Fleischindustrie: "Überhang von einer Million Schweinen" bis Weihnachten

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In deutschen Ställen wird es durch die Corona-Krise enger. Zahl der Schlachttiere nimmt zu. Schlachtbetriebe haben zu wenig Kapazitäten, Export rückläufig

Es begann im Mai, als erste Corona-Erkrankungen in einem Fleischbetrieb in Coesfeld bekannt wurden. Damals kündigte der nordrhein-westfälische Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) an, er wolle den "Sumpf in der Fleischindustrie austrocknen". Gemeint war vor allem das Betriebssystem: Werkverträge sollten verboten, Arbeitsbedingungen verbessert werden. Man entwickelte Hygienekonzepte, traf Regelungen für die Unterkünfte der Mitarbeiter und verhängte Betriebsschließungen.

Im Juni wurden im Schlachthof Tönnies mehr als 1.400 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet. Der Schlachtbetrieb wurde vorübergehend geschlossen. Seither sollen Hochleistungsfilter verhindern, dass sich das Virus über die Umluftkühlanlage verbreitet. Die Arbeiter werden zweimal wöchentlich auf eine Corona-Infektion getestet. Sie müssen einen chirurgischen Mund-Nasen-Schutz tragen und die Abstandregeln strikt einhalten.

Seit einigen Monaten darf der Betrieb mit etwa 70 Prozent Auslastung unter strengen Auflagen wieder arbeiten. Im November nahm Tönnies eine umgebaute und coronakonforme Anlage zur Schinkenzerlegung in Betrieb. Damit können 40.000 Tiere pro Woche mehr geschlachtet und der Schweinestau sukzessive abgebaut werden.

Unterdessen wächst die Zahl der Schweine, die auf ihre Schlachtung warten, immer weiter. Der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e. V. (ISN) zufolge gab es Anfang November einen "Überhang" von rund 570.000 Schweinen. Für deutsche Schweinehalter sei die Situation "katastrophal" und "existenzbedrohend", meldet die ISN.

"Der Schweinestau baut sich immer weiter auf", heißt es dort. Gewarnt wird vor "einer Million Schweine(n) in der Warteschleife". Werde nicht gegengesteuert, explodiere die Zahl der Schweine über Weihnachten und den Jahreswechsel, denn dann fielen mehrere Schlachttage bedingt durch die Feiertage aus. Auch zu normalen Zeiten muss der Überschuss an Schweinen, der sich an den Feiertagen bildet, bis in den späten Januar abgebaut werden. Daher werde schon einige Tage vorher mehr geschlachtet als sonst. Mit diesem Spielraum ist in diesem Jahr wohl nicht zu rechnen.

Die Schichten in den Schlachthöfen sollen an Sonn- und Feiertagen verlängert und zusätzliche Arbeiter müssten rekrutiert werden, fordert ISN-Geschäftsführer Torsten Staack. Doch die meisten Betriebe lehnten diese Option ab. Als Grund gaben sie Personalmangel an.

NRW-Arbeits- und Gesundheitsminister Laumann hält dagegen, er müsse dafür sorgen, dass der Infektionsschutz und Hygienestandards nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt werde. Das Schlimmste, was den Bauern jetzt passieren könne, sei ein zweiter Lockdown in einem großen Schlachthof. Immerhin dürfen bei Tönnies die Arbeiter am Zerlegeband bei geringeren Abständen arbeiten, müssten sich aber dafür häufiger testen lassen. Ziel sei es, den Durchsatz in den Schlachthöfen möglichst groß zu halten.

Ist die Ferkelproduktion noch zu stoppen?

Derweil empfahl das niedersächsische Landwirtschaftsministerium den Schweinemästern, sich an die aktuellen Verhältnisse anzupassen und die Produktion zu reduzieren. Das ist leichter gesagt als getan. Denn die deutsche Zuchtsau ist auf Effizienz getrimmt. Jahr für Jahr muss sie mehr Ferkel abliefern. Bei zwei Würfen im Jahr bringt sie bis zu 30 Ferkel zur Welt. Mit einem Hormon, das aus dem Blut trächtiger Stuten gewonnen wird, wird die Brunst synchronisiert.

