Flüchtlinge - aus den Augen, aus dem Sinn?

Flüchtlingslager in Idomeni. Bild: W. Aswestopoulos

Die Lage der Flüchtlinge in Griechenland ist weiterhin ernst, die EJR Mazedonien schob überdies 11.803 Menschen nach Griechenland ab

Die Lage der Flüchtlinge und Immigranten in Griechenland ist weiterhin ernst. Trotz der geringeren Anzahl an Neuankömmlingen aus der Türkei hat sich für die im Land Befindlichen kaum etwas geändert. Am Dienstag den 17. Mai wurden 16 Ankünfte auf Kos und vier auf Lesbos vom Vortag gemeldet. Im Land befanden sich in Lagern bei der morgendlichen Zählung nach offiziellen Angaben 54.496 Menschen.

Mehr als ein Jahr nach Beginn der Flüchtlingskrise plant der griechische Staat mit Geldern der EU zumindest, ab September die Schulausbildung für Flüchtlingskinder einzuführen. Noch soll das Unterfangen als Pilotprojekt in Zelten oder Räumen mit einer Kapazität für 150 Schüler durchgeführt werden.

Genau diese Lücke hatten die freiwilligen Helfer, die zwischenzeitlich verteufelt wurden, über Monate gefüllt. Die Freiwilligen haben sich nun fast vollständig aus den öffentlich zugänglichen Lagern entfernt. Mit ihnen verschwanden auch die meisten Journalisten. Das Fehlen der Freiwilligen hat die Journalisten angreifbarer gemacht. Sie werden von den Ordnungskräften leichter als Fremdkörper wahrgenommen.

Das Dauerthema als Randmeldung

All dies, zusammen mit der medialen Erschöpfung der Berichte zum Thema Flüchtlinge, hat das Schicksal der Menschen aus den Schlagzeilen heraus in die kleineren Meldungen gerückt. In Griechenland selbst haben die Berichte über die massiven sozialen Einschnitte und die zahlreichen neuen Steuern das Thema vorläufig verdrängt.

Das Thema wurde so sehr vergessen, dass sich nun die Wasserschutzpolizisten über das offensichtliche Desinteresse des Staats an ihrer Arbeit beklagen. Ohne die nach einer Lösung drängenden Öffentlichkeit lässt sich die Regierung auch mit der vorher propagierten Räumung der wilden Lager Zeit.

Es war versprochen worden, die dort wie in Favelas in der dritten Welt vegetierenden Flüchtlinge und Immigranten bis Ostern in staatlich organisierte Lager zu bringen. Lange Zeit diente den Behörden der Vorwand der gegen solche geschlossenen und somit gefängnisartigen Unterbringungen protestierenden freiwilligen Helfer als Vorwand für ihr Scheitern. Denn tatsächlich fehlt es dem Staat an Kapazitäten in den Lagern, neue müssen erst noch errichtet werden. Immigrationsminister Giannis Mouzalas räumte daher ein, dass der zeitliche Horizont für die Unterbringung der Menschen nun in den Juni verlegt wurde.

Zudem hat der Staat keine Gelder, um die nach Verbüßung der maximalen Zeit für ihren "illegalen Grenzübertritt" Inhaftierten mit finanziellen Mitteln für ihren weiteren Aufenthalt zu versorgen. Die Betroffenen leben dann, wie zahlreiche Iraker auf Leros, als faktische Freigänger weiterhin in den gefängnisartigen Lagern.

Drogenhandel, Kriminalität und auch Prostitution in den wilden Lagern

Während die in den wilden Lagern Lebenden bis vor Kurzem noch mit der Kälte und zusätzlich in Idomeni mit dem Schlamm zu kämpfen hatten, ist es nun das warme Wetter, welches Probleme beim Zusammenleben ohne vernünftigen Zugang zu hygienischen Einrichtungen bereitet. Bis zum Juni dürfte sich dieser Zustand noch intensivieren. Auch aus den staatlichen Hotspots gibt es Berichte über dort herrschende untragbare hygienische Verhältnisse. Der Bürgermeister von Chios zeigte deswegen den Immigrationsminister persönlich an.

Immerhin wurde nun mit Impfaktionen in den Lagern begonnen. Die Ärzte ohne Grenzen vermeldeten, dass sie zwischen dem 11. und 14. Mai 3.031 Kinder impften. Die Impfaktionen sind zunächst auf Personen im Alter von bis zu fünfzehn Jahren begrenzt.

Das ursprünglich provisorische, nun aber auf längere Dauer konzipierte Leben in Idomeni und Piräus hat zu einer Schaffung von entsprechenden Strukturen geführt. In Idomeni gibt es wie in jeder Siedlung auf der Welt Drogenhandel, Kriminalität und auch Prostitution. Ebenso wie in den Favelas und Rotlichtbezirken der übrigen Welt haben sich nun auch hier mafiöse Strukturen gebildet, welche die Schattenwirtschaft kontrollieren.

Griechenland hat dabei kein Alleinstellungsmerkmal. Aus den von Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Präsident Donald Tusk besuchten Vorzeigelagern in der Türkei wurden mindestens dreißig von Aufsichtspersonal begangene sexuelle Übergriffe auf Kinder bekannt.

Die Kinder sind auf beiden Seiten der große Verlierer. In Griechenland landen sie nicht selten in Kerkerzimmern auf Polizeistationen, wo sie ohne Hofgang und ohne menschenwürdigen Zugang zu Bad und WC über Wochen festgehalten werden. Die unbegleitet reisenden Flüchtlinge haben sich ihren Kerkeraufenthalt nicht etwa durch kriminelle Handlungen verdient, vielmehr weiß sich der Staat nicht anders zu helfen, weil es an alternativen Unterbringungsmöglichkeiten fehlt.

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