Fernbus - Goldgräber mit Fallstricken

Bild: Christoph Jehle

Der Wettbewerb um die Rennstrecken der Fernbuslinien

Der Wettbewerb um die Rennstrecken der Fernbuslinien ist eröffnet und treibt ganz flexible Blüten. Mit realistischen 4 Stunden und 30 Minuten ist die Bahnverbindung von Freiburg über Stuttgart nach München genauso schnell wie die Fernbusverbindungen über die Bodenseelinien. Mit 19-24 Euro für den direkten Linienbus gegenüber 91 Euro für die Bahn mit Umsteigen in Mannheim oder Karlsruhe und Stuttgart fällt die Entscheidung dann doch überraschend leicht.

Fernbuslinien waren in Deutschland zum Schutz der Bundesbahn und ihrer Nachfolgerin, der Deutschen Bahn, über Jahrzehnte praktisch nicht verfügbar. Eine innerdeutsche Ausnahme waren die Fernbusstrecken der Berlin Linien Bus die ab 1949 im Transit zwischen Berlin und dem Bundesgebiet verkehrten, weil man im kalten Krieg der Deutschen Reichsbahn der DDR den Profit aus dem Interzonenverkehr nicht zukommen lassen wollte.

Während die Berlin Linien Bus, deren Mehrheitsgesellschafter BEX (Bayern Express & P. Kühn) zum Bereich DB Fernverkehr der DB Mobility Logistics (früher Stinnes AG) zählt, die Zahl der Fernbus-Destinationen von Berlin aus ausweiten will, haben sich seit der Freigabe der Fernbuslinienverkehre Anfang des Jahres neue Wettbewerber etabliert, die gezielt die Lücken im Bahnnetz schließen wollen. Dazu zählt beispielsweise die Ost-West-Verbindung München-Freiburg, die seit dem Ende des Kleber-Express vor zehn Jahren ein Stiefkind der Bahn-Fahrplan-Entwickler ist.

Der Berliner Linienbetreiber MeinFernbus hat diese Verbindung zum Start ausgewählt und bedient sie in Kooperation mit regionalen Busbetrieben mehrmals am Tag. Zu den Partnern der Linie nach München zählt beispielsweise Avanti, die auch eine Fernbuslinie von Freiburg nach Shanghai betreiben. Nachdem die Ost-West-Route bei Preisen von 19-24 Euro auf zunehmende Akzeptanz bei den Fahrgästen stößt und weitere Anbieter die Bedienung dieser Route mit Halten in Friedrichshafen und Memmingen planen, hat mit Erstverkaufstag zum 1. April dieses Jahres auch die DB-Fernverkehr nachgezogen und bietet eine Direktverbindung an.

Durchaus bequem

Das Buskennzeichen deutet darauf hin, dass die Bahnbusline von Nürnberg aus betrieben wird, von wo aus auch die bisherigen Expressbuslinien nach Bad Füssing und Prag gesteuert werden, die jetzt auf IC Bus umgeflaggt werden oder schon sind. Die Strecke Freiburg-München ohne Zu-oder Ausstieg unterwegs wird von der DB regulär zum Preis von 69 Euro angeboten.

Selbst der mit BahnCard 50 auf 34,50 Euro reduzierte Preis, der mit der City-Option den Vor- und Nachlauf in den Verbünden einschließt, scheint wenig Zuspruch bei den Kunden zu finden. Da dürfte auch der Verzicht auf die Nennung der etwa gleich teuren Bahn-Route über den Schwarzwald im Online-Fahrplan wenig helfen. Auffälligerweise war der Sparpreis von 24 Euro noch am Vortag verfügbar, also ohne dreitätige Vorbuchungsfrist. Inzwischen liegt der Sparpreis offensichtlich bei 19 Euro. Kann man die Fahrt jedoch nicht antreten und muss stornieren, verlangt die Bahn 15 Euro Stornogebühr und eine eventuell noch dazwischengeschaltete Bahnagentur nochmals 5 Euro, auch ein Geschäftsmodell.

In der vergangenen Woche war die IC-Bus-Morgenverbindung von Freiburg mit gerade mal sechs Fahrgästen, einem Fahrer und einer Schaffnerin mitnichten ausgelastet. Ein zweiter Fahrer stieg dann noch in Landsberg zu. Die Sitze des ziemlich gut motorisierten Mercedes-Busses mit Schaltgetriebe waren durchaus bequem und stehen den Sitzen im ICE in diesem Punkte keinesfalls nach. Die Toilette war sauberer, als die entsprechenen Designer-Abstellkammern im ICE 3 üblicherweise daherkommen. Die Getränke-Auswahl an Bord beschränkt sich auf ein Minimum, dafür sind die Preise mit 1,50 Euro für 0,5 l Cola oder Wasser - zahlbar in die Vertrauenkasse im Bus - auch ziviler als auf Schienen.

