Flucht in die Qualität prägt Finanzmärkte

Während Notenbanken weltweit ihre Marktrisiken reduzieren, dürfte die Bilanzsumme der Fed bis Jahresende drei Billionen Dollar erreichen, Bloomberg will mit einer Klage erfahren, wer Fed-Kredite bekommen hat und welche Sicherheiten dafür geleistet wurden.

Wie der US-Ökonom Brad Setser feststellt, hat die im September erfolgte Verstaatlichung der Hypothekargiganten Fannie Mae und Freddie Mac (die „Agencies“) das Vertrauen der anderen Notenbanken nicht wiederherstellen können. Demnach haben die von der New Yorker Fed treuhändisch für andere Notenbanken gehaltenen Bestände an US-Staatsanleihen in der Vorwoche zwar um 20 Mrd. USD zugelegt, Agencie-Bonds wurden jedoch im Volumen von netto sieben Milliarden Dollar abverkauft.

Angesichts der Zustände im weltweiten Finanzsystem ist Setser zudem überzeugt, dass insgesamt praktisch keine Erhöhung der weltweiten Reserven erfolgt sein dürfte. Daher könne der Anstieg bei den Treasuries zwar auch bedeuten, dass die Notenbanken von Euro in Dollar umschichten würden, Setser vermutet jedoch, dass hierfür nach wie vor die „Flucht in die Qualität“ verantwortlich sei, und die Notenbanken derzeit alles verkaufen, was auch nur irgendwie mit Risiko behaftet ist – also vor allem Geldmarktfonds und eben Agencies, die vor kurzem noch als risikofrei gegolten hatten.

Die Folge ist, dass Agencies trotz Verstaatlichung selbst bei 2-jähriger Laufzeit gegenüber Staatsanleihen derzeit einen Risikoaufschlag von 1,2 Prozent zahlen müssen, was rund zehn Mal so viel ist wie vor zwei Jahren und nur 0,2 Prozentpunkte weniger als unmittelbar vor der Verstaatlichung. Dieser Zinsaufschlag schlägt unmittelbar auf die Kosten privater Immobilienkredite durch, die derzeit fast ausschließlich von Fannie, Freddie und anderen staatlichen Programmen vergeben werden.

Anderseits kommt die „Flucht in die Qualität“ dem US-Finanzministerium durchaus entgegen. Denn nachdem es für die diversen Fed-Programme bereits 500 Mrd. USD extra emittiert hatte, sollen heuer noch weitere 500 Mrd. USD an zusätzlichen Anleihen emittieren werden, während bereits von Ende August bis Ende Oktober das Volumen an ausstehenden öffentlichen US-Schulden um 780 Mrd. Dollar angestiegen war. Im 3. Quartal hatten immerhin China und die Saudis ihre offiziellen Devisenreserven noch um 150 Mrd. bzw. 50 Mrd. USD erhöht und so die Abflüsse bei anderen Notenbanken mehr als aufgefangen. Mit der massiv verschärften Kapitalflucht aus den Schwellenländern im Oktober dürften die weltweiten Reserven im 4. Quartal insgesamt jedoch deutlich schrumpfen. Folglich müssten die US-Amerikaner ihre Staatschulden nun erstmals seit langem weitgehend selbst finanzieren, meint Setser.

Dazu dürfte indes auch die Fed einen gewichtigen Teil beitragen. Sie hat ihre Bilanzsumme innerhalb nur eines Jahres von einer auf nun rund zwei Billionen Dollar verdoppelt, rund 500 Mrd. USD dieser Expansion wurden allerdings durch Einlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank finanziert, was derzeit auch ungefähr dem Eigenbestand an US-Staatsanleihen entspricht.

Seit letzter Woche werden diese „Federal Funds“, über die das Zentralbankgeld in Umlauf kommt, sogar verzinst. So sind die US-Geschäftsbanken bis zur Einführung von Basel II verpflichtet, Reserven in der Höhe von 10 Prozent ihrer Verbindlichkeiten zu halten, was entweder in der Form von Bargeld oder eben als Einlage bei der Fed erfolgen kann. Grundsätzlich soll dadurch sichergestellt werden, dass eine Bank bei der Notenbank stets ausreichend Bargeld beheben kann, sollte sie mit überraschenden Behebungen seitens ihrer Depotkunden konfrontiert werden. Denn in solchen Fällen darf sie ihre Reservehaltung kurzfristig zurückfahren, um ihre Gläubiger zu befriedigen, muss innerhalb festgelegter Zeit aber wieder mindestens das vorgeschriebene Niveau erreichen.

