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Fight the Future! Cyberarchitecture im Retro-Pop-Bubblegum-Stil

Die Ausstellung »transArchitectures - Cyberspace and Emergent Theories« in der Berliner Aedes East Gallerie

Bei der Eröffnung der Ausstellung "transArchitecture" in der Aedes East Gallerie in Berlin. Zwischen den von der Decke hängenden Kunststoffplanen, auf die Architekturentwürfe gedruckt sind, stehen zwei Männer mit einem Glas Vernissagenwein in der Hand. Trotz der sommerlichen Hitze in der überfüllten Galerie tragen beide dunkle Designeranzüge und schwarze Rollkragenpullover, offenbar die Standestracht von Architekten. "Da", sagt der eine, und deutet mit der freien Hand auf einen futuristisch wirkenden, computergenerierten Entwurf, "in die Richtung wollte ich vor fünf Jahren auch einmal gehen. Aber dann habe ich mir gesagt: Wenn du wirklich mal was bauen willst, dann läßt du besser die Finger davon und machst etwas Konservativeres." Der andere nickt bedächtig.

Architekten am großen Treck in den Cyberspace

Doch nun scheinen sich auch die Architekten dem "großen Treck in den Cyberspace" angeschlossen zu haben. Die Ausstellung "transArchitectures" will zeigen, wie sich die Architektur mit den "news networks, virtual communities and the town" der Informationsgesellschaft auseinandersetzt. Im Vorwort des Katalogs von transArchitecture wird erst einmal kräftig auf die "retroArchitektur" in der Berliner Stadtmitte eingeschlagen, die lediglich die Stadt des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren versuche und den "die Gegenwart prägenden Wandel von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft" nicht mitvollziehe. Ob das so stimmt sei mal dahin gestellt (an dem Sony-Gebäude am Potsdamer Platz erinnert eigentlich wenig an den Historismus des letzten Jahrhundert.), richtig ist es schon, daß die Architektur, die traditionellerweise mit festen Materialien zu arbeiten gewohnt ist, bisher wenig Zugang zu den immateriellen "Räumen" der Informationsgesellschaft gefunden hat.

Leider überzeugen die überwiegende Mehrheit der Entwürfe, die in Berlin zu sehen sind, ebensowenig wie die Schlüsse, die Bernhard Franken im Vorwort des Ausstellungsktalogs aus diesem Defizit der Architektur zieht. Nebelhaft heißt es da zum Beispiel:

"Eine Übertragung von transArchitecture auf den Städtebau könnte sein, daß man eine Mischung von Regelwerk und Freiheitsgraden bei ständiger Zuführung von Energie (Finanzierung) erzeugt, die von selbst eine komplexe Ordnungsstruktur schafft."

Die Ausstellung zum Katalog zeigt, was dabei herauskommt, wenn man auf niedrigem Energie-Niveau unter "ständiger Zuführung" von Cybersprechblasen sowie Zitaten von Paul Virilio und aus "Milles Plateaux" sein architektonisches Süppchen zu kochen versucht. Die Tatsache, daß es möglich ist, daß etwa ein Beitrag von Bernhard Tschumi in diese Ausstellung aufgenommen worden ist, nur weil dieser einige Bilder aus einem Rundgang durch die computeranimierte 3-D-Version eines stinknormalen Hochhausentwurfs ausgedruckt hat (!!!), zeigt, wie unklar es den Organisatoren der Ausstellung selbst ist, was unter "transArchitecture" denn nun eigentlich zu verstehen ist.

Die meisten Entwürfe, die in der Berliner Aedes Gallerie zu sehen sind, machen nicht den Eindruck, als sollten sie jemals gebaut werden. Einige von ihnen sehen noch nicht einmal aus, als seien sie Entwürfe. Viele der Grafiken, die groß auf breiten Plastikplanen aufgedruckt wurden, wirken wie vergrößerte Technoflyer; die Gebäude, die sie zeigen, sehen oft aus, als hätte ein amoklaufendes CAD-Programm die Kulissen von Fritz Langs "Metropolis" mit dekonstruierten Raumschiff-Enterprise-Prototypen gefüllt, um eine zeitgesnössiche Version von Bruno Tauts "Glasarchitektur" zu simulieren. Als es bei der Ars Electronica noch einen Preis für Computergrafik gab, sahen die Hauptgewinner meist so aus, wie die Entwürfe, die bei "transArchitecture" zu sehen sind: gelackt wirkende Computer-Renderings in knallenden Sprühdosen-Farben.

