Forever Number One?

Josef Joffe bläst all jenen notorischen Schwarzsehern den Marsch, die Uncle Sam’s geopolitischen Niedergang voraussagen

Josef Joffe, Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit und Mitglied in diversen Gremien und Kuratorien des Landes, ist ein streitbarer Zeitgenosse, einer, der sein Fähnchen auch dann noch gegen den Wind hält, wenn andere längst die Seiten gewechselt und sich ein anderes in der Hand haben drücken lassen. Zudem ist er jemand, der „politisch“ zu denken gelernt hat und sich nicht, wie mittlerweile üblich, mit „unpolitischem“ Gerede aufhält oder abmüht. Schließlich ist er auch und vor allem ein überzeugter Transatlantiker, der den USA auch dann noch die Treue gehalten hat, als die Weltmacht dabei war, in Bagdad ihre eigenen Ideale und Werte zu versenken.

Bestens gerüstet

Diese anglophile Haltung merkt man auch allen seinen Kommentaren, Beiträgen und Stellungnahmen an. Darum kann es auch nicht verwundern, wenn er angesichts der sich mehrenden Stimmen, die Uncle Sam zum„geopolitisches Auslaufmodell“ erklären, in die Tastatur langt, um die Weltmacht gegen derlei „Untergangsgesänge“ in Schutz zu nehmen. Nachzulesen ist seine Verteidigungsrede in der aktuellen Ausgabe der Foreign Affairs (The Default Power); ins Deutsche übersetzt ist sie zu finden in der Zeitschrift Internationale Politik (Der Kassandra-Komplex), in deren Beirat Joffe auch vertreten ist.

Für Joffe ist das Gerede von der „verlorenen Nation“ Teil einer never ending story, die vor mehr als fünfzig Jahren mit dem „Sputnik-Schock“ begann und mit der Finanz- und Wirtschaftskrise seinen derzeitigen Höhepunkt erreicht. Trotz all dieser Schwarzmalerei habe sich die Weltmacht in all den Jahren aber als erstaunlich robust gezeigt und immer wieder den Willen zur „Selbsterneuerung“ aufgebracht. Auch dieses Mal, wo alle Welt dank des rasanten „Aufstiegs der Anderen“ (Zakaria) eine Verschiebung der geopolitischen Machtkoordinaten erwartet, werde sich der „Amerikanische Traum“, davon ist Joffe überzeugt, als viel härter erweisen als die Auguren des Niedergangs es sich ausmalen.

Trotz zweier Kriege im Irak und in Afghanistan und der größten Rezession seit den Dreißiger Jahren spielten die USA nicht nur in „ihrer eigenen Liga“, sie nähmen auch auf allen relevanten Gebieten der Macht: wirtschaftlich, technisch, politisch und kulturell nach wie vor die Spitzenposition ein. So sei die amerikanische Wirtschaft „dreimal soviel wert wie die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, Japan“ Und auch militärisch könnten die anderen der Weltmacht nicht das Wasser reichen. Nicht nur unterhalte es die größte Seeflotte der Welt, es habe auch den mit Abstand höchsten Militäretat aller Staaten, was es ihr erlaube, jederzeit und überall auf der Welt zu intervenieren.

Jenseits des Jammertals

Die Zahlen und Fakten, die Joffe ausbreitet, mögen für die Weltmacht sprechen. Doch was nützt, um nur mal ihr größtes Pfund, die militärtechnische Überlegenheit, herauszugreifen, die ganze militärische Dominanz, wenn man andere damit zwar einschüchtern und weltweit zuschlagen, aber den Krieg gegen zahlenmäßig und technisch weit unterlegene Gegner nicht wirklich gewinnen kann. Fast alle militärischen Kampagnen in der letzten Jahrzehnten haben gezeigt, dass die „Revolution in militärischen Angelegenheiten“, der sich die Weltmacht seit den 1990ern verschrieben hat, im „asymmetrischen Krieg“ nicht den entsprechenden Erfolg zeitigt.

Und auch wirtschaftlich, technisch und kulturell ist das Land nicht überall gleich gut aufgestellt und gerüstet. Die Wirtschafts- und Finanzkrise trifft, das haben die letzten Monate gezeigt, den Westen und da vor allem die USA. Sie hat die westlichen Finanzzentren erschüttert, nicht die in den asiatischen Ländern. Weil deren Finanzsystem weit weniger entwickelt war, ihnen all das fehlte, was Amerika und dem Westen gigantische Probleme bereitet haben: marode Banken, schlampige Kreditvergabe, hochverschuldete Staatsetats, und sie auch all die schön verpackten Finanzprodukte kaum gekauft haben, sind sie von der Krise nur partiell berührt worden.

Hinzu kommt, dass die Asiaten mit vollen Staatskassen wesentlich leichter staatliche Konjunkturprogramme finanzieren können als der Westen. Zur Not kann China beispielsweise jederzeit weitere Programme zur Förderung ihrer heimischen Wirtschaft auflegen, was den USA oder Europa aufgrund ihrer Rekordverschuldung nur noch schwer möglich ist. Darüber hinaus ist der Konsumhunger dort aufgrund des ungeheuren Nachholbedarfs, den besonders die jungen Leute haben, ungebrochen groß, während er in „God’s Own Country“ merklich abgeebbt ist.

Darbt der Westen wirtschaftlich, hat sich Asien längst zum Weltwirtschaftsmotor Nummer eins gemausert. Es ist zur Weltlokomotive geworden, der alle anderen aus der Stagnation ziehen muss und von der alle übrigen profitieren, Deutschland, Europa und auch die USA. Stagniert oder schrumpft, auf das ganze Jahr hochgerechnet, das Wachstum in den westlichen Ländern, klettert es in den aufstrebenden Mächten des Ostens, in Singapur, Südkorea oder Indonesien (und nicht nur in China) auf mehrere Prozent.

Verschiebung der Machtverhältnisse

Dass sich dadurch die Machtgewichte innerhalb der Weltwirtschaft, und nicht zuletzt im IWF, zugunsten dieser Länder verschieben, versteht sich fast von selbst. Künftig erhalten jene Länder, die am meisten zum Wohlstand beitragen, nicht nur stärkeres Gewicht, sie genießen auch größere Mitsprache und Stimmrechte und bestimmen folglich darüber mit, was künftig wann und wie auf die Agenda der Organisation kommt.

In Pittsburgh, wie zuvor schon in London, hat sich gezeigt, dass die G8-Gipfel an politischer Bedeutung verloren haben. An ihre Stelle tritt ein exklusiver Klub von zwanzig Industrie- und Schwellenländern, die künftig über das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft und der internationalen Ordnung befinden. Dass gleichzeitig der Dollar als Leitwährung der Weltwirtschaft, nicht nur in Asien, sondern auch in den arabischen bzw. muslimischen Ländern, zunehmend in Frage gestellt wird, verdeutlicht, dass sich die politischen Machtverhältnisse unwiderruflich in Richtung einer Weltordnung verschieben, die kulturell und politisch deutlich weniger westlich geprägt sein wird, dafür aber multipolarer ist als jemals zuvor.

Gewiss liegt noch ein weiter und beschwerlicher Weg vor den neuen aufstrebenden Mächten in Eurasien und Indiolateinamerika. Das Niveau, von dem aus die BRIC- und Tigerstaaten ihre wirtschaftspolitische Nach- und Aufholaktion starten, liegt noch um ein Vielfaches hinter dem der westlichen Staaten zurück. Bis sie auf Augenhöhe mit Europa oder den USA sind, haben sie noch große Probleme und Herausforderungen zu meistern. Nicht nur ethnischer, ökologