Fernbusse für alle?

Rollstuhlfahrer zählen bislang nicht zur bevorzugten Zielgruppe der Alternative zur Bahn

Direkte Verbindungen von Stadt zu Stadt ohne Umsteigen zählen zu den Vorteilen der Fernlinienbusse. Für Rollstuhlfahrer sind die Direktverbindungen grundsätzlich von Vorteil. Allerdings hat man an Barrierefreiheit für diese Zielgruppe erst sehr spät gedacht.

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Mit der Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes wurde in Deutschland der Fernlinienbusverkehr zum 1. Januar 2013 weitgehend liberalisiert. Nur für Strecken bis 50 Kilometer und Reisezeiten bis zu einer Stunde gibt es Genehmigungen nur in Ausnahmefällen, um den Öffentlichen Personennahverkehr zu schützen, der bei Verlust der rentablen Strecken noch mehr Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln benötigen würde, um auch die Fläche zu bedienen.

Dass die Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs in der Folge des Prozesses der Deutschen Bahn gegen DeinBus ein wenig überstürzt abgelaufen ist, zeigt sich auch heute, zwei Jahre nach der Freigabe noch an zahlreichen Details. So fehlen für die Busse vielfach Haltestellen mit Informationssystemen, wie sie im Schienenverkehr seit einiger Zeit üblich sind. Busterminals, die diesen Namen auch verdienen, gibt es nur in Städten, die (wie München) eine gewisse Tradition im Fernlinienbusgeschäft Richtung Balkan hatten. In Frankfurt ist das Ein- und Aussteigen zwar in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs möglich, aber technisch eher abenteuerlich und unterhalb des Niveaus eines zentralasiatischen Bus-Stops realisiert. Schon für Nicht-Behinderte ein Abenteuer, sind derartige Haltepunkte für Rollstuhlfahrer mitnichten barrierefrei.

Unter dem Druck zur Öffnung des Fernlinienbusmarktes hatte der Gesetzgeber bei der Barrierefreiheit deutliche Abstriche gemacht. Erst ab Januar 2016 sollen neu zugelassene Fernbusse über jeweils zwei Rollstuhl-Stellplätze verfügen, auf welchen Rollstuhlfahrer im eigenen Rollstuhl befördert werden können. Nach 2019 soll diese Verpflichtung dann für alle Busse gelten, also auch die im Bestand. Die Kosten für den Einbau eines Stellplatzes für einen Rollstuhl sollen im fünfstelligen Bereich liegen. Mit den derzeitigen Fahrpreisen lassen sich solche Investitionen wohl kaum finanzieren. Und für den Einbau eines Rollstuhlplatzes gehen 2-4 Fahrgastsitze verloren. Selbst wenn bei doppelstöckigen Bussen der Ausbau normaler Fahrgastsitze möglich ist, kann dies in vielen Fällen nur im Busdepot erfolgen. Da ein Fernlinienbus im Umlauf meist nur einmal pro Woche in das Depot kommt, ist bei einem Rollstuhltransport die Kapazität des Busses für die ganze Woche um bis zu vier Plätze reduziert.

Dass sich keiner der Fernbuslinienbetreiber um diese Kundengruppe reißt, ist deshalb wenig verwunderlich - zumal auch noch nicht alle rechtlichen Details für den Transport von Rollstuhlnutzern geklärt scheinen. Dazu zählen Fragen der Haftung für Fahrer und Betreuer sowie technische Details wie die sachgemäße Befestigung der Rollstühle im Bus. Dieses Befestigungsproblem ist von der Mehrzahl der Bushersteller noch nicht befriedigend gelöst worden.

Für die Rollstühle, die als Fahrgastsitz genutzt werden sollen, gibt es klar definierte Vorschriften: Sie müssen durch die Hersteller geprüft, im Verwendungszweck deklariert und als geeignet für die Verwendung als Fahrgastsitz gekennzeichnet sein. Außerdem müssen sie über Befestigungspunkte für die Sicherung (die sogenannten Kraftknoten nach DIN 75078) verfügen oder eine Herstellerfreigabe nach DIN EN 12183 oder 12184 haben.

Allein Berlin Linienbus weist in seinem Onlineauftritt auf diese Voraussetzungen und auf die Nachweispflicht für die Einhaltung der Normen hin. In den meisten Fällen sind jedoch auch neuere Rollstühle aus Kostengründen nicht entsprechend ausgerüstet und müssen nachgerüstet werden.

Wie der Nachweis im Einzelnen erbracht wird, scheint nicht eindeutig geregelt zu sein. Während die Deutsche Bahn für ihre neuen im Fernbusverkehr eingesetzten Fahrzeuge z.B. auf der Strecke Mannheim-Nürnberg einen Rollstuhlstellplatz anbietet, der am Niederflureinstieg über eine mitgeführte Rampe stufenfrei erreicht wird, sind andere Anbieter wie MeinFernbus beim Angebot von Rollstuhlstellplätzen zurückhaltender.