Da diese Reserven bislang nicht verzinst wurden, versuchten Banken tendenziell möglichst geringe Reserven stellen zu müssen. Im Laufe der Finanzkrise erwiesen sich diese absolut sicheren und zu minimalen Transaktionskosten verfügbaren Instrumente jedoch als höchst attraktiv, und so bunkern die Geschäftsbanken derzeit rund 500 Mrd. an überschüssigen Reserven bei der Notenbank.

Der Satz, zu dem sich die Banken nun diese Fed Funds untereinander „overnight“ (übernacht) ausleihen, ist der Zielsatz mit dem die Fed ihre Geldpolitik appliziert und den die Fed folglich regulieren will. Das versucht sie zu erreichen, indem sie den Banken Staatspapiere ver- und abkauft um die insgesamt als Reserven verfügbare Geldmenge zu beeinflussen. Derzeit liegt ihr Ziel bei einem Prozent, und genau auf diese Höhe wurde nun auch die Verzinsung für vorgeschriebene wie überschüssige Einlagen angehoben.

Insofern verwundert auf den ersten Blick, dass die effektive Federal Funds Rate seither bei 0,23 Prozent verharrt, während man eigentlich annehmen sollte, dass niemand Geld verleihen würde, um dann weniger Zins zu bekommen. Diese Differenz erklärt sich jedoch aber mit der Versicherungsprämie von 0,75 Prozent, die Banken bezahlen müssen um für diese Interbankkredite eine Garantie der Einlagensicherung FDIC zu erhalten.

Bis Jahresende soll die Bilanzsumme der Fed laut Richard W. Fisher, Präsident and CEO der Federal Reserve Bank of Dallas auf rund drei Billionen Dollar anschwellen, was dann rund 20 Prozent des US-BIP darstellen würden, nach sechs Prozent noch diesen August.

At the beginning of this year, the assets on the books of the Fed totaled $960 billion. Today, our assets exceed $1.9 trillion. I would not be surprised to see them aggregate to $3 trillion—roughly 20 percent of GDP—by the time we ring in the New Year.

Richard W. Fisher

Während das umlaufende Geld und die Fed Funds insgesamt die Passiva der Fed darstellen, hatten ihre Aktiva vor der Krise zu mehr als 95 Prozent aus US-Staatsanleihen bestanden. Jetzt liegt deren Anteil bei kaum mehr einem Drittel, wobei der Rest aus Forderungen gegenüber Banken (und mit AIG erstmals auch einer Versicherung) von laut Bloomberg mehr als 1,5 Billionen USD aus inzwischen insgesamt elf Kreditfazilitäten komme. So habe der gesamte von der Fed vergebene Kredit letzte Woche erstmals mehr als zwei Billionen Dollar betragen und sei allein in den sieben Wochen, seit die Fed am 14. September ihre Ansprüche an die dafür erforderlichen Sicherheiten gesenkt hatte, um 140 Prozent (1,72 Billionen. USD) angestiegen. Dabei dürften die Banken massenhaft schlechte Papiere bei der Notenbank abgeladen haben und ihre besseren Papiere im privaten Bankenverkehr als Sicherheiten nutzen zu können.

Da nicht absehbar ist, wann die Banken diese kurzfristigen Kredite nicht mehr benötigen werden, dürften sie bis auf weiteres laufend prolongiert werden, was die Fed auf eine längere Zeit erheblichen Risiken aussetzt. Ohne genauere Informationen könne die Öffentlichkeit diese aber nicht abschätzen, so dass Bloomberg letzten Freitag bei einem New Yorker Gericht Klage nach dem „Freedom of Information Act“ eingereicht hat, um zu erzwingen, dass die Fed bekanntgibt, wer denn überhaupt Fed-Kredite erhalten hat und welche Sicherheiten dafür gegeben wurden. (Rainer Sommer)

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