Manga und Cyberbubbles

Von einem unterscheidbaren Stil kann bei den meisten Entwürfe, die bei "transArchitecture" gezeigt werden, nicht mehr die Rede sein. Es herrscht eine beunruhigende Uniformität unter den "Gebäuden", die oft mehr über die Eigenschaften von Architektur-Software sagen, als über den Stil oder die architektonischen Vorstellungen ihrer Architekten. Wie in einer Science-Fiction-Pop-Phantasie aus den 60er Jahren schlabbern die Blubberformen nur so daher. Falls eins dieser Cyber-Kaugummimonster tatsächlich einmal auf ein Filet-Grundstück in der Fußgängerzone Deiner Stadt kommen sollte, kann es - mit dem Untertitel des X-Files-Films - nur heißen: "Fight the future!"

Einige der Beiträge zu der Ausstellung machen sich auch gar nicht erst die Mühe so zu tun, als wären sie ernstgemeinte Architekturzeichnungen, und gehören damit noch zu den sympathischeren Exponaten: Auf der Plastikplane von "Future or Fantasy" sind nur ein paar Bilder aus japanischen Mangas zu sehen, was bekanntlich immer ganz hübsch aussieht und bei "transArchitecture" tatsächlich für einen angenehmen visuellen Kontrast zu den Cyber-Blasen sorgt, die auf den meisten anderen Projektentwürfen zu sehen sind.

Vermittlung kommt zu kurz

Auf Vermittlung ist diese Ausstellung nicht eingerichtet: Während einem Fachpublikum die Architektennamen und ihre Konzepte eventuell aus der Fachpresse bekannt sind, steht der architektonische Laie meist ratlos vor den Planen, die nicht nur durch grelle Farben, sondern auch durch grelles Vokabular ("Hyperstructure"! "Transit(e)zone"! "The end of the monolith"! "Transitions Amorphes!") auf sich aufmerksam machen. Mit den Vokabeln "unübersichtlich" und "überladen" ist diese Ausstellung noch freundlich beschrieben. Der Katalog hilft da auch nicht weiter, denn er enthält außer einigen warmen Worten zur Einführung lediglich unkommentierte Entwürfe von Häusern, die vielleicht gebaut wurden, vielleicht gebaut werden sollen und vielleicht auch nur als Computeranimation existieren - wer weiß? In vielen Fällen kann man noch nicht einmal sicher sein, von wem sie eigentlich stammen, und auch die Website, die die Ausstellung begleitet, enthält eher magere zusätzliche Information.

Positive Ausnahmen

Zwischen den 30 ausgestellten Entwürfen die wenigen Beiträge zu finden, die kein unausgegorenes Zeugs sind, ist schwierig. Zu den interessanteren Beiträgen gehört wohl Greg Lynns Ansatz, Architekturmodelle vom Computer nach einer Art Zufallsprinzip bearbeiten zu lassen. Interessant auch Ben Nicholsons virtuelles "loafer house", das aus der computergestützten Kollaboration von 35 Mitarbeitern entstand und so mit den genuinen Eigenschaften des Digitalen arbeitet. Auch der Entwurf von Roche, DSV & Sie, der den Computer dazu benutzt, um ein Museum in Soweto so der Topologie anzupassen, daß dieses mehr oder weniger im Boden verschwindet, gehört zu den wenigen sehenswerten Ansätzen, die bei "transArchitecture" gezeigt werden. Der größte Teil der bedruckten Plastikplanen in der Aedes Gallerie ist aber wohl weniger als Ausstellung denn als Bandenwerbung der beteiligten Architekturbüros zu verstehen.

Web-Sites:

Aedes [1]

transArchitectures [2]


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3441349

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.cad.architektur.th-darmstadt.de/~trojan/trans/html/vrml.htm
[2] http://www.archi.org/transarchitectures/index.html