Floridas katholische Stadt

Der ehemalige, zum Glauben bekehrte Besitzer einer Pizza-Kette baut eine Universität nebst Stadt, um religiöse und traditionelle Werte zu stärken

Die Bildung von „Communities“ ist online und offline ein Trend, der parallel zur Globalisierung läuft. Gleichgesinnte und aus ähnlichen Schichten, Kulturen oder Ethnien stammende Menschen finden zusammen, um einen gemeinsamen, mehr oder weniger offenen bzw. verschlossenen virtuellen oder realen Ort zu bewohnen. Je nachdem, wie eine solche homogenisierende Ab- und Ausgrenzung erfolgt, kann man von Gettoisierung, Balkanisierung, Segregation oder auch Parallelgesellschaften sprechen. In den USA gibt es viele solcher teils „gated communities“, die sich nach Einkommen, Religion, Sprache und/oder ethnischer Abstammung unterscheiden. Mit der Universitäts- und Stadtgründung von Ave Maria in Florida soll nun auch eine katholische Community errichtet werden.

So soll Ave Maria in Florida einmal aussehen

Florida ist überzogen von gated communities, in denen beispielsweise die vielen älteren Menschen leben, die es an ihrem Lebensabend in wärmere Gefilde zieht und die zugleich in Sicherheit und unter ihresgleichen leben wollen. In Florida ist auch mit Jeb Bush, dem Bruder des US-Präsidenten, ein Gouverneur der Macht, der ebenso wie George W. Bush religiös motiviert ist. Man manipuliert da schon einmal Wählerverzeichnisse und Abstimmungen, um das Gute siegen zu lassen, bastelt an Überwachungsprogrammen wie Matrix (Matrix II), verteidigt bis zum letzten das Leben einer hirntoten Frau, weil man für das unbedingte Recht zu leben eintritt, hält gleichzeitig an der Todesstrafe fest, erweitert das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung (Lizenz zum Töten?), stattet Täter, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilt sind, lebenslänglich nach Verbüßung der Haftstrafe mit einer GPS-Fessel aus (Für immer an die elektronische Leine) oder richtet auch schon einmal ein religiöses Gefängnis ein.

Jeb Bush ist im Unterschied zu seinem Bruder, einem wiedergeborenen Christen der evangelisch-methodistischen Kirche, zum katholischen Glauben übergetreten. Er ist angetan von dem Projekt Thomas S. Monaghans, des Gründers der Kette Domino's Pizza, eine katholische Universität mitsamt einer neuen Stadt aufzubauen, die von religiösen Prinzipien geleitet wird. Eine, wie sich Jeb Bush ausdrückte, „community built on faith“. Monaghan ist nach der Legende ein richtiger Prototyp des American Dream. Sein Bruder soll ihm 500 Dollar geliehen haben, mit denen er sein Unternehmen aufgebaut hat und schließlich, bekehrt von seinem verschwenderischen Lebensstil, als Förderer von katholischen Projekten aufgetreten ist. Der Milliardär hat nach dem Verkauf seiner Kette 1998 immerhin 250 Millionen US-Dollar in das Ave-Maria-Projekt gesteckt, aber es bleibt auch noch genügend übrig, um kein klösterliches Leben führen zu müssen. Und seine Hände hält Monaghan auch über dem Projekt, schließlich ist er der Kanzler der Ave-Maria-Universität. Sie soll die nach seiner Ansicht dringend benötigten „katholischen Intellektuellen“ hervorbringen, die sich den heute wichtigen Problemen (abortion, fetal research, cloning, same-sex "marriage," moral relativism, and world terrorism) stellen. Damit hat man schon das die Themen der konservativen Christen oder der christlichen Konservativen in den USA versammelt.

Universität, Kirche und Kleinstadt entstehen auf 5.000 Hektar eines ländlichen Gebiets am Rand des Everglades National Park eine Art Gartenstadt und –campus, der für gehörigen Abstand zum sündigen Großstadtleben sorgt und schon in der Anlage das 19. Jahrhundert mit seinem romantischen Traum von überschaubaren Gemeinschaften im Unterschied zu den Massengesellschaften repräsentiert. Die Universität gibt es bereits als Provisorium mit 400 Stundenten, fertiggestellt soll sie 6.000 Studenten ausbilden können und eine Fläche von 1000 Hektar umfassen. Gelehrt wird nicht nur Theologie, sondern auch Geschichte, Literatur, Mathematik, Philosophie, Ökonomie oder Biologie, aber alles auch mit religiösen Werten.

