikanischen Straßenkreuzer, nicht einmal einem SUV, also aus geringer Höhe, keine zwei Meter über dem Asphalt, ein Blick über unendliche Flächen flachen Landes, nirgends unterbrochen von einem Baum, einem Strauch, einer Scheune. Nicht einmal in den platten Niederlanden sah ich derartige „wide open spaces“, weil dort über kurz oder lang ein Dorf, eine Windmühle, ein Hain aus Bäumen oder ein Bahndamm sich dem Blick entgegenstemmt.

Es gibt wirklich nichts Vergleichbares zwischen Old Amsterdam und New Amsterdam, und die Umbenennung in „New York“ hat diesen unheimlichen Ort auch nicht heimeliger gemacht. Das Eis, das einst diese Landschaft niederwalzte, ist gewichen. Seine Kälte ist geblieben.

Jenen elften September 2001 erlebte ich in einer Landschaft, die wohl auch einst begraben lag - unter Wassermassen, die ein Meer war. Jetzt ausgetrocknet. Aber man fühlt sich dort trotzdem immer noch so, als ob man „abtaucht“, wenn man runterkommt von den Hügeln, die an nebligen Tagen wie Inseln über ihre Wolkenbänke ragen. Man nennt es die Pannonische Tiefebene. Hier die Steiermark, dort das Burgenland, die österreichische Toscana. Das Bayrisch, das in diesen Landstrichen gesprochen wird, hat sich schon vor Jahrhunderten vom heutigen Bajuwarisch verabschiedet. Der Dialekt ist für TV-gewohnte Hochdeutschohren kaum entzifferbar. So verwundert es denn auch nur wenig, wenn Arnold Schwarzenegger in den deutschen Versionen seiner Filme sich nicht selber synchronisiert. Zu leicht könnte man ihn falsch verstehen.

Wumm. Er kracht in die Flanke der Twin Towers.Wiederholung

CNN über die Satellitenschüssel, die 5-Stunden-Video-Kassetten eingeworfen, dann die zweite, 10 Stunden lang Nachrichten, die soeben erst aufbrechen, wie frische Lava hoch geschleudert aus dem Vulkan der Zeit. „Oh Fuck! Oh My God!“ Der Turm stürzt ein. Der Flieger erscheint. Wumm. Er kracht in die Flanke der Twin Towers. Wiederholung. Überraschend, wie schnell die ganze Präsentation sich eingependelt hat zu einem ausführlichen Erzähltheater.

Wie kleine Filmmedaillons sieht man immer wieder die Flieger in die Türme krachen, die Türme absinken. Verzweifelte in die Tiefe springen. Und seither, die zahllosen Berichte von Freunden und Bekannten aus New York. Wie sie angerufen wurden von Freunden aus aller Welt. Wie sie Freunde und Bekannte, und wie jene Verwandte verloren. Eine Freundin aus Neuseeland bewahrt einen sonnengebleichten Teppich in ihrem Wohnzimmer. Er gehörte jemandem, der in einem dieser Türme arbeitete und ums Leben kam. Die Katastrophe ist also durchaus real, sie hat Menschen in aller Welt betroffen.

Irreal, surreal, ist dagegen die amerikanische Realität. Wer abends einmal durch Downtown Los Angeles fährt, wundert sich, dass diese Stadt genauso aussieht, wie man sie aus den Filmen kennt. Die Realität und ihre Vermittlung durch die Medien, die Medialität, bilden gemeinsam eine liegende Acht, eine Schlaufe. Sie gehen fast unmerklich in einander über. Das ist keine neue Erkenntnis. Schon Charles Dickens, dem großen englischen Romancier („Oliver Twist“, „A Christmas Carol“, etc) fiel anlässlich seiner Lesereisen (1842, 1867) durch die USA auf – um hier kurz ein Zitat aus einem gelehrten Artikel einzuflechten:

