Fliegen auf Drogen

Wie das Aufputschmittel Methamphetamin auf die Zellen wirkt

"Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin", "Vielleicht könntet Ihr mir noch etwas Pervitin für meinen Vorrat besorgen?", "Schickt mir nach Möglichkeit bald noch etwas Pervitin." - mehrfach bat der junge Soldat Heinrich Böll, wie ihn ein Spiegel-Artikel zitiert, per Feldpost seine Familie um Nachschub des Mittels, das in der Drogenszene heute eher als "Meth" oder "Crystal" bekannt ist. Deutschlands erster Literaturnobelpreisträger der Nachkriegszeit erleichterte sich damit den Dienst im besetzten Polen. Wie viele seiner Kameraden. Die Droge Methamphetamin, seit 1934 unter dem Handelsnamen Pervitin in den Berliner Temmlerwerken hergestellt, fand während des Zweiten Weltkriegs millionenfache Anwendung (die Alliierten setzten dagegen eher auf Amphetamin, vulgo Speed).

Seine Beliebtheit verdankt der zunächst als ungefährlich angesehene Stoff seinen Eigenschaften: Er unterdrückt das Angstgefühl und steigert die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Dabei dauert ein Trip nicht nur wie bei Amphetamin sechs bis acht Stunden, sondern bis zu 20 Stunden. Puls, Herzfrequenz und Blutdruck erhöhen sich, das Ruhe- und Schlafbedürfnis wird unterdrückt. Die deutschen Spitznamen "Panzerschokolade" oder "Fliegersalz" künden davon.

Gehobenes Selbstwertgefühl, erhöhte Risikobereitschaft, Euphorie, Nervosität und gesteigerten Rededrang zählt das Drogenlexikon Drugcom zu den weiteren Symptomen. Allein Wehrmacht und Luftwaffe bezogen bis Mitte 1940 mehr als 35 Millionen Tabletten Pervitin - nicht genug anscheinend für Soldaten wie Böll. Denn Meth hat auch die typischen Eigenschaften einer Droge: Es kommt zu einer psychischen Abhängigkeit und zur Gewöhnung des Körpers an den Stoff - für die gleiche Wirkung wird eine höhere Dosis benötigt.

Die letzten verfügbaren UNO-Zahlen (von 2006) gehen davon aus, dass jährlich 332 Tonnen Methamphetamin und Amphetamin hergestellt und an 27 Millionen Konsumenten verbraucht wurden. Dabei scheint es in vielen Ländern zu einer Verschiebung von Speed auf Meth gekommen zu sein.

Wirkweise

Was Methamphetamin mit Körper und Geist anstellt, ist insofern aus Langzeit-Menschenversuchen bekannt. Auf welche Weise es allerdings wirkt, dazu haben Forscher jetzt Neues herausgefunden. In einem Artikel in PLoS One beschreiben sie, welche molekularen Prozesse Methamphetamin so giftig machen, dass es unter anderem die Spermatogenese stört, Muskelfasern degradiert, zu vorzeitiger Zellalterung führt und die Energiegewinnung der Zellen durcheinander bringt. Die Forscher haben dabei zwar den beliebten Modellorganismus der Fruchtfliege genutzt - sie gehen aber davon aus, dass Methamphetamin etwa auch beim Menschen auf zellulärer Ebene ähnlich wirkt.

Dabei kamen sie zu ein paar interessanten Ergebnissen: Eine Analyse der molekularen Pfade, in die Methamphetamin eingreift, zeigte, dass unter anderem solche Prozesse betroffen sind, die mit dem Skelettmuskelsystem, den Herzmuskeln, dem reproduktiven System und oxidativem Stress verbunden sind. Der Stoff versetzt die Zellen offenbar in einen Modus, bei dem sie die zur Energiegewinnung benötigten Zuckermoleküle so abbauen, als hätten sie nicht genug Sauerstoff zur Verfügung.

Das steigert den Verbrauch an Kohlehydraten stark und lässt ungewöhnlich hohe Milchsäure-Mengen zurück - Krebszellen gehen übrigens oft einen ähnlichen Weg. Dies erklärt vermutlich, warum Methamphetamin-Konsumenten oft einen Heißhunger auf Süßes entwickeln. Den Fruchtfliegen auf Meth half es jedenfalls, sie im Übermaß mit Zucker zu versorgen: Sie lebten dann länger als ihre ebenfalls gedopten Verwandten, denen man die Zusatznahrung verweigerte. (Matthias Gräbner)