Studenten und Omas

Die Getränke-Preise beim Vorreiter MeinFernbus bewegen sich in den gleichen Regionen, nur der Getränkevorrat und die Vertrauenskasse werden hier vom Beifahrer verwaltet. Passendes Kleingeld dabei zu haben, bietet sich auch hier an. Dass man Prosecco anbietet, wo die Bahn Sekt offeriert, dürfte am unterschiedlichen Publikum liegen. Mit MeinFernbus fahren zumindest auf der Südstrecke überwiegend Studenten, die sonst wohl eher auf eine Mitfahrgelegenheit gesetzt hätten und Omas auf Enkelbesuch. Der IC Bus dürfte eher Bahnkunden anziehen, die sich die Umsteigerei und das Warten auf Anschlüsse sparen wollen. Dass man sich im Fernlinienbus mit einem Beckengurt am Sitz fixiert, ist dabei für Bahn-Vielfahrer vielleicht etwas ungewohnt.

Meine Rückfahrt von München mit MeinFernbus war in einem Bus der EvoBus-Marke Setra (ehemals Kässbohrer Setra) mit Automatikgetriebe, zwei 230-V-Steckdosen zwischen den Vordersitzen und freiem WLAN (im Testmodus) so komfortabel, dass mich die Bahn als Kunde auf der Strecke zwischen Freiburg und München wohl verloren hat. Nur bei der Online-Buchung muss ich besser aufpassen. Das für 19 Euro erstandene Ticket war für die falsche Richtung ausgestellt, Storno leider nicht machbar.

Bild: Christoph Jehle

Das scheint ein durchaus häufiger Anfängerfehler bei MeinFernbus zu sein. Bei MeinFernbus war es offensichtlich nicht aufgefallen, dass ich nicht an Bord war und so bombardierte man mich mit 26 E-Mails, die meine Zufriedenheit mit der Fahrt abfragen wollten, die ich nie angetreten hatte. Zum Glück gibt es am Zentralen Omnibusbahnhof an der Münchener Hackerbrücke einen fliegenden Tickethändler, der mir mit einem Ticket für 24 Euro weiterhelfen konnte. Der arbeitet als Agent für etwa 30 Fernbuslinien.

Wenig Verspätung

Die meisten dieser Linien gehen Richtung Balkan und verfügen im Gegensatz zu den innerdeutschen Fernbuslinien über langjährige Tradition und Erfahrung. Ausschlaggebend für den Erfolg der Fernbuslinien in Deutschland dürfte neben der Preisgestaltung die Zuverlässigkeit der Bussysteme werden. Mit drei, bzw. fünf Minuten Verspätung bestand in meinem Fall kein Grund, sich zu ärgern. Der allabendliche letzte Kurs der Bahn ist da durchaus stärker verspätungsgefährdet. Ob die Bahn den Verkauf ihrer Fernbusbeteiligung Deutsch Touring inzwischen bereut?

Es wäre nicht das erste Mal, das man ein abgestoßenes Unternehmen wieder zurückkauft, wie das Beispiel der ehemaligen Speditionstochter Schenker gezeigt hat. Und mit der Britischen Tochter Arriva ist man massiv im Personentransport per Bus engagiert. Zurück ins Bus-Gewerbe will jetzt auch die Deutsche Post, die ihre Postbuslinien vor vielen Jahren an die Bahn verkauft hatte und nun gemeinsam mit dem ADAC wieder in den Markt zurück will. Mit der ADAC-Motorwelt hat man zumindest schon das am weitesten verbreitete Vierfarbprintmassenmedium als Werbeträger an Bord. Ob Post und ADAC jedoch neben der Farbe auch sonst zusammenpassen, sei dahingestellt.

Mit City2City, DeinBus und Flixbus sind schon weitere mittelständische Anbieter dabei, sich ihren Teil vom Kuchen zu holen. Dass Größe allein auch im Bereich des Linienbusbetriebs nicht vor dem Untergang schützt, zeigt das Beispiel der Firma Wahl in Heidenheim, die nach einem Höhenflug mit 400 eigenen Bussen Mitte der 1980er-Jahre zusammenbrach. (Christoph Jehle)