America, Dickens suggests, attempts to inhabit its own dreams or constructions about itself, creating a language and set of myths through which it perpetuates and sustains such dreams. Fascinated by the American language, Dickens is also intrigued by how the Americans seem unable to distinguish between the word as symbol and that which it signifies. Judging from their description of themselves, the Americans are all "most remarkable," most of them are either generals or colonels, and all are representative children of nature and freedom. Invoking a language that often bears only a remote relationship to the reality it attempts to represent, the Americans find their emblematic voice in that of the American Literary Ladies, the "LLs," whose transcendental chant consists of words unsullied by referentiality, existing only within their own solipsistic chambers of thought: "Mind and matter ... glide swift into the vortex of immensity. Howls the sublime, and softly sleeps the calm Ideal, in the whispering chambers of the imagination...

Seit Dickens sind unendliche Zeiten vergangen, aber es ist interessant, dass diese Un-Unterscheidbarkeit zwischen Traum und Realität ihm bereits damals aufgefallen ist. Heute ist der Traum insofern greifbarer geworden, als er in realen Bildern dargestellt wird, im Film, im TV. Es wird im amerikanischen Kontext zusehends schwieriger, zwischen der Realität als tatsächlich Geschehenem und ihrer filmischen Abbildung überhaupt zu unterscheiden oder eine Trennlinie dazwischen zu ziehen.

Ob die Mondflüge je stattgefunden haben oder nur eine Medienlüge waren, lässt sich für den Normalbürger, selbst nach intensiven Internetrecherchen, nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Dass der Vietnamkrieg ein reales Debakel und eine nationale Schande war, lässt sich ebenfalls kaum mehr nachempfinden angesichts heutiger Heldenverehrung für Ex-GIs (=> McCain) oder einer Ehrenwand in Washington zum Gedenken an die Gefallenen.

Amerikas Lust am Tod kennt kaum Grenzen

Allein die Zahl der Morde an amerikanischen Präsidenten seit Charles Dickens Amerika-Reisen ist höchstens noch vergleichbar mit den afghanischen Königsmorden im ausgehenden 19. Jahrhundert. Lynchmorde, so versuchen uns die Autoren von „Freakonomics“, Stephen D. Levitt & Stephen J. Dubner, aufzuklären, hätten zwar seit der Höchstquote dieser Praxis (1.111 zwischen 1890 und 1899 – eine überraschend präzise, auch vom Zahlenbild erstaunlich ansprechende Statistik!) abgenommen auf bloß „3“ zwischen 1960-69.

Die Angst vor blindwütiger, wahlloser Gewalt blieb und tat weiter ihre Wirkung. Es gab und gibt ganze Heerscharen amerikanischer Bürger, die sich nicht zur Wahl zu gehen trauten, weil sie sich vor den Repressalien ihrer eigenen heimischen TALIBAN fürchten mussten. Der Ku Klux Klan mag von der Bildfläche verschwunden sein, im Verborgenen funktionierte er noch lange als Reservoir zur Mobilisierung konservativer Wähler, als Geldpresse und würde notfalls auch als Killer-Kommando funktionieren, heute mit Sicherheit, auch dank der Unterstützung durch das Internet. Hillary Clinton reflektierte genau diese Erfahrungen aus ihrer Zeit als First Lady des US-Bundesstaates Arkansas, als sie mit der MÖGLICHKEIT einer baldigen Erschießung Barack Obamas rechnete.

Und man kann davon ausgehen, dass irgendwo im Hinterkopf von Barack Obama selber ein FILM abläuft, eine Selbst-Projektion auf die Leinwand der amerikanischen Geschichte.

“Entweder: Ich werde der erste schwarze Präsident der USA sein. Man wird mich in den Geschichtsbüchern neben Kennedy und Lincoln abbilden. Und Hollywood wird mein Leben abfilmen. Oder: Ich werde erschossen. Dann wird man mich in den Geschichtsbüchern neben Martin Luther King und Nelson Mandela abbilden. Eine ganze Generation von schwarzen Kindern in Amerika wird „Obama“ heißen und sich kleiden und so sprechen wie ich. Meine Bücher werden Millionen-Seller werden. Meine Familie hat auf Jahre ausgesorgt. Und Hollywood wird mein Leben abfilmen. Oder ich werde nicht erschossen und ich werde nicht Präsident: Dann werde ich Zeitlebens die Eminence Grise amerikanischer Politik bleiben und Hollywood wird mein Leben zu einem Musical gestalten. So oder anders. Es ist eine Win-Win-Win–Situation.“

Die Reisen nach Berlin, nach Afghanistan und so fort dienen hierbei einzig und allein der Schaffung medialer Realitäten, die sich dann medial wieder abbilden und umgestalten lassen. Wer also in Berlin zu einem Obama-Auftritt lief, war nur als Statist bei seiner eigenen Verarschung mit dabei – was übrigens bei dem Original-Kennedy-Auftritt nicht viel anders verlaufen sein dürfte. (Kennedy probte seine Rede einen Tag früher noch im Kreise von US-Luftwaffe-Offizieren in Wiesbaden, bevor er sie dann in Berlin coram publico darbot. Man erinnert seine Schlussworte: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: “Ich bin ein Berliner.“

Es war, wie so viele von Kennedys Reden, ein kleines Glanzstück, geschult an der klassischen Rhetorik der alten Römer, Cicero, Cato, Marc Aurel, und so weiter, und natürlich war sie, genau wie Kennedys berühmtes Buch, Zivilcourage, für das er den Pulitzer Preis erhielt, von einem Ghostwriter geschrieben worden; wenn ich nicht irre, war es Gore Vidal. Ebenso wie später das Buch seines Bruders, Robert Kennedy, Gangster drängen zur Macht, das von dem Krimi-Autor Edgar Box verfasst wurde. (Gore Vidal unter Pseudonym!)

“Parole Emil“

Aber in Deutschland hatte man es gerne, wenn sich die Ausländer blöde aufführten, bzw. ansonsten das Maul hielten. Sie durften, wie „Onkel Satchmo“ mit der kleinen Gabriele, dämliche Schlummerlieder singen, oder wie Melina Mercouri, sehr schräge Texte verzapfen („...ajihn Schief wirt koh-mähn...“). Aber ein amerikanischer Politiker, der sich zum Schluss seiner Rede mit vier deutschen Worten beim Publikum bedanken oder einschmeicheln wollte, musste in Deutschland zwangsläufig Schiffbruch erleiden.

DA drängte das stets latent vorhandene anti-amerikanische Ressentiment wie ein Springbrunnen aus dem tiefsten Erdinnern hervor, und von der ganzen Rede Kennedys ist in der Erinnerung der Nachwelt nur die krampfhaft humorige Stutz-Version seiner Schlussworte übrig geblieben, eine Art „Parole Emil“ der Bäckerinnung. Mittlerweile ist aber auch dieser Blödelspruch – eben, dieses: „Ich bin eine Berliner“ – den meisten Menschen in Deutschland gar nicht mehr verständlich, weil der „Berliner“ oder „Krapfen“ auch in Deutschland längst nur noch als „Doughnut“ bekannt ist.

Kennedys Ghostwriter, der seine Lateiner und die Toskana so liebte, hatte jedenfalls die dumpfe Beschränktheit des deutschen Publikums, im Gegensatz etwa zum italienischen, eindeutig unterschätzt, und man kann sich glücklich wähnen, dass Kennedy seine Rede nicht auch noch in Hamburg gehalten hat. Oder in Paris.)

