"Fluide Intelligenz lässt sich doch steigern"

Amerikanische und Schweizer Forscher entwickeln ein Trainingsprogramm, das angeblich die Fähigkeit verbessert, neue Probleme zu lösen - ein wissenschaftlicher Durchbruch oder nur besseres "Gehirnjogging"?

Es war wohl nur eine Frage der Zeit: Im März eröffnete das erste „geistige Fitness-Studio“ Vibrant Brain in San Francisco. Je nach Kurs lassen sich laut Gründerin Lisa Schoonerman „strategische Funktionen oder auch nur räumlich-visuelle Fähigkeiten“ trainieren. In einem Interview mit dem Fernsehsender ABC erklärt sie, was sie auf ihre Geschäftsidee gebracht hat: "Mir wurde beigebracht, dass manche Begleiterscheinungen des Alters unvermeidlich seien. Aber die Forschung zeigt, dass sie nicht unvermeidlich sind, sondern dass wir unser Gehirn genauso trainieren können wie unsere Körper."

Die Angebote von Schoonermans Fitnessstudios zeigen allerdings einen ziemlich einseitigen Begriff davon, was geistige Leistungsfähigkeit bedeutet und wie sie zu steigern wäre. Für einen Monatsbeitrag von 60 US-Dollar treiben die Teilnehmer hier Denksport vor einem Computerbildschirm - zum Beispiel bunte geometrische Figuren ordnen -, außerdem können sie populärwissenschaftliche Vorträge und Seminare besuchen.

Der Markt für Intelligenztraining wächst und wächst. Es ist die Angst vor Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer, die Angeboten wie dem des kalifornischen intellektuellen Fitnessstudios die Kunden zutreibt. Aber auch jüngere Menschen fürchten, geistig nicht rege genug zu sein. Schließlich soll vom beruflicher Erfolg bis zur glücklichen Partnerschaft ziemlich alles von der individuellen Intelligenz abhängen. Oder, mit den Worten Schoonnermans: “Vibrant Brains are Sexy Brains!“

Anspruchsvoller, aber inhaltlich nicht völlig anders, versuchen amerikanische und schweizerische Wissenschaftler, dem geistigen Abbau entgegen zu treten. Zu diesem Zweck muteten sie ihren Versuchspersonen ein äußerst anspruchsvolles Spiel zu. Auf einen Bildschirm mussten Studentinnen und Studenten geometrische Figuren beobachteten, während sie gleichzeitig über einen Kopfhörer Buchstaben vorgelesen bekamen. Alle drei Sekunden wechselten Buchstabe und Bild (siehe Skizze). Wiederholte sich dann in einer der nächsten Runden eine solche Verbindung, drückten sie einen Knopf. Je weniger Fehler sie dabei machten, umso länger dauerte es bis zur nächsten Wiederholung.

Diese Aufgabe fordert das Arbeitsgedächtnis gleich mehrfach: Akustische und visuelle Signale müssen gleichermaßen präsent bleiben und fortwährend mit neuen Informationen abgeglichen werden. Vor Beginn und nach Abschluss des Trainings wurde ihre Intelligenz getestet und schließlich mit einer Kontrollgruppe verglichen, um auszuschließen, dass die bessere Leistung nur auf den immer gewohnteren Umgangs mit Intelligenztests beruhte. Niemand war überrascht, dass die Leistung der Teilnehmer mit der Zeit stieg. Aber nicht nur das, sie schnitten auch bei einem Intelligenztest besser ab, der ganz andere Anforderungen stellte. „Durch das Training konnten sie neue Aufgaben besser bewältigen. Außerdem stellten wir fest, dass die Steigerung umso größer war, je länger sie übten“, erzählt einer der beteiligten Forscher, der Schweizer Martin Buschkühl. Seine Schlussfolgerung: „Ihre fluide Intelligenz war gestiegen.“

Als „fluide Intelligenz“ bezeichnen Psychologen die Fähigkeit, unbekannte Probleme zu lösen und sich auf neue Situationen einzustellen. Die sogenannte „kristalline Intelligenz“ dagegen beruht ihrer Ansicht auf Erfahrung und erworbenem Wissen. So unterscheidet die Intelligenzforschung ein angeblich allgemeines, unspezifisches „Lernvermögen“ von den erlernten Fähigkeiten. Dieses Vermögen wiederum soll – jedenfalls nach Ansicht vieler Wissenschaftler – überwiegend vererbt werden. Insofern wäre es überraschend, wenn sie sich tatsächlich durch geeignetes Training nachhaltig steigern ließe.

