Findet die Revolution noch statt?

Bei next07 sollte es darum gehen, wie Web 2.0 die "Kräfteverhältnisse" ändert

Letztes Jahr hieß der Event "next10years", war das Jubiläum der Hamburger Digitalagentur SinnerSchrader und ein Unfall. Das erklärte Agenturchef Matthias Scharder in der Begrüßung, denn ein kleiner interner Hauskongress war auf so viel Interesse gestoßen, dass man ihn "geöffnet" hatte. Stimmung und Echo waren im Frühjahr 2006 so gut, dass man an eine Wiederholung dachte (Nach der Party ist vor dem Boom - oder doch dem Kater?). Spannend war jetzt also bei next07 zu sehen, wie sich die gute Stimmung von 2006 und die Vorzeige-Startups vom letzten Jahr (Spreadshirt, Qype, Sevenload, Plazes) entwickelt hatten, was an Neuem zu sehen sein sollte.

In den Vorträgen jedenfalls gab es kaum Neues zu lernen. Die erste Keynote von Norbert Bolz (TU Berlin) läutete das "Zeitalter von (gutem) Ruf und Empfehlungen" ein ('age of reputation and recommendation') und war immerhin eine gute Einführung in das Thema. Bolz versprach leichthin, der Rest des Tages werde tiefere Einsichten bringen. Schon die zweite Keynote von Markenführungs-Senior Bernd Michael (Grey) brachte die Ernüchterung: Statt der von den Organisatoren erhofften Darstellung des Neuen aus der Sicht des Erfahrenen gab es Bedenkenträgerei en masse und ein Lob des "Blogs sind Klowände"-Spruchs von Jean-Remy vom Matt. Das konnte nur noch besser werden.

"Zukunftsforscher" Willi Schroll (z_punkt) betitelte seinen Vortrag "Web 2.0 - Wann kommt der Massenmarkt?" Es mag ja nun sein, dass, wie man mir einmal beibrachte, in der Forschung die Fragen manchmal spannender sind, als die Antworten. Aber die Antwort dann ganz wegzulassen, ist vielleicht auch nicht gerade fair gegenüber dem gespannten Publikum.

Immerhin Tobias Trosses Vortrag (Televised Revolution) über interaktives Fernsehen hatte etwas von einer Vision: Ohne dass der Zuschauer viel tun müsse, werde automatisch für ihn ein seinen Interessen gemäßer Fernsehkanal generiert. Immerhin gab Trosse zu, dass der alte Satz, dass Fernsehen Kluge klüger und Dumme dümmer mache, dann erst recht gelte. Schöne neue Welt, die ein solches "Glotzophone 2.0" hat. Ob es mich beruhigen soll, dass mit der Software seiner Firma die Kosten für das Betreiben eines Fernsehsenders auf einen "vierstelligen Betrag im Monat" sinken würde, überlege ich nach einer therapeutischen Dreistundensitzung unter Berieselung mit dem Nachtprogramm von 9live nochmal.

Ein dem Conversation-Marketing gewidmeter PR-Berater sagte, beim Abendessen nach seinem Urteil über die Veranstaltung befragt: "Ich konnte endlich mal arbeiten, ohne dass dauernd das Telefon klingelt." Die Eventmarketing-Beraterin versicherte, als Antwort darauf, sie hätte viel gelernt an diesem Tag.

Als Reisender durch den zweinulligen Eventzirkus zwischen Barcamps und re:publica traf man jede Menge alter Gesichter und eine ganze Reihe neuer. Nicht wenige flohen die Vortragsräume und gingen gleich zum eigentlichen Zweck solcher Treffen über: dem Networken oder vulgo: Geschäftemachen. Gut, sie verpassten auch so einiges.

Den Start von shoppero.com (im Slang: "user generated advertising" und "Monetarisierung des Long Tail") beim Vortrag von Nico Lumma - auch wenn die als mögliche Einnahme genannten 30 Euro im Monat so klingen, als ob man sie auch anderswie ranschaffen könnte. Oder die leidenschaftliche Performance von Mr Sevenload: Ibrahim 'Ibo' Evsan, der seine Videoplattform nicht als Halde für anderweitig geklaute Videos versteht, sondern als Ort der Kreativität für talentierte Videoblogger, die davon dann vielleicht sogar leben können. Oder der erfreulich ungehypte Vortrag von Dr. Rainer Mehl (IBM), der erläuterte, welche Strategien seine Firma in "virtuellen Welten" wie Second Life und anderen verfolgt, und versicherte, dass man durchaus nicht glaube, dass SL schon des Dreidimensionalen letzter Schluss sei. Warum man dort präsent ist? "IBM hat vor einigen Jahren Innovationen verpasst und wäre daran fast zugrunde gegangen. Das soll nicht wieder passieren", versichert Mehl, der die firmeninterne Innovationsberatung verantwortet.

Es schwirrten einige neue durch den Saal wie Linklift, Amiando, MyMuesli, Sones, Mixxt, Dawanda und andere. Man wird von ihnen hören. Und die alten waren noch da: Sevenload und Spreadshirt sind mit Beteiligungen und Venture-Geldern gesegnet, Spreadshirt hat das zu einer Shoppingtour bei Shoppingportalen und einem französischen Mitbewerber genutzt. Bei Qype brummen die Server und man bastelt an Treffen der Qype-Rezensenten.

Während auf der Terrasse des Kaispeicher B in der Hafencity von Hamburg ein paar Investoren über sinnvolle Firmenkonstrukte diskutieren und der eine oder andere Venturekapitalist auf der Suche nach Leuten, die sein Geld gerne hätten, mit suchendem Blick durch die Massen irrt, bahnt sich eine der signifikantesten Szenen des Tages an. Ein als Abschluss-Session geplantes Streitgespräch über die Frage, ob der Kunde die Marke oder die Marke den Kunden unter Kontrolle habe, und bei der "drei gegen drei" gestellt sind, führt zum Dolchstoß: Nur noch Martin Oetting (trnd) steht treu und fest zum rechten Glauben an den Kunden, während der Rest der revolutionären Garden des Beziehungsmarketings zu den Markenverfechtern überläuft. Moderator Mark Pohlmann würde ihm wohl lieber beispringen als moderieren...

Anderseits haben SinnerSchrader und das Eventteam um Martin Recke und Mark Pohlmann offenbar alles richtig gemacht: Den einen geht es zu viel ums Business, den anderen zu wenig. Alle fühlen sich ausreichend mit Getränken, Häppchen und WLAN bemuttert - und so wie der Event letztes Jahr die Aufbruchstimmung offen gelegt hat, legt er in diesem Jahr die Kluft bloß zwischen dem kleinen gallischen Dorf voller Visionäre und dem Römischen Reich der Bedenkenträger in ihren von Firmenpalisaden umzäunten Parallelwelten. Befragt, ob man nächstes Mal wiederkommen wolle, hoben also auch die meisten die Hände

. SinnerSchrader immerhin versprach auf seine Kunden zu hören und über die next08 nachzudenken. Während im letzten Jahr der Kongress noch getanzt hat, hält man diesmal bei der Party lieber die Füße still und widmet sich den asiatischen Häppchen - eventuell in dem Bewusstsein, dass vielleicht von dort die Innovation kommen wird, die Not tut. Denn, um mal ganz kosmopolitisch hier im IC von Hamburg nach Stuttgart den berlinstämmigen Münchner Karl Valentin zu zitieren: "Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut."

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