ABER -- es hat den Film über Obama schon gegeben. In „The Distinguished Gentleman“ spielt Eddie Murphy, wie Arnie Schwarzenegger, ebenfalls ein Polizistensohn, den kleinen Gangster Thomas Jefferson Johnson, der sich durch ein Betrugsmanöver in den US-Kongress hineinschmuggelt und zuletzt auf das Amt des Präsidenten abzielt. (Natürlich hat er vorher, wie so oft in den filmischen Präsidentenmärchen aus Hollywood, ein Erlebnis der dritten Art gehabt, und ist zu einem ehrlichen Politiker mutiert.) Abstrahiert man einmal von dem humoristischen Zuckerguss und dem märchenhaften Ende hat man einen der realistischsten Politfilme amerikanischer Provenienz.

Interessant dass Murphy (geboren 3. April 1961) und Obama (geboren 4. August 1961) einander auch noch ziemlich ähnlich sehen, was schon mal das Casting für den kommenden Film ziemlich erleichtert. Obwohl John McCain natürlich durch Steve Martin dargestellt werden dürfte, der ihm allmählich altersmäßig nachrückt. (Martin: 14. August 1945, McCain: 29 August 1936.) Martin hatte im gleichen Jahr, als Eddie Murphy seine Politfarce drehte, 1992, mit „Leap of Faith“ ( „Der Scheinheilige“) einen WEISSEN Trickbetrüger dargestellt - der eben als religiöser Wunderheiler den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.

Auch hier wieder ein genau beobachteter, durchaus politischer Film, der zum Schluss wieder ins versöhnliche Märchen umschlägt, als nämlich den religiösen Hochstapler – als DEUS EX MACHINA -- die echte, wahre Gnade Gottes ereilt. Dieses verlogene Wunderwerk prädestiniert Steve Martin somit voll für das Hollywood-Machwerk über John McCain, das mindestens ebenso verlogen ausfallen dürfte. Und wir können vielleicht sogar Murphy UND Martin in einem gemeinsamen Film sehen, der den gegenwärtigen Wahlkampf noch einmal nachspielt.

Nine-Eleven, der Elfte Neunte

Nine-Eleven, um auf unser Thema zu kommen -- die amerikanisch verdrehte Kurzformel unter der sich der Elfte Neunte in aller Welt eingeprägt hat -- ist seinerseits ebenfalls längst zum Film geworden. (Da ich gerade die Berliner Mauer erwähnte: Sie „fiel“ am Neunten Elften, während in der DDR ja der Elfte Neunte in Erinnerung an den Sturz von Salvador Allende als Tag des Antifaschismus galt, der in Gesamtdeutschland, vielleicht aus antizipatorischem Gehorsam, schon vor Nine-Eleven abgeschafft wurde. Den Elften Elften, das Ende des Ersten Weltkriegs, feiert mittlerweile niemand mehr, vermutlich selbst in diesem Jahr (dem 90. Jahr seit Ende jenes Großen Krieges) nicht mehr.)

Der Kulturphilosoph Slavoj Zizek war nicht der Einzige, der angesichts der Fernsehbilder das Gefühl bekam, das alles schon mal gesehen zu haben.

The question we should have asked ourselves when we stared at the TV screens on September 11 is simply: WHERE DID WE ALREADY SEE THE SAME THING OVER AND OVER AGAIN?

Nun, wir sahen es in Hollywood-Filmen. Wir sahen es zum Beispiel in „True Lies“ mit Arnie Schwarzenegger. Eine schwarze amerikanische Autorin in Wien fragte mich einmal, warum der Mann „Shwartz“ und „Nigger“ zugleich hieße. (Sie meinte es nicht als Witz. Sie glaubte, der Name beinhalte irgendeine doppelt feindselige Diskriminierung gegen Schwarze.) Immerhin ist es dem Mann gelungen, mit seinem unglücklichen Namen und mit einem Schauspieltalent, das ihm vermutlich nicht einmal eine Statistenrolle am Grazer Stadttheater gesichert hätte, zu einem der größten Hollywoodschauspieler aller Zeiten aufzusteigen, ein Mann mit einer sagenhaften Filmographie - die man nach seinem ersten Auftritt in „The Long Goodbye“ sicher nie erahnt hätte.