Der Campus soll „wunderhübsch“ werden, landschaftlich durchgestaltet und begrenzt durch künstliche Kanäle und Seen. Das scheint derzeit geradezu ein Phantasma aller Städtebauer von China über die Projekte der Emirate bis hin zu den Touristenstädten an der spanischen Küste zu sein. Die Gebäude mit Kupferdächern sollen an Frank Lloyd Wright erinnern. Aus dem großen Park des Campus führen dann Wege in die ebenfalls geplante neue Stadt, die auch Ave Maria heißt.

Die übersichtliche Kleinstadt soll 11.000 Wohnungen und Häuser für 20-25000 Einwohner bieten – teilweise im „Traditional Neighborhood Design“ (TND). Modern ist man insofern, als Stadtteile auf bestimmte Bevölkerungsgruppen, beispielsweise Alte oder junge Familien ausgerichtet sind. Im „europäisch gestalteten“ Stadtzentrum wird dann endlich am Stadtplatz („La Piazza“) wieder eine große Kirche mit einer Höhe von mehr als 30 Metern stehen, die 1.100 Gläubigen Platz bieten soll. Und um zudem ein wenig aufzufallen, soll hier auch das größte Kruzifix des Landes mit einer Höhe von über 20 Metern gebaut werden. Monaghan baut sein Projekt zusammen mit der Immobiliengesellschaft Barron Collier. Wohnungen und Häuser gehen an die möglichen Käufer über, Geschäftsräume, die um den Platz herum im europäischen Stil geplant sind, sollen aber unter bestimmten Bedingungen verpachtet werden. Und hier gab es schon einige Unruhe.

In der Mitte erhebt sich die Kirche mit dem Kruzifix

So zirkulierten Nachrichten, dass in der katholischen Universitätsstadt, wie Monaghan vor einem Jahr verkündete, keine Porno-Zeitschriften, Anti-Baby-Pillen oder Kondome verkauft würden und die Kabelsender keine Programme bringen dürfen, die nicht jugendfrei sind. Monaghan sieht sich wie der US-Präsident Bush im Kampf zwischen Gut und Böse: „Ich glaube, die ganze Geschichte ist ein einziger großer Kampf zwischen Gut und Böse. Ich will nicht als Zuschauer an der Seite stehen.“

Nachdem die verbreiteten Informationen über die geplanten Verbote Aufsehen und Widerspruch erregt hatten, ruderte Monighan ein wenig zurück. Das habe man seiner Zeit missverstanden. Die Stadt stehe allen offen. Das Verbot für Pornographie und Empfängnisverhütung gelte nur für die Universität. In der Stadt werde es aber keine Porno-Läden oder Oben-ohne-Bars geben. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat bereits rechtliche Schritte angedroht, falls Verbote den Gesetzen widersprechen sollten. Und Gouverneur Bush ließ durch seinen Sprecher Russell Schweiss ausrichten, dass dieser zwar nicht für Pornographie und Abtreibung sei, aber dass Verbote im Rahmen der Gesetze und der Verfassung von Florida und den USA bleiben müssten.

In den Geschäften soll es bestimmte Dinge nicht geben

Monighan lässt seine Anwälte offenbar im Augenblick die Gesetzeslage überprüfen. Inzwischen setzt man auf indirekte Durchsetzung der Maßstäbe. Man werde den Geschäften nur nahe legen, keine Pornos oder Empfängnisverhütungsmittel zu verkaufen. Und wenn einer von zwei Interessenten verspricht, solche unerwünschte Dinge nicht anzubieten, dann erhält einfach dieser den Zuschlag. Das Naples Community Hospital will im Ort ein Krankenhaus bauen und erklärt, keine Empfängnisverhütungsmittel zu verschreiben.

Aber erst einmal gibt man sich halbwegs weltoffen. Es sei nur ein Missverständnis, so Paul Marinelli von Barron Collier, dass Ave Maria eine „streng katholische Stadt“ werden soll. Das würde auch langweilig sein. Man begrüße auch, wenn Synagogen oder baptistische Kirchen gebaut würden. Von Moscheen war allerdings nicht die Rede. Selbst Homosexuelle seien willkommen, obgleich die Kirche der Überzeugung sei, dass Homosexualität eine Sünde sei. Man wolle einfach eine Stadt bauen, in der Kinder sicher auf den Straßen spielen können, aber irgendwie soll es dann doch eine „Stadt mit traditionellen Werten“ sein. Nächstes Jahr bereits sollen Universität und erste Teile der Stadt fertiggestellt sein. (Florian Rötzer)