Buschkühl und seine Kollegen veröffentlichten ihre Ergebnisse vergangenen Monat in der amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences. Für sie belegt das Experiment, dass Arbeitsgedächtnis und Intelligenz ursächlich zusammenhängen. „Viele Studien haben gezeigt, dass Personen, die eine hohe Intelligenzleistung zeigen, auch ein gutes Arbeitsgedächtnis haben“, erklärt Buschkühl. „Woran das liegt, war allerdings bisher unklar. Wir gehen nun von einem kausalen Zusammenhang aus.“

Die Anzahl der Teilnehmer an der Studie war allerdings nicht sehr groß, weitgehende Schlüsse könnten sich als vorschnell erweisen. Nur vier Gruppen mit jeweils neun Studentinnen und Studenten übten täglich 20 Minuten lang (und zwar 8, 12, 17 beziehungsweise 19 Tage). Buschkühl glaubt dennoch, dass diese Erkenntnisse praktische Bedeutung im therapeutischen Einsatz bekommen werden. „Wir arbeiten an Trainingsprogrammen für Kinder mit Entwicklungsstörungen oder Patienten mit Hirnverletzungen. Man könnte auch dem altersbedingten Abbau von kognitiven Fähigkeiten begegnen.“ An den Einsatz bei durchschnittlich intelligenten Erwachsenen ist nicht gedacht.

Was unterscheidet das Trainingsprogramm aus der Universität Michigan also von Dr. Kawashimas „Gehirn-Jogging“? Laut Buschkühl vor allem drei Dinge: Erstens könne das Programm die intellektuellen Leistung insgesamt, also auch in anderen Bereichen, steigern. Die Aufgabe lasse sich nicht „automatisieren“, sondern die Teilnehmer müssten ihre analytischen und Merkfähigkeiten permanent aufs äußerste anspannen. Weil sich zweitens das Niveau des Spiels immer an die Leistung anpasste, wurden diese Fähigkeiten sozusagen „gedehnt“. Drittens mussten unterschiedliche Reize, akustische und visuelle gleichzeitig verarbeitet werden.

Buschkühls Kollegin Susanne Jäggi wies in der New York Times darauf hin, wie überraschend die Steigerung der fluiden Intelligenz sei: „Intelligenz galt immer als unveränderliche ererbte Eigenschaft.“ Der bekannte Verhaltensgenetiker Robert Plomin allerdings hält gerade das für eine unhaltbare Behauptung. Er kritisiert, die Kollegen aus Michigan würden ihre Ergebnisse überinterpretieren: „Es gibt in Wirklichkeit keinen Widerspruch zwischen Vererbung und verbesserter Leistung.“ Außerdem bezeichneten „Arbeitsgedächtnis“ und „fluide Intelligenz“ ganz ähnliche Fähigkeiten, die Übertragbarkeit von einem Bereich in einen anderen sei deshalb wenig verwunderlich.

Für Robert Plomin ist die ewige Debatte „Vererbung vs. Umwelt“ ohnehin beendet oder wenigstens langweilig geworden. Die Wissenschaft, argumentiert Plomin, misst nämlich unabwendbar immer beides gleichzeitig: Vererbtes und Erworbenes lassen sich in der Lebenswirklichkeit nicht von einander abgrenzen. Schließlich führt die kognitive Entwicklungspsychologie mit gutem Grund keine Laborexperimente durch, sondern vergleicht höchstens die Intelligenz von Zwillingen oder von adoptierten und leiblichen Kindern. So aber kann sie das komplexe Mit- und Gegeneinander von Anlage, Förderung und auch Motivation nicht trennscharf beschreiben. Ob aber überwiegend ererbt oder vor allem erworben – offenbar ist Intelligenz auch innerhalb kurzer Zeiträume keineswegs „unveränderlich“. (Matthias Martin Becker)

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