Der Sohn eines steirischen Polizisten pumpt sich zum Supermann auf, heiratet in den Kennedy-Clan, wird Hollywood-Meister, dann konservativer Gouverneur von Kalifornien, und kann sich sogar vage Hoffnungen aufs Präsidentenamt machen. Traum und Wirklichkeit überkreuzen sich. „Nur in Amerika“ sagt Obama im Interview mit dem amerikanische TV-Bluthund Bill O’Reilly, „hätten Sie oder ich die Karriere haben können, die wir gehabt haben.“

„True Lies“

Wahr! Und doch: Wahre Lügen, Lügen, die später „wahr“ werden. Im Film, „True Lies“ (1993) hat man das Gefühl, wie auch Zizek feststellt, NACHTRÄGLICH, nach „Nine-Eleven“, einen prophetischen Blick in die Kristallkugel eines Wahrsagers geworfen zu haben. Der Film ist ein humorig gemeintes Pasticcio, also ein Kunstwerk, das den Stil oder mehrere Stile berühmter Vorgänger nachahmt. HITCHCOCK, JAMES BOND, die DÜNNE MANN-Serie, etc. „Johnny English“ mit Rowan Atkinson imitiert dann zehn Jahre später wieder das frühere Pasticcio. Schwarzenegger spielt den mörderischen Geheimagenten, der seiner Frau 17 Jahre lang den braven Verkäufer vorspielt. Jamie Lee Curtis greift ihre Rolle aus „Ein Fisch namens Wanda“ wieder auf, wird zur superscharfen Agenten-Braut im kleinen Schwarzen.

Und wir erinnern uns an die kuriosen Fragen und Antworten, die zeitverschoben aber REAL an Bill Clinton gerichtet wurden. „Have you ever had sexual relations with Monica Lewinsky?“ wurde er am 17 August 1998 gefragt. Am 26 Januar des gleichen Jahres sagte er: „I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky:“ Clinton, wir erinnern uns, hatte sich einen abkauen lassen, mehrfach, aber das betrachtete er nicht als Sex. Er hatte auch hier gewissermaßen „nicht inhaliert.“

Im Film, fünf Jahre zuvor, fragt Schwarzenegger seine eigene Frau im Film, Jamie Lee Curtis, die vor einem einseitig durchsichtigen Spiegel hockt und nur die pitch-geshiftete Stimme ihres Mannes vernimmt: „This Simon - did you sleep with him?“ (Simon ist in diesem Fall ein Gebrauchtwagenverkäufer, der sich als Geheimagent ausgibt und eine rote Corvette 61 als Prolo-Schlitten missbraucht.)

Scharia westlicher Prägung

Sie sitzt in Sharon Stone-Pose auf dem Hocker, aber mit der Hand züchtig im Schritt. „No.“ Sagt sie. Er: „You mean you did not have sexual relations with him?“ Hier ist die Stimme tiefer gelegt und akustisch verschleiert worden, wobei in der Regel zur Unkenntlichmachung die Stimme verfremdet wird, indem man sie nach oben transponiert.

Da hätte Arnie allerdings blöde geklungen. Trotzdem hätte seine Frau, nach 17 Jahren, auch in der dicksten Verkleidung noch Arnies austriakischen Akzent heraushören müssen, gerade auch am verräterischen mangelnden Plural-S bei „sexual relations“ – denn Arnie sagt, wie in Österreich üblich, eben eher 50 PKW statt 50 PKWs und diesem Falle nur „sexual relation“. Nein, es fällt ihr nicht auf. Es fällt ihr auch nicht auf, dass wir hier einer Scharia westlicher Prägung beiwohnen, bei der der Ehemann die Frau beliebig mit aller Macht und Gewalt der staatlichen Polizei befragen darf, die ihm völlig ausgeliefert ist. Ein Glück, dass sie den Mann liebt und ihm treu gewesen war – wäre sie sonst wohl gesteinigt worden?

