"Festival der Demokratie": Die Ausschreitungen rund um den Hamburger G20-Gipfel

Der Repressionsapparat funktioniert

In dem Film sagt Frank Gerber, ein Aktivist der Interventionistischen Linken, im Grunde mussten die Protestierenden den Rechtsstaat gegenüber der Polizei verteidigen.
Lars Kollros: Das ist leider bis heute so in Hamburg.
Alexandra Zaitseva: Ich komme ursprünglich aus Russland. Nach dem Gipfel habe ich recherchiert wie Demonstrationen aktuell in Russland ablaufen. Ein wenig hatte ich das Gefühl, die Hamburger Demo ist härter abgelaufen. Allerdings sind dies bezogen auf Russland nur Eindrücke aus zweiter Hand, weil ich dort nicht aktiv war. Zwar sind in Hamburg viel weniger Menschen verhaftet worden als bei den gängigen Demonstrationen in Moskau, aber dies wird wohl gerade nachgeholt.
Lars Kollros: Es laufen derzeit angeblich 2000 Ermittlungsverfahren. Da wurde nach G20 ein Repressionsapparat hochgefahren und der funktioniert leider. Die Menschen sind verängstigt. Es gab viele Hausdurchsuchungen nach G20 und die finden Anfang 2018 immer noch statt. Die Prozesse enden mit sehr harten Urteilen. Da gab es dreieinhalb Jahre Gefängnis dafür, dass jemand eine Flasche auf einen vollgepanzerten Polizisten geworfen hat.
Ich selbst stand mitten in der Demonstration und habe eine Menge Flaschenwürfe abbekommen. Zwar hatte ich einen Helm auf, aber ansonsten war ich mit einem T-Shirt deutlich weniger geschützt. Sicherlich kann man mit einer Flasche einen Polizisten auch in Montur verletzen, aber die Relation zum Strafmaß ist krass.
Gleichzeitig laufen etwas über hundert Ermittlungsverfahren gegen die Polizei. Man muss sehen, was dabei herauskommt. Verurteilungen sind hier weniger wahrscheinlich. Was den Repressionsapparat betrifft, muss ich persönlich sagen, ich habe mich wohler gefühlt, den Film nicht in Hamburg zu schneiden.
Ich habe relative hohe Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, also viele Kopien von dem Material auf verschlüsselten Festplatten. Keineswegs will ich unterstellen, der "Staat" wolle diesen Film verhindern, aber es gibt sicherlich Interesse, an das Material ranzukommen, um Personen zu identifizieren, die an der Demo teilgenommen haben.
Es gab Anfragen an diverse Journalisten, Rohmaterial herauszugeben. Darum geht es ja auch bei den Hausdurchsuchungen, man will Videodaten beschlagnahmen. Dieser ganze Repressionsapparat hat mir ein sehr unangenehmes Gefühl beschert und ich bin jetzt sehr froh, dass der Film fertig ist und die Festplatten rausgehen an die Kinos.
In dem Film argumentiert Lino Peters, vom Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein: Wenn das Hanseatische Oberlandesgericht denjenigen Demonstranten, die sich beim G20-Gipfel der Polizei entgegenstellten, unterstellt, diese hätten damit der Staatsgewalt als solcher ihre Ablehnung bekundet, dann versteht sich hier der Staat gegenüber den Demonstranten (deren einzelne Motive er faktisch nicht kennen kann) als ein Ganzes und erkennt die Demonstranten nicht mehr als Bürger eben dieses Staates an - Polizei, Justiz und Politik gerinnen zu einem Machtblock, dem die Bürger gegenüberstehen.
Eine solche Preisgabe der Gewaltenteilung und die damit verbundene Leugnung, dass innerhalb eines Staates divergierende Interessen existieren, sind gleichbedeutend mit einem Ende der Demokratie. Wie sieht hier jetzt die aktuelle politische und juristische Aufarbeitung aus, etwa über parlamentarische Anfragen?
Lars Kollros: Es läuft gerade ein Sonderuntersuchungsausschuss, wir haben ja leider keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der hätte das Recht, Zeugen zu laden, der Sonderuntersuchungsausschuss ist auf den Goodwill des Senats immer angewiesen. Der Senat hat offenkundig kein Interesse mehr, irgendetwas aufzuklären. Für den Senat gab es auch keine Polizeigewalt. Die Partei Die Linke, insbesondere Christiane Schneider, macht da sehr viel und stellt regelmäßig Anfragen.
