Flüchtlingspolitik, Muslime und Integration

Mitten in der Debatte um Flüchtlinge hat sich ein neuer islamischer Player zu Wort gemeldet. Der Verein "Muslimisches Forum Deutschland" will für einen liberalen Islam werben, bietet aber vor allem Deutsch-Konservatives

Wer gelegentlich die Bundespressekonferenz in Berlin besucht, kennt die Szenerie vielleicht. Männer in dunklen Anzügen sitzen da am langen Rednerpult und geben Minderheiten in Deutschland altkluge Ratschläge, wie sie zu leben haben. Einen Islam, der sich "ohne Wenn und Aber zu den demokratischen Grundwerte unserer Gesellschaft bekennt", hieß es zum Beispiel am vergangenen Freitag. Nur diesmal war es nicht Regierungssprecher Steffen Seibert oder Innenminister Thomas de Maizière, die Muslime zur Besserung mahnten. Es waren Muslime selbst.

Gekommen waren drei Vertreter der neu gegründeten islamischen Interessenvertretung "Muslimisches Forum Deutschland": die Journalistin Cigdem Toprak, der Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide (so etwas wie der aktuelle Popstar der islamischen Theologie) und der Initiator des Forums, Ahmad Mansour. Fans des Öffentlichen-Rechtlichen Fernsehens kennen ihn als beliebten Diskussionspartner zu Salafismus und muslimischen Antisemitismus. Ihr Thema: Flüchtlingspolitik, Muslime und Integration.

Ein Mangel an staatlicher Betreuung für Flüchtlinge öffne salafistischen Helfern die Tür. "Anfällig werden diese Menschen, wenn sie im Stich gelassen werden. Und anfällig werden sie, wenn wir sie nicht nachhaltig betreuen, ihnen die Mehrheitsgesellschaft nicht positiv zeigen", sagte Mansour. Sorgen gegenüber muslimischen Flüchtlingen müssten ernst genommen werden: "Ich habe immer wieder bemerkt, dass, wenn es um Debatten in Deutschland geht, dass wir bestimmte Sachen tabuisieren." Noch so ein Satz, den man häufig in der Bundespressekonferenz hört.

Kritiker aus den etablierten Islamverbänden werfen dem "Muslimischen Forum" vor, es vertrete nicht Muslime gegenüber dem deutschen Staat, sondern den deutschen Staat gegenüber Muslimen. Sie dürften sich am Freitag bestätigt gefühlt haben. Viele Schlagwörter der "17 Berliner Thesen" des "Muslimischen Forums" hätten auch aus einem CDU-Positionspapier zum Thema stammen können: "Kopftuch", "Schwimmunterricht", "Sexualkunde", "religiös motivierte Gewalt", "Selbstbestimmungsrecht der Frauen", "Grundgesetz".

"Wir vertreten einen Islam, der ohne Wenn und Aber hinter den Menschenrechten steht", sagte Khorchide. Ob die anderen Islamverbände dies nicht tun, sagte er nicht explizit dazu.

Es ist kompliziert mit den islamischen Interessenvertretungen in Deutschland. Dutzende Verbände und tausende Vereine wollen den vier Millionen Muslimen in Deutschland zu Gehör und Rechten verhelfen; islamische Organisationen den christlichen Kirchen gleichstellen; für Gebetsräume und Imame sorgen; helfen, das Image und die Integration von Muslimen in Deutschland zu verbessern. Nur in der öffentlichen Debatte geht es dann doch immer um ganz andere Fragen: Wer hat mehr Mitglieder? Wer bekommt woher seine Gelder? Wer darf für die Mehrheit der Muslime sprechen, die gar nicht in Vereinen organisiert sind? Wer kann sich mit dem Label "liberal" schmücken und wer gilt als konservativ. Und wieso darf eigentlich immer nur Aiman Mazyek im Fernsehen neben Angela Merkel stehen?

Das im April mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründete "Muslimische Forum" ist einer der kleinsten und jüngsten Player auf diesem Schlachtfeld. Dank seiner Promi-Mitglieder aber auch einer der medial gegenwärtigsten: ZDF-Moderator Abdul-Ahmad Rashid. Talkshow-Gesicht Lamya Kaddor. Die Journalistin Güner Balci, die durch ihre Migrantenbücher "ArabBoy" und "ArabQueen", vor allem aber wegen ihres "Kiez-Spaziergangs" mit Thilo Sarrazin Bekanntheit erlangte. Sechs Frauen, neun Männer, ein Christ, ein Alevit und sogar eine Jezidin finden sich auf der Liste der Erstunterzeichner.

Aber so pluralistisch die Zusammensetzung in konfessioneller Hinsicht anmutet, so homogen ist die politische Ausrichtung. Alle Mitglieder sind Vertreter jenes Spektrums, welches im öffentlichen Diskurs meist als "liberal" gilt - im Gegensatz zu den als konservativ bezeichneten großen Islamverbänden. Einigen wie dem Publizist Ralph Ghadban, der Sprecher des Christlich-Alevitischen Freundeskreis der CDU Ali Yildiz oder der Journalistin Cigdem Toprak werden von Kritikern sogar islamfeindliche Positionen vorgeworfen.

Um solche Kritik oder die Verortung des "Muslimischen Forums" innerhalb der muslimischen Community überhaupt ging es am Freitag allerdings nicht. Stattdessen warnte Mansour, muslimische Jugendliche seien "anfällig für radikale Ideologien" und berichtete von "Schulen, die sogar den Schwimmunterricht aufgegeben haben". Also alles wie immer bei der Bundespressekonferenz. (Fabian Köhler)

Anzeige