"Filtrierung" von Flüchtlingen in Russland

Nicht alle Ukrainer, die vor Kriegshandlungen fliehen, können sich aussuchen, in welche Richtung. Foto: Pakkin Leung / CC-BY-4.0

Wer aus der Ukraine nach Russland flieht, landet zuerst in einem sogenannten Filtrierungslager. Hier will man Feinde aufspüren. Die Einrichtungen sind inzwischen berüchtigt

Mehr als 900.000 Ukrainer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat in das Land des Invasoren - nach Russland - geflohen. Hier von einer "Deportation" zu sprechen, wie die ukrainische Regierung es tut, ist falsch. Tatsächlich belegen zahlreiche Berichte von diesen Geflüchteten, dass sie sehr wohl vor dem Kriegsgeschehen aus ihrem Heimatort flüchten mussten und wollten.

In vielen Fällen war nur der Weg in ukrainisches Regierungsgebiet durch die kaum durchlässige Front versperrt – oder Verwandte in Russland hatten ihre Aufnahmebereitschaft erklärt. Manch einer sieht Russland auch nur als Zwischenstation und reist von dort in westliche Staaten weiter.

Der Weg führt inzwischen für die allermeisten Flüchtlinge in Richtung Russland durch sogenannte Filtrierungslager. Aus diesen gibt es immer mehr Berichte, die darauf schließen lassen, dass hier jeder, der irgendwie mit der ukrainischen Regierung in Verbindung steht oder auch nur den russischen Invasionskrieg kritisch sieht, ausgesondert werden soll. Solche Lager existieren sowohl im ukrainischen Rebellengebiet als auch in der russischen Grenzregion zum Kriegsgebiet.

Tattoosuche nackt bis auf die Unterhose

Ein Flüchtling namens Vitaly beschreibt der Onlinezeitung Meduza seine Ankunft in einem Filtrierungslager in Mariupol, inzwischen fest in russischer Hand. Vorher hatte er den Tipp bekommen, alle Instant-Messenger-Chats auf seinem Handy zu löschen; die Empfehlung kam aus gut informierten Kreisen. Denn alle ankommenden Männer mussten sich bis auf die Unterhose ausziehen und wurden genau auf politische Tattoos untersucht. Währenddessen wurden auch alle persönlichen Gegenstände und Smartphones durchkämmt.

Vitalys Schilderung des Lagers stimmt mit der von anderen Flüchtlingen aus anderen Einrichtungen überein. Auch ein Geflüchteter aus Berdjansk schildert ähnliche Szenen, die sich in einem Lager auf der der Krim abspielten. Er sei dort etwa eine Stunde verhört und auf "verdächtige" Tätowierungen untersucht worden, ein weiterer Lagerinsasse beschreibt, wie er jedes Foto auf seinem Smartphone den Vernehmungsbeamten erläutern musste.

Fragen nach der eigenen Einstellung zum Krieg und zum ukrainischen Militär sind Standard. Den Betroffenen wird erklärt, "einfach so" auf russisches Gebiet zu gelangen, sei unmöglich und die Filtrierung Vorschrift. Vorgeschrieben ist wohl auch die Art der Prozedur - eine weitere Sammlung von Augenzeugenberichten schildert übereinstimmend genaue Handydurchsuchungen, mehrstündige Befragungen und Tattoosuchen im Unterhosenbereich.

Dann fragte das Militär nach dem Arbeitsplatz, nach der Haltung gegenüber Russland, Bekannten im ukrainischen Militär. Die Antworten habe ich in einem Formular notiert. Alles lief reibungslos, vielleicht weil ich 'richtig' geantwortet habe. Ich hörte Schreie und Beleidigung gegenüber anderen Männern, die gewagt hatten zu fragen, warum Russland gekommen sei und ihr Zuhause und Leben zerstört habe"


Ein Geflüchteter namens Dmitri gegenüber der Deutschen Welle

Probleme bekam auch Vitaly wegen eines Tattoos mit einem Adler, der amerikanisch wirkte. Dazu seien ihm viele Fragen gestellt worden. Dass er davon noch Journalisten erzählen kann liegt wohl daran, dass seine Bewacher mit den Antworten irgendwann zufrieden waren. Sind sie das nicht, entdecken sie die Mitarbeit in einer ukrainischen Behörde oder eine kriegskritische Einstellung, werden die Betroffenen laut mehreren übereinstimmenden Berichten abgeführt und in eine Strafkolonie gebracht.

In einem Dorf in der Region Donezk, sollen bereits 3.000 frühere Einwohner von Mariupol in einer solchen Kolonie inhaftiert sein, die dem Filtrierungsprozess zum Opfer fielen.

Stationäre und ambulante Filtration

Dabei gibt es zwei Arten von Filtrierungslagern. Die einen gleichen reinen Durchgangs-Kontrollpunkten, wo die "Filtrierung" in mehreren Stunden abläuft und die Reisenden dann, wenn sie nicht abgesondert werden, weiter ziehen dürfen. In anderen leben auch Reisende während eines noch längeren Filtrierungsprozesses. Warum manche Personen die Filtration nicht überstehen, wird ihren Mitreisenden nicht offenbart. Der gesamte Prozess ist undurchsichtig.

Ich weiß nur, dass jeder, der die Filterung nicht bestanden hat, zu weiteren Kontrollen nach Donezk gebracht wird. Was als nächstes mit denen passiert, weiß keiner.


Flüchtling Denis gegenüber Meduza

Die Schilderung der Geflüchteten, die die Prozedur hinter sich bringen konnten, lässt den Schluss zu, dass Männer im Schnitt genauer untersucht werden als Frauen – mit Ausnahme derer, die in politisch relevanten Bereichen arbeiten, etwa Journalistinnen.

Die aktuellen Filtrierungslager sind nicht die ersten Einrichtungen dieser Art in der russischen Geschichte. Unter einer ganz ähnlichen Bezeichnung existierten zur Sowjet-Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Lager, in denen vorherige russische Kriegsgefangene und Zivilisten aus dem von Deutschen besetzten Gebiet einem ähnlichen Prozess unterzogen worden sind. Knapp zwei Drittel der Insassen wurden damals nach dem Prozess entlassen, die übrigen entweder verhaftet oder direkt in neue Armee-Einheiten versetzt. (Bernhard Gulka)