Wir wissen es nicht. Der Film zeigt uns Perser/Araber, wohl weil Irak oder Iran für die Geschichte und zu jener Zeit „das Gleiche“ bedeuteten. Dumme Terroristen, die wie in einem Computer-Spiel abgeballert werden. Wir sehen eine Atombombenexplosion vor der Küste Floridas, die Arnie und Jamie Lee nur mit einem „Weg-Schaun“ quittieren – ER hält sich die Hand, wie eine Scheuklappe beim Pferd, neben das Auge, während er SIE inniglich küsst. Wir sehen den mutwilligen Raub und die achtlose Zerstörung jahrtausendealter Statuen aus Mesopotamien, wie es später im Irak-Überfall gang und gebe wurde. Wir sehen Geschehnisse, wie aus „1001 Nacht.“

Und wir sehen letzten Endes die Attacke mithilfe eines Flugzeuges gegen ein Hochhaus. Zum Schluss sehen wir Arnie und Jamie, das glückliche Spion-Ehepaar, Code-Name: „Boris und Doris“, wie Kathleen Turner und Dennis Quaid in „Undercover Blues“ aus dem gleichen Jahr, 1993. Auch das Kind im Teenage-Alter ist in „True Lies“ in das heimische Glück integriert wie in „Undercover Blues“ das Baby. Der „Cosy“ (also die Kriminalgeschichte, in der das Böse in die Heile Welt der Familie eindringt, und beseitigt werden muss, bis die Idylle am Schluss wieder passt) ist auch hier wieder zum Happy End gelangt.

„Mein kleines Zicklein“

Aber nein. Wir haben erlebt, dass die Realität Elemente dieses Films nachgespielt hat. Fast hat man das Gefühl, als hätte George W. Bush, der Mann mit dem festgefrorenen Idiotengrinsen eines Möchtegern-Bruce Willis, seinen Wunsch erfüllt bekommen, seinen Lieblingsfilm einmal real nachspielen zu können.

Wir erinnern uns an die Szene aus Mike Moores Dokumentarfilm, Fahrenheit 9/11. Der Präsident sitzt in einer Schulklasse und liest mit den Kinderen ein Buch, betitelt „Mein kleines Zicklein“ Jemand betritt den Raum und informiert ihn, dass das WTC angegriffen worden ist. Eine Viertelstunde lang sitzt der Präsident der USA unter den Kindlein, mit einem eigentümlichen Lächeln um den Mund, als hätte ihn soeben das Traummännlein verzaubert.

Und wir hören als Begleitmelodie dazu aus dem Totenreich die Stimme von Bill Hicks, des schärfsten amerikanischen Kabarettisten seiner Generation, der bereits 1994 starb, aber dessen Hass auf George Bush den Älteren – amerikanische Kommentatoren unterscheiden gerne zwischen George Bush dem Älteren und George Bush dem Jüngeren, als hätte man es mit einer Künstlerfamilie wie den Breughels zu tun – nahtlos seine Gültigkeit für den Sohn weiter behielt. Der Irak-Krieg des Vaters ging über in den Krieg des Sohnes, und wieder einmal überkreuzten sich Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod, Wahrheit und Lüge.

Der Zauber dieses Lügengespinstes bescherte uns Amerikas Staatsfeind Nummer Eins, OSAMA, den Ungreifbaren, und einige Jahre später, OBAMA, den Präsidentschaftskandidaten. Obama, den Schönling und Klugschwätzer, den der New Yorker Oberzeremonienmeister von Nine-Eleven, Rudy Giuliani, in seiner Rede auf der Republican Convention am 3. September als völlig unerfahrenen Staatsschauspieler abkanzelte (vermutlich sogar zu Recht!).

