Fernsehen verändert das Gehirn

Fernsehkonsum bei Kleinstkindern führt mit großer Wahrscheinlichkeit im späteren Alter zu Aufmerksamkeitsstörungen

Was die Medien mit unseren Gehirnen machen, ist schwierig herauszufinden. Dass häufige Aussetzung an Medien Gehirne jeweils auf bestimmte Art beeinflussen, dürfte aber unbestritten sein, auch wenn dies nicht notwendig auch auf inhaltlicher Ebene erfolgen muss, wie dies oft hinsichtlich etwa der Gewalt diskutiert wird. Nach einer neuen Studie, die in der April-Ausgabe Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, scheint Fernsehen - wie vielfach vermutet - im frühen Alter zwischen ein und drei Jahren, wenn das Gehirn stark wächst und neue Synapsen bildet, zu Störungen der Aufmerksamkeit zu führen.

Für ihre Untersuchungen benutzten die Wissenschaftler des Children's Hospital and Regional Medical Centre in Seattle Daten aus Langzeitstudien. Sie wählten über 1.300 Kinder aus, die 1996, 1998 oder 2000 sieben Jahre alt waren und bereits auf Aufmerksamkeitsstörungen (Konzentrationsschwierigkeiten, impulsiv, leicht ablenkbar, ruhelos und Probleme mit Obsessionen) befragt worden sind. 10 Prozent der Kinder hatten nach den Kriterien der Wissenschaftler Aufmerksamkeitsstörungen. Allgemein geht man davon aus, dass zwischen 4 und 12 Prozent aller Kinder in den USA unter der Aufmerksamkeitsstörung ADHD (attention-deficit/hyperactivity disorder) leiden.

Zudem wurden weitere Umstände berücksichtigt wie Geschlecht, Rasse, Alter bei der Geburt, Belastungen während der Schwangerschaft durch Alkohol/Nikotin, kognitive Stimulation, emotionale Unterstützung, Zahl der Geschwister, psychologische und sozioökonomische Situation der Eltern bzw. des alleinerziehenden Elternteils. Das Hauptaugenmerk lag auf dem Zusammenhang der Zahl der durchschnittlich an Wochentagen und am Wochenende vor dem Fernseher verbrachten Stunden (0-16 Stunden) im Alter zwischen ein und drei Jahren und dem Vorhandensein von Aufmerksamkeitsstörungen im Alter von sieben Jahren.

Nach der Auswertung saßen die Kinder im Alter von einem Jahr durchschnittlich 2,2 Stunden am Tag vor dem Fernseher, im Alter von drei Jahren durchschnittlich 3,6 Stunden. Schaut ein Kind im Alter von einem Jahr eine Stunde länger Fernsehen, so nimmt auch unter Berücksichtigung der weiteren Faktoren die Wahrscheinlichkeit um 28 Prozent zu, dass es mit sieben Jahren Aufmerksamkeitsstörungen aufweist. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch bei dreijährigen Kindern.

Die Auswirkung des Fernsehkonsums auf die Aufmerksamkeit wurde unabhängig vom Inhalt der Sendungen erfasst. Auch wenn manche speziell auf Kinder ausgerichtete Sendungen positive Effekte auf die Aufmerksamkeit haben könnten, so würden die allgemeinen Risiken für einen längeren Konsum vermutlich doch bestehen bleiben, meinen die Wissenschaftler.

Eine Veränderung des Gehirns in dem frühen Alter, in dem zahlreiche neue Synapsen gebildet und so das Gehirn "programmiert" wird, wirkt sich nach Ansicht der Wissenschaftler erst später aus. Aufmerksamkeitsstörungen werden zumindest oft erst im Alter von sieben Jahren nach Schuleintritt auffällig. Für Dimitri Christakis, dem Leiter der Forschungsgruppe, bestätigt das Ergebnis Untersuchungen an Ratten:

Wir wissen aus Untersuchungen von neugeborenen Ratten, dass die Architektur des Gehirns sehr verschieden aussieht, wenn man sie unterschiedlichen Ebenen von visuellen Stimuli aussetzt.

Nach Christakis empfiehlt es sich aufgrund der Untersuchungsergebnisse, zumindest in den ersten Jahren die Kinder vom Fernsehen fern zu halten:

Die Studie legt nahe, dass es einen signifikanten und wichtigen Zusammenhang zwischen früher Aussetzung an das Fernsehen und darauf folgenden Aufmerksamkeitsproblemen gibt. Wir wissen aus nationalen Schätzungen, dass Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren am Tag durchschnittlich 2-3 Stunden Fernsehschauen und dass 30 Prozent aller Kinder in ihrem Zimmer ein Fernsehgerät haben. Man verlässt sich immer stärker auf das Fernsehen aus vielen Gründen. Eltern sollte jedoch angeraten werden, den Fernsehkonsum ihrer kleinen Kinder zu beschränken.

(Florian Rötzer)

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