Finnland: Tödliche Einsamkeit als Volkskrankheit

Strand bei Linnakepuisto. Linnakepuiston_ranta.jpg:Bild: kallerna/CC BY-SA-3.0

Das finnische Fernsehen schlägt Alarm - das Gefühl der Einsamkeit sei in dem nordeuropäischen Land gefährlicher als das Rauchen

Es sei eine Volkskrankheit, bereits 500.000 der der 5,5 Millionen Finnen seien betroffen, meldet der öffentlich-rechtliche Sender "yle". Der finnische Einsamkeitsforscher Peter Strang sagt in dem Sender, dass Einsamkeit wie Fettleibigkeit oder Nikotinsucht betrachtet werden müsse. Der gelernte Onkologe (Krebsmediziner) habe festgestellt, dass Einsamkeit körperliche Symptome sowie größere Schmerzen verursache. Unfreiwillige Einsamkeit habe Einfluss auf das Schmerzsystem des Gehirns, meint Strang.

Schon im Mai hatte eine umfangreiche finnisch-britische psychologische Studie mit 466.901 Befragten auf die Gesundheitsrisiken der Einsamkeit hingewiesen, und für Aufsehen über Finnland hinaus gesorgt.

"Bislang ist noch nicht verstanden worden, dass sich das Einsamkeitsgefühl auf die komplette Gesundheit auswirkt", so Strang, der über die psychologische oder soziologische Betrachtungsweise hinausgehen will. Bei den Betroffenen bestünde ein erhöhtes Risiko, an Demenz, Herz-Kreislaufbeschwerden und Krebs zu erkranken.

Der Mediziner unterscheidet zwischen existenzieller und sozialer Einsamkeit (soziale Isolation). Erstere könne man auch empfinden, wenn man sich in Gesellschaft befinde. Soziale Einsamkeit sei in der Steinzeit eine tödliche Bedrohung gewesen, da der Mensch damals nur als Gruppenwesen überleben konnte.

Nach Forschungen der Brigham Young University in Utah, USA, wird das Risiko, vorzeitig zu sterben, um 32 Prozent erhöht, wenn man gleichzeitig unter der existentiellen und sozialen Einsamkeit leide.

Fühlten sich früher in Finnland vor allem Rentner einsam, so habe sich dies nun auf die Gruppe der jungen Erwachsenen verschoben, da sich die Rentner heute sozial viel besser organsierten. Auch wenn nach einer UN-Erhebung Finnland zu einem der "glücklichsten Länder der Welt" zählt, so gibt es wohl einige Gründe, warum das Thema Einsamkeit in dem nordeuropäischen Land gravierende Bedeutung hat.

Allgemein ist es in Finnland wenig populär, seinen Emotionen oder Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Eine stoische Haltung gilt als populär, wie "Sisu", das mit "Kampfgeist", "Beharrlichkeit" übersetzt werden kann, dem idealen Gemütszustand der Finnen entspricht oder entsprechen soll. Vor allem finnische Männer wirken oft als große Schweiger. Wer aus sich heraus kommen will, greift zum Alkohol - das gilt für beide Geschlechter. Hinzu kommt eine Scheidungsrate von 50 Prozent, sowie der lange dunkle Winter.

Vielleicht spielt auch eine übertriebene Smartphone-Nutzung eine Rolle, zumindest hat die finnische Regierung im vergangenen Jahr eine recht düster wirkende Kampagne dagegen gestartet. Auch Mobbing ist ein großes Thema in Finnlands Schulen. Nach den Schul-Amokläufen 2007 und 2008 hat der Staat ein Antimobbingprogramm (KiVA) entwickelt, das mittlerweile auch ins Ausland exportiert werden kann.

Mittlerweile reagieren die öffentlichen Einrichtungen auf das Phänomen Einsamkeit. Im Oktober hat die karitative Einrichtung "Helsinki Mission" eine Anlaufstelle für Einsame in der Hauptstadt geschaffen, zudem wurde ein dreijähriges Projekt zur Selbsthilfe entwickelt.

Marko Elovainio, Psychologie-Professor an der Universität Helsinki, fordert mehr konstruktive und gemeinschaftsbildende Praktiken in der finnischen Gesellschaft. Das finnische Fernsehen hat darum seine Zuschauer gebeten, sich zu melden und über ihre Einsamkeit zu sprechen. Vor allem anonym per Email berichten die Zuschauer von ihrem Leiden. Schließlich fällt es den Finnen eben recht schwer, offen von sich selbst zu erzählen. (Jens Mattern)

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