Finanzkrise hat die Kluft zwischen den Reichsten und dem Rest verschärft

In Großbritannien ist der Lebensstandard von Familien mit geringem oder mittlerem Einkommen höchstens auf dem Stand von 2002 - jetzt kommen auch noch die Folgen des Brexit hinzu

Die Kluft zwischen Reichen und Armen in den westlichen Gesellschaften wächst. Die Finanzkrise hat den Trend höchstens kurzfristig unterbrochen und dann noch weiter verstärkt. Das zeigt ein im Juni veröffentlichter Bericht der Resolution Foundation für Großbritannien. Danach ist das Familienvermögen von 9,9 Billionen britischen Pfund (11,3 Billionen Euro) vor der Finanzkrise auf 11 Billionen Pfund (12,5 Billionen Pfund) angewachsen.

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Immobilienpreise waren für die Vermögenszunahme an erster Stelle verantwortlich, sie machen 82 Prozent des Wachstums oder 2,3 Billionen Pfund aus. An zweiter Stelle sind mit 800 Milliarden Pfund dafür festgelegte Rentenpläne (defined benefit pension entitlements) verantwortlich. Beides hat auch mit den geringen oder Nullzinsen zu tun, die normales Sparen ausrangiert haben. Die Einkommensungleichheit, über die meist gesprochen wird, ist deutlich weniger ausgeprägt als die Ungleichheit der Vermögen.

Von den Zuwächsen haben die "Baby Boomer", also die Nachkriegsgeneration, vor allem profitiert. Menschen, die in den 1970er geboren wurden, haben vom Boom der Immobilienpreise seit den 1990er Jahren bis 2012-14 durchschnittlich nur 35.000 Pfund daran profitiert, während es bei den Baby Boomern 80.000 Pfund waren.

Allerdings ist nach dem Bericht der Reichtum der Generationen schon seit 1955 im Rückgang. Kohorten, die seit 1955 geboren wurden, haben bereits weniger als die Vorgängergeneration im selben Alter. Wer 1956-60 geboren wurde, hatte beispielsweise ein um 7 Prozent geringeres Vermögen als die Kohorte nur 5 Jahre zuvor. Und ein durchschnittlicher Erwachsener, der 1981-85 geboren wurde, hat im Alter von 30 Jahren nur die Hälfte des Vermögens als einer im selben Alter, der 5 Jahre zuvor geboren wurde. Und seit den 1960ern ist Vermögensungleichheit innerhalb der Kohorten gewachsen. Bei Menschen, die vor 1960 geboren wurde, sei das nicht zu beobachten.

In einem neuen Bericht der Stiftung wird das Haushaltseinkommen betrachtet. Danach hat sich bereits vor der Finanzkrise das Einkommenswachstum verlangsamt und ist dann deutlich zurückgegangen, auch wegen der Folgen des Brexit, der die Inflation angeheizt hat. Nach einem kleinen Boom 2013-2015, wo die Realeinkommen um 1,6 Prozent gestiegen sind, sind es jetzt nur noch 0,7 Prozent, wofür die geringe Inflation und das starke Beschäftigungswachstum verantwortlich gemacht werden. Trotz Rekordhöhe der Beschäftigung fallen die Durchschnittslöhne im privaten und öffentlichen Sektor in Großbritannien, zudem werden die Rentenansprüche geringer.

Auffällig ist nach dem Bericht, dass die Ungleichheit, die in Großbritannien sowieso hoch ist, die letzten Jahre weiter gewachsen ist, wobei die Einkommen des reichsten Ein-Prozents besonders stark zugenommen haben. Ihr Anteil am Gesamteinkommen nähert sich einem Rekordhoch. Von der Finanzkrise erholten sich die Haushalte mit einem Jahreseinkommen von 275.000 Pfund und mehr schneller und ihr Anteil am Gesamteinkommen wurde größer. Seit Thatcher ist der Anteil des reichsten Ein-Prozents stetig angestiegen und hat 2007 8,5 Prozent des Gesamteinkommens betragen. Mit der Krise ging es kurzzeitig auf 7 Prozent herunter, aber nun wurden wieder 8,5 Prozent erreicht.

Besonders schlecht weg kommen die jungen Menschen unter 35 Jahren, die keine Erben sind und aufgrund geringer Löhne und hoher Preisen keine Immobilien kaufen konnten. Deren Einkommen sind nicht einmal wieder zu den Einkommen vor der Krise zurückgelangt. Der Lebensstandard von Familien mit geringem oder mittlerem Einkommen ist seit 2002 um 3 Prozent gestiegen, rechnet man die Wohnkosten ein, so ist ihr Einkommen stagniert oder ebenfalls geringer als 2002. Das Einkommen der Rentner ist hingegen um 30 Prozent gestiegen. In Umfragen sagen jetzt 40 Prozent der Briten, sie könnten keine 10 Pfund im Monat zurücklegen, 42 Prozent können sich keine Urlaubsreise leisten.

Adam Corlett von der Resolution Foundation sagt, dass die Reichsten ihre Einkommen nach einem kurzen Einbruch wieder auf die Rekordhöhen vor der Krise steigern konnten, "während für Millionen von jungen Familien und solchen mit geringen Einkommen der jetzige Rückgang zu dem harten Jahrzehnt für den Lebensstandard kommt. " Dieser wirtschaftliche Rückgang habe zu dem überraschenden Wahlergebnis beigetragen, bei dem die Konservativen ihre Mehrheit verloren und Labour stärker wurde. (Florian Rötzer)

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