Alle Sauen eines Betriebes müssen zur selben Zeit besamt werden, damit sie nach drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen gleichzeitig werfen. Denn nur so lassen sich alle Ferkel auf einmal verkaufen. Tote oder halbtote Tiere werden von Mitarbeitern routiniert in bereitstehenden Mülltonnen geworfen. "Verlustraten" von 15 Prozent – rund acht Millionen tote Ferkel im Jahr – werden in Kauf genommen. Mitgefühl oder gar Tierliebe hat in den durchtechnisierten Produktionsbetrieben keinen Platz.

Wie lange wird es wohl dauern, bis der gewaltige Berg an Schweinen abgearbeitet ist, von denen inzwischen viele älter und schwerer geworden sind, als es das System erlaubt? Normalerweise werde eine Sau mit einem Gewicht von 30 kg vom Mäster abgeholt, klagt Werner Gollwitzer vom Fachzentrum für Schweinezucht am Amt für Landwirtschaft in Schwandorf in Nordbayern. Inzwischen wiegen die Schlachttiere bis zu 42 kg. Sie wachsen, fressen und verursachen immer höhere Kosten – auf denen die Bauern sitzen bleiben.

Fallende Preise setzen Schweinehalter unter Druck

Selbst wenn Schlachtbetriebe ihre Arbeitsauslastung wieder auf 100 Prozent hochfahren; die Marktlage für Schweinefleisch bleibt angespannt. Denn die im September ausgebrochene Afrikanische Schweinepest beschränkt die Absatz- und Exportmöglichkeiten für deutsches Schweinefleisch zusätzlich. So verweigert China, einer der Hauptimporteure, Fleischimporte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Dänemark.

Begründet wird dies mit einer Mutation des Virus SARS-CoV-2 namens Cluster 5, das sich nachweislich von Tieren auf Menschen überträgt. Normalerweise wurden dänische Sauen bisher in Deutschland verarbeitet. Wegen der zeitweise herunter gefahrenen Schlachtbetriebe geriet dieser Absatzweg ins Stocken. Seitdem verarbeitet Dänemark seine Tiere wieder im Inland.

Nach Angaben des dänischen Dachverbandes der Agrar- und Ernährungswirtschaft wurden von Januar bis September insgesamt 12,9 Millionen Schweine geschlachtet – rund 424.100 Tiere mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Allein die Sauenschlachtungen waren um rund 32 Prozent gestiegen. Der Verkauf von dänischen Ferkeln ins Ausland habe aber zum ersten Mal seit vielen Jahren abgenommen.

Während sich immer mehr Schweine in deutschen und dänischen Ställen drängeln, sind die Preise im freien Fall: Lag der Kilopreis neulich noch bei 1,98 Euro, so ist er aktuell bei 1,20 Euro. (Stand: 18.11.2020) Bewegte sich der Preis für ein 25-kg-Ferkel Mitte Januar zwischen 70 und 80 Euro, war er im November auf 27 € gesunken. Damit kommen die Preise auch in anderen EU-Ländern stärker ins Wanken. Das setzt Landwirte in ganz Europa unter Druck.

Mehr heranwachsende Tiere brauchen mehr Platz

Bereits vor der Krise wurde einem Tier in konventioneller Mast kaum Bewegungsfreiheit zugestanden. Nun reicht der Platz hinten und vorne nicht mehr. Zwar sank die Zahl der Schweine innerhalb der letzten zehn Jahre um 1,1 Millionen Tiere, doch auch die Zahl der Schweinemäster nimmt rasant ab. Aktuell gibt es noch 20.400 Schweine haltende Betriebe, 800 weniger als im November 2019. Damit erhöhte sich die durchschnittliche Tierzahl je Betrieb von 794 auf 1.244. War der Platz pro Tier schon vor der Krise minimal, so lässt der Rückstau in den Ställen die Enge noch drangvoller werden.