Leider ist die Frage, welche Konsequenzen das Ganze hat, offen. Der Polizei und dem Senat fliegen regelmäßig Lügengeschichten um die Ohren, dies hat aber keinerlei Folgen. Man denke nur an den Prozess gegen den Italiener Fabio. In seinem Fall sind alle Anklagepunkte mit der Zeit in sich zusammengefallen.
In den Prozessprotokolle liest man: "Haben Sie Fabio gesehen?" - "Nein"; "Warum hielten Sie die Demonstration für gewaltbereit?" - "Die waren alle schwarz gekleidet." Auf dieser Grundlage sperrt man einen Menschen vier oder fünf Monate im Gefängnis und lässt ihn dann zunächst nur unter schärfsten Auflagen frei. Das ist Unrecht.
Eine Frage noch zum Filmemachen. Eine Demonstration ist längst ein Medienphänomen. Harun Farocki meinte einmal, je älter Aufnahmen sind, desto brauchbarer und bezeichnender sind sie. In 10 Sekunden Film von einer Straßenschlacht in Mai 68 steckt viel drin. Heute hingegen gibt es so viele Kameraperspektiven und trotzdem verschwindet das Phänomen. Wie sind Sie in ihrer Arbeit mit der bedeutungslosen Bilderflut umgegangen?
Alexandra Zaitseva: Das ist eine sehr spannende Frage. Ich bin eigentlich studierte Bildhauerin und für mich geht es sehr viel um die Form und die Gestaltung des Bildes. Viele Aufnahmen von mir waren sehr lange Einstellungen, wo ich minutenlang die Kamera auf Details gehalten habe. Mich haben ja die Blumen, diese Malven, so gewundert, die in der ganzen Stadt überall geblüht haben und dazwischen die brutalen Vorgängen und die vermummten Polizisten, die herumrannten.
Die in Schutzgewänder gepressten Polizisten und die Blumen, das hat mich dazu gebracht, lange durch den Sucher zu schauen und die Kamera laufen zu lassen. Ich wunderte mich darüber, was passiert, durch die Kamera hindurch. Mir ging es beim Filmen nicht um Gewaltszenen oder um etwas Besonderes, sondern ich dachte mir, wenn alles so wild ist, dann nehme ich mich zurück.
Das merkt man dem Film an. Er hat Sequenzen die nicht auf spektakuläre Schauwerte fixiert sind, sondern er beinhaltet auch eine andere Art zu filmen.
Lars Kollros: Wenn man das Rohmaterial anschaut, dann sieht man bei Alexandra diese schönen und ruhigen Aufnahmen, die einen bildhauerischen Zugang verraten, die dann aber in Momenten der Eskalation zu wild verwackelten Kadern während der Flucht werden.
Also die ruhigen Einstellungen sind fast alle von ihr, während ich versucht habe, die Dinge möglichst journalistisch zu erfassen, weil ich auch dachte, was hier gerade passiert, ist historisch wichtig. Im Nachhinein ist es schade, dass wir viel von dem eindrucksvollen Material verpixeln mussten, um die Leute zu schützen.
Der Blick durch die Kamera ist immer auch eine gewisse Illusion. Durch den Sucher sieht alles ganz anders aus. Die Schlussszene des Films habe ich Samstagnacht vor der Flora gefilmt und ich sah in der Ferne, wie die Polizei sich mit Wasserwerfern sammelt.
Ich habe das minutenlang durch die Kamera beobachtet, weil es faszinierend war, und habe dabei immer ein bisschen rausgezoomt. Und plötzlich dachte ich: Nanu, wenn ich rauszoome, dann heißt das, die kommen auf uns zu.
Alexandra Zaitseva: Manchmal war es schon sehr heftig und erst als ich die Kamera runternahm, habe ich gemerkt, wie sehr mir die Hände zittern.
Ich danke Ihnen für diese Gespräch.

Der Film hat seine Deutschland-Premiere am 6.3.2018 im Hamburger Abaton.

Weitere Termine im März u.a.:

Rex am Ring, Köln; Kino in der Reitschule, Bern (CH); City Kino Wedding, Berlin.

Die Österreichpremiere findet am 17.5.2018 im Wiener Filmcasino statt.

Informationen zu weiteren Kinovorführungen und Publikumsgesprächen unter festival-der-demokratie.de und skug.at (Österreich)

(Frank Jödicke)

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