Giuliani’s Spruch über Obama („Keinerlei Erfahrung. Nichts. Nada“) wird derweil allüberall nachgeplappert von rechtsgestrickten Dumm-Yankees, sogar in Spanien, während Giuliani die AsozialenGROSSfamilie aus dem Trailerpark - Palin/McCain - als die wirklichen Wahrer aller amerikanischen Träume darstellte. Hier sollten wohl die Ku Klux Klan Wähler, die White-Trash-Wähler in ganz Amerika noch einmal motiviert werden, die Herrschaften, die sie bisher betrogen und belogen haben, wieder und weiterhin demokratisch zu legitimieren.

Unklarer denn je

Wie immer in Amerika verbirgt sich die Wirklichkeit – die wirkliche Wirklichkeit – wie hinter einem fernen Schleier. Mittlerweile gibt es auch genügend Dokumentationen, die beweisen möchten, dass „Nine Eleven“ wenigstens nicht SO stattgefunden hat, wie wir es alle im Fernsehen – von ferne – gesehen haben:

Nine-Eleven hat, als wahre Katastrophe, zweifellos stattgefunden. In Deutschland und in der gesamten zivilisierten Welt gilt beispielsweise das Leugnen des Holocausts als eine Aktion, die nur den Faschismus unterstützt, und ist daher strafbar. Wie es freilich zu diesem Ereignis kam, was wirklich passiert ist, scheint unklarer denn je.

Der als Folge davon angezettelte Krieg gegen den Irak und gegen Afghanistan hat zu einer der größten humanitären und auch kulturellen Katastrophen, nicht allein der letzten Jahre, sondern überhaupt in der Menschheitsgeschichte geführt, die noch einen langen Schatten über die amerikanische Geschichte vieler Jahrzehnte werfen wird. Bill Hicks, der den älteren Busch vom Teufel selbst gejagt zur Hölle wünschte, dürfte es dem jüngeren Busch erst recht wünschen. Geblieben ist bei alledem, dass relativ vernünftige Kandidaten für die Präsidentschaft völlig aus dem Rennen flogen, es blieben die Film-Stars. Ein Ron Paul, ein Dennis Kucinich werden in amerikanischen Medien, wie man auf You Tube ausführlich nachsehen kann, als „Irre vom Dienst“ (Vertreter des lunatic fringe) bzw. als bestenfalls geschickte Verkäufer irgendeiner seltsamen Weltsicht abgekanzelt.

So ist der Medienspektakel um die Präsidentschaftswahl letzten Endes zu einem weiteren Spiel um Lüge und Wahrheit mutiert, bei dem für den durchschnittlichen Bürger Amerikaniens längst nicht mehr erkennbar oder durchschaubar ist, was ihm da eigentlich vorgegaukelt wird. Komischerweise sind es ausgerechnet zwei DEUTSCHE Filme, die in satirisch verfremdeter Form noch der Wahrheit am nächsten kommen. Der eine ist "Postal" von Uwe Boll, eine Rabiat-Komödie aus Amerika, in der Osama und Bush Arm in Arm den Narrenzug anführen, der andere ist "Free Rainer", mit dem hier hinreißenden Moritz Bleibtreu in der Rolle eines rücksichtslosen Koks-Schnüfflers und TV-Verdummers, der sich zum TV Guerillero wandelt.

Ein Film mit einer wunderschön blöden Angela-Parodie, ein sehr deutscher, vielleicht auch sehr berlinerischer Film, aber von einem österreichischen Regisseur. Ein Film, der irgendwo in seiner naiven Utopiefreudigkeit auch etwas herzerwärmend Nettes und Deutsches hat, vielleicht auch eine Spur von Hoffnung, dass wir insgesamt das Erbe von Nine-Eleven hinter uns bringen können. (Tom Appleton)

Anzeige