Fleischverzicht rettet Klima nicht

Kann uns der Umstieg auf vegetarische Mahlzeiten vor dem Klimawandel retten? Ein Forscher warnt vor falschen Schlussfolgerungen

Paul McCartney hatte eine Mission, als er am 3. Dezember vergangenen Jahres vor dem EU-Parlament auftrat: Er wollte die Volksvertreter davon überzeugen, ihren Teil zu seiner "Less meat - less heat"-Kampagne beizutragen. Wer auf vegetarische Ernährung umsteigt, soll nämlich einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten können: Die Nutztierhaltung, das weiß man ja, trägt schließlich zu 18 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei (ein 2009 erschienener Report des World Watch Institute gibt den Anteil sogar mit 51 Prozent an). Dass nach dem Ex-Beatle auch der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, das Rednerpult erklomm, dürfte allerdings Zweifel schüren - ist doch Pachauri Anfang des Jahres wegen einer irreführenden Prognose zum Abschmelzen der Himalaja-Gletscher im IPCC-Report in die Kritik geraten.

Glückliche, Methan, Fleisch und Milch produzierende niederbayerische Rindviecher. Bild: F. Rötzer

Für die oft zitierten 18 Prozent, die die weltweite Tierhaltung zum Klimagas-Ausstoß beitragen soll, ist aber nicht der IPCC die Quelle, sondern ein 2006 unter dem Titel „Livestock's Long Shadow“ von der Food and Agriculture Organisation (FAO) der UNO herausgegebener Bericht. In seiner Zusammenfassung findet sich dieser tragische Satz:

The livestock sector is a major player, responsible for 18 percent of greenhouse gas emissions measured in CO2e (carbon dioxide equivalents). This is a higher share than transport.

An keiner anderen Stelle in dem Report wird weiter auf diese Berechnung eingegangen. Dem Agrarwissenschaftler Frank Mitloehner von der University of California-Davis ist das aufgefallen, er hat deshalb nachgerechnet und auf der Jahrestagung der American Chemical Society seine eigene Version vorgelegt.

Äpfel mit Birnen verglichen

Das Problem liegt, so Mitloehner, in der Art und Weise der Berechnung. Für den Anteil der Nutzviehhaltung habe man offenbar keinen einzigen Faktor ausgelassen - von der Gewinnung der Tiernahrung über die „Abgase“ der Tiere bis hin zu den bei der Verarbeitung der Nahrung auftretenden Emissionen. Bei der Vergleichszahl, dem Transportwesen, habe man hingegen lediglich den durch den Treibstoffverbrauch verursachten CO2-Ausstoß berücksichtigt. Man habe deshalb eindeutig Äpfel mit Birnen verglichen.

In einer eigenen Analyse, die vergleichbare Daten erhebt. kommt Mitloehner deshalb auf andere Zahlen: Die Transportwirtschaft trage etwa in den USA 26 Prozent zu den Treibhausgas-Emissionen bei, die Aufzucht von Schweinen und Rindern zur Nahrungsproduktion nur zu drei Prozent. Trotzdem gibt der Forscher zu, dass die Tierhaltung durchaus ein ernsthafter CO2-Sünder sei - nur komme es eben nicht auf weniger, sondern auf schlauere Landwirtschaft an.

Effizienter: Reduktion des Energieverbrauchs der Transportwirtschaft

So sei es für die Kohlendioxid-Bilanz zum Beispiel extrem wichtig, auf welche Weise und wie weit unsere Nahrung transportiert wird. Ein per Express von Hamburg nach München transportierter Edelfisch kann dem Klima damit mehr schaden als ein deftiger Schweinsbraten vom Bauernhof nebenan - vorausgesetzt, der wurde nicht in kleinstmöglicher Familienportion im neuen SUV vom Lande in die Stadtvilla transportiert. Im Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sieht Mitloehner eine besondere Verantwortung des Westens, effizientere Methoden der Fleisch- und Milchproduktion zu propagieren. In den Industrieländern selbst sei es aber im Interesse des Klimas effizienter, den Energieverbrauch der Transportwirtschaft zu reduzieren.

Rinder mit verarbeitetem Futter oder anderweitig (etwa zur menschlichen Ernährung) besser nutzbarem Getreide zu füttern statt mit Gras, das nur diese Tiere überhaupt verwerten können, ist eine weitere derzeit häufig anzutreffende Unsitte. Vieh, das mit Luzerne und Leinsamen statt mit Mais und Sojaschrot gefüttert wird, gibt dazu auch noch ein Fünftel weniger Methan ab - bei gleichbleibender Milchqualität, wie Versuche im US-Bundesstaat Vermont ergaben. (Matthias Gräbner)