Anfang Mai 2020 wurden hierzulande 25,4 Millionen Schweine gezählt, davon rund elf Millionen Mastschweine. Die Zahl der Ferkel war im Mai auf 7,8 Millionen angewachsen. Inzwischen dürften die Zahlen höher liegen.

Einige Mäster zeigen sich sogar selber an, so wie Norbert Hüsing aus Emsbüren, der im Oktober eigene Verstöße gegen das Tierschutzgesetz beim Landkreis Emsland meldete. In seinen Ferkelbuchten drängelten sich bis zu 70 Tiere, mehr als doppelt so viel als erlaubt sind. Zwei Wochen später sollten seine Sauen weitere 1.500 Ferkel werfen.

Die Behörden nahmen die Anzeige zur Kenntnis, konnten aber nichts tun. Schließlich behalf sich der Schweinemäster, indem er die Tiere mit Wasserschläuchen tränkte und mit Extra Portionen Kartoffelschalen fütterte. Neu geborene Ferkel brachte er in einer Kartoffelhalle befreundeter Landwirte unter.

Business as usual – oder artgerechte Tierhaltung?

Das Dilemma der heruntergefahrenen Schlachthöfe werde auf dem Rücken der Schweinemäster ausgetragen, kritisiert Torsten Staack vom ISN. Ginge es nach den Vertretern der Schweinemastindustrie, genügte es, einfach die Schlachtbetriebe wieder hochzufahren. Doch wer dem Virus oder Politikern die Schuld gibt, macht es sich zu einfach.

Denn die Folgeerscheinungen, die Corona mit sich bringt, decken nur die seit Jahrzehnten bekannten Missstände schonungslos auf. So werden Details zur Frage der Vereinbarkeit der Haltungsvorgaben für Mastschweine mit dem Tierschutzgesetz in einem Rechtsgutachten erörtert, das Greenpeace bereits vor drei Jahren in Auftrag gab.

Wie lange schon klagen Schweinemäster über zu niedrige Preise? Wie viele Familienbetriebe mussten in den letzten Jahren schließen, weil sie zu unrentabel waren? Solange Mensch und Tier nur Stellschrauben in der Fleischindustrie sind, die vorrangig für das Exportgeschäft produziert, wandern die Profite auf die Konten der Fleischbarone. Währenddessen werden immer wieder Mastbetriebe aufgelöst, weil massive Verstöße gegen das Tierschutzgesetz bekannt werden, so wie im Falle eines Schweinemästers im Landkreis Rottweil, gegen den im Juli 2020 Strafanzeige wegen Tierquälerei gestellt wurde.

Unterdessen ist der Fleischkonsum der Deutschen tendenziell eher rückläufig: Laut Statista betrug der gesamte Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch 2019 im Schnitt 47,3 Kilogramm. Davon waren rund 34 Kilogramm für den menschlichen Verzehr bestimmt.

Würde der Export ins Ausland entfallen, etwa, weil China die Annahme von deutschem Schweinefleisch dauerhaft verweigert, würde die Aufzucht weniger Tiere genügen, um den inländischen Fleischbedarf zu decken. Dann müssten Zuchtsauen auch nicht permanent tragen und dürften weniger Ferkel bekommen. Die Kastenstände wären ein für alle Mal abgeschafft. Würden weniger Schweine aufgezogen, könnte man dem Nachwuchs auch mehr Platz einräumen, mit viel Stroh oder Auslauf im Freien, wo sich die Schweine austoben und artgemäß in der Erde herumwühlen können.

Das geht natürlich nicht zum Billigpreis. Doch längst sind immer mehr Konsumenten bereit, für mehr Tierwohl den einen oder anderen Euro mehr auszugeben.

Hinweis: Die Tricks der Fleischindustrie (Doku im SWR v. 28.4.2020). (Susanne Aigner)