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Solange es noch keine einheitlichen Standards zur Sicherung diverser Rollstuhltypen gebe und dies nicht deutschland- beziehungsweise europaweit geregelt ist, werde man für seine Flotte keine An-Bord-Rollstuhllösung anbieten. Die beiden verbliebenen deutschen Hersteller von Fernlinienbussen, MAN (Neoplan) und EvoBus (Mercedes/Setra), hatten in der Vergangenheit schon Busse mit Rollstuhlplätzen im Sortiment, diese dann aber aufgrund fehlender Nachfrage wieder gestrichen. Derzeit nutzen nur sehr wenige an einen Rollstuhl gebundene Personen die Fernlinienbusse. Die Zahl der schwerbehinderten Buspassagiere mit entsprechenden Dokumenten liegt bislang bei etwa 1 %, wobei dieser Prozentsatz auch Fahrgäste mit Behinderungen enthält, die nicht an einen Rollstuhl gebunden sind.

Postbus. Foto:ADAC.

Manche Linienbusbetreiber geben bei Vorlage eines entsprechenden Schwerbehindertenausweises einen Rabatt von 50 % und befördern eine im Schwerbehindertenausweis eingetragene Begleitperson kostenfrei. Bei Berlin Linienbus gilt:

Eine Beförderung von mobilitätseingeschränkten Personen ist nur insoweit möglich, als dass diese im Falle einer erforderlichen Evakuierung jederzeit in der Lage sein müssen, das Fahrzeug zu verlassen. Sollten Sie das selbst nicht gewährleisten können, ist eine Beförderung nur möglich, wenn sie von einer Begleitperson begleitet werden. Diese Begleitperson wird kostenlos befördert […].

Die Begleitperson fährt jedoch de facto nur dann kostenfrei, wenn sie im Schwerbehindertenausweis der begleiteten Person eingetragen ist.

Die Präzision der Aussagen zu den Beförderungsbedingungen schwankt sehr stark zwischen den einzelnen Linienbetreibern. Der für die IC-Busse zuständige Bereich Personenverkehr der Deutschen Bahn, die bei der Beförderung von Rollstuhlfahrern über die längste Erfahrung verfügt, erklärt auf Nachfrage:

Eine Begleitperson kann unentgeltlich auf der Reise mitgenommen werden, wenn im Schwerbehindertenausweis ein 'B' eingetragen ist und der Vermerk 'Die Notwendigkeit ständiger Begleitung ist nachgewiesen' bzw. 'Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen' nicht gelöscht ist.

Die bislang meistverbreitete Option für Rollstuhlfahrer besteht in der Nutzung eines klappbaren Rollstuhls, der dann im Gepäckfach des Busses verstaut wird. In welchem Umfang den mobilitätseingeschränkten Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen in den Bus vom Busfahrer geholfen wird, ist bei den einzelnen Linienbetreibern unterschiedlich geregelt. Die Deutsche Bahn teilte auf Nachfrage mit:

Unsere IC-Bus-Fahrer helfen gerne beim Ein- und Aussteigen in den Bus. Gehbehinderte Personen werden jedoch nur gestützt, können nicht getragen werden.

Grundsätzlich müssen Fahrgäste mit Rollstuhl gewisse Buchungsfristen einhalten, die zwischen 24 Stunden und 7 Tagen liegen.

Wie die Buchung im Falle eines Rollstuhlfahrers im Einzelnen verläuft, ist von den unterschiedlichen Busliniensystemen ebenfalls unterschiedlich geregelt: So finden sich die Angaben beim ADAC Postbus versteckt unter den häufigen Fragen. Bei FlixBus finden sich die Hinweise für Schwerbehinderte ebenfalls unter FAQ, wobei die Seite von FlixBus nicht mit allen Browsern aufzurufen ist.

Beim Postbus wird bei den Sicherheitshinweisen auch gezeigt, wie ein Rollstuhlfahrer mit Rollstuhl an Bord kommt. Für die IC-Busse der Bahn ist ein knapper Hinweis zum Transport von Rollstuhlfahrern aktuell unter dem Begriff barrierefrei auffindbar.

DeinBus hat sein Hinweise für die angesprochene Zielgruppe unter dem Begriff Besondere Fahrgäste abgelegt. Die wohl umfangreichsten Informationen zum Thema Beförderung behinderter und mobilitätseingeschränkter Personen hat aber die noch aus der Zeit des geteilten Deutschlands stammende Fernlinienbusorganisation Berlin Linienbus.

Mein Fazit: Es wäre wünschenswert, wenn sich die derzeit im innerdeutschen Fernlinienverkehr tätigen Unternehmen auf eine eindeutige Begrifflichkeit und klare Hinweise zum Thema Transport von Rollstuhlfahrern verständigen könnten. Und es bleibt abzuwarten, wie sich die derzeit neu im deutschen Markt auftauchenden Anbieter wie die britische Megabus und iDBUS, der Busableger der französischen Staatsbahn SNCF, bei rollstuhlgebundenen Fahrgästen verhalten werden. (Christoph Jehle)

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