Fitter zu Dritt?

Familien: Doppelverdiener mit einem Kind als neues Ideal

Die Nachricht kommt aus Großbritannien und wird dort mit leichten Schockwellen serviert: "Die Kernschmelze hat die britische Familie erreicht. Angesichts neuer Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die Hälfte aller Familien nur mehr ein Kind haben, könnte man sogar davon sprechen, dass wir dem China-Syndrom zum Opfer gefallen sind."

Zu dieser Feststelllung, die mit demografischen Ängsten spekuliert und mit einer Schlagwort-Pointe auf irgendwie Krankhaftes, gesellschaftlich Bedenkliches zielt, könnte man angesichts der britischen Probleme mit Familien, die nur mit großen Mängeln oder gar nicht dafür sorgen können, dass ihre Kinder gut ausgebildet werden und nicht zu einem Leben unter ärmsten Bedingungen verurteilt sind, behaupten, dass ein bisschen China Großbritannien hier ganz gut täte.

Die chinesische Familienpolitik, die im Westen mit dem Reizwort "Ein-Kind-Politik" falsch beflaggt wurde und mit dem Fokus auf Beispielen von aufgenötigten Abtreibungen medial verbreitet, ist ein Bündel von familienpolitischen Maßnahmen, die zum Ziel hatten, dass Kinder aufwachsen, die gut versorgt werden können, mit Lebensmitteln und Ausbildung (Wie China den Hunger besiegte). Sinologen würden allerdings beobachten, dass das stark kritisierte familienpolitische Modell in China am ausklingen sei, so der britische Telegraph.

So ist es vielleicht eher unfreiwillige Ironie, dass die Autorin des Telegraph-Artikels, aus dem auch das eingangs wiedergegebene Zitat stammt, den Leser am Ende ihres Berichtes über den "Trend zur Doppelverdiener plus ein Kind-Kernfamilie" mit der Überlegung zurücklässt: Was spricht eigentlich gegen diese Kleinfamilienform?

Die dreiköpfige Familie findet immer mehr Verbreitung in Großbritannien, so der Artikel, aber auch in den USA, Kanada, in südeuropäischen Ländern, wo Kinderreichtum früher viel galt, in Spanien, in Portugal, aber auch in Schwellenländern wie Indien. In der Deutschland findet der Trend zum Einzelkind seit mindestens 2007 einige Aufmerksamkeit. Im Jahr 2011 waren mehr als die Hälfte aller Familien Ein-Kind-Familien (52,5%), notiert das Statistische Bundesamt.

Erklärt wird das Phänomen, das in Staaten, die unter der Wirtschaftskrise leiden, anscheinend ebenso vorkommt wie in Ländern, z.B. Indien, deren Wirtschaft wächst, im Grunde mit einer Anpassung an Wettbewerbsmodalitäten und finanziellen Bedingungen. Nicht eigens erwähnt wird, dass der Wunsch von Frauen, einen Beruf zu ergreifen, sich nicht nur ausschließlich aus ökonomischen Motiven heraus ergibt. Erwähnt wird, dass dies häufig mit einem Aufschub des Kinderwunsches einhergeht und Frauen, die später gebären, häufiger Schwierigkeiten hätten ein zweites Kind zu bekommen. Oder es in vielen Fällen es auch gar nicht wünschen, weil dem Erstgeborenen so viel Liebe entgegengebracht würde, dass man ein zweites als möglichen Rivalen betrachte, was man dem ersten Kind ersparen wolle.

Familien mit zwei Erwerbstätigen, die nur ein Kind haben, sind flexibler und weniger belastet, fitter als Eltern mit mehr Kindern - und die Einzelkinder sind fitter - so der Tenor der Argumente, die "als wissenschaftliche Ergebnisse" etikettiert, von Fachleuten zum Thema beigetragen werden. Eltern können sich mit einem Kind mit ungeteilter Aufmerksamkeit auf dessen Ausbildung konzentrieren, haben mehr Zeit, können sich teurere Schulen leisten, usw.. Zu den bekannten Argumenten tritt ein weniger bekanntes hinzu: Werden Einzelkinder oft bemitleidet, weil sie es in der Familien vor allem mit Erwachsenen zu tun haben - im Falle, wo beide Großelternpaare noch leben, mit sechs in direkter Linie - so wird dem entgegengehalten, dass Kinder, die viel mit Erwachsenen sprechen, einen Bildungsvorsprung in der Schule zeigen würden.

Auch ökologisch sei die Drei-Kind-Familie die bessere Lösung wird mit der britischen Naturforscherikone David Attenborough argumentiert: "Either we limit our population growth, or the natural world will do it for us." Bedenken, wonach Einzelkinder vielleicht weniger soziale Kompetenzen entwickeln, werden damit erwidert, dass sie von Eltern erzogen werden, die sich solcher Beeinträchtigung bewusst sind und gegensteuern, indem sie ihr Kind frühzeitig in die Betreuung geben oder häufig Freunde einladen.

Auch deutsche Forscher widersprechen alten Klischees und stellen in Untersuchungen sogar fest, dass Einzelkinder freundlicher, optimistischer und sozialer seien als andere Kinder. Wie auch Einzelkinder auf ihre Erfahrungen befragt, sich nicht notwendigerweise über Defizite beklagen:

Dabei ist unsere Situation nicht besser oder schlechter. Sie ist einfach nur anders. Die Erfahrungen, die Geschwisterkinder bei Machtkämpfen und Konflikten untereinander sammelten, konnte ich in fast gleicher Weise mit Freuden machen. Daher haben wir weder Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, noch mangelt es uns an Erfahrung von Streit- und Konfliktbewältigung.

Das Fehlen von Geschwistern lässt sich demnach gut kompensieren, auch wenn mancher Vater oder Mutter auf Probleme hindeuten mag, die in der Pubertät auftauchen können, wo es Geschwisterkinder möglicherweise leichter haben, weil sie untereinander eine eigene Familien-Beziehung pflegen können und den Eltern entgegenstellen, denen sie nicht alleine ausgeliefert sind.

Auch das "Prinzessinnen- ", "Prinzen"-Phänomen wird von Eltern mit mehr Kindern gerne gegenüber Einzelkindfamilien ins Spiel gebracht. Allerdings zeigen Alltagsbeobachtungen, dass Kinder mit mehreren Geschwistern dadurch noch lange nicht von solchen Pflegeprogrammen bzw. Attitüden verschont bleiben.

Es kommt wohl ganz auf die Bedingungen im Einzelfall an, ob eins, zwei oder drei oder gar kein Kind die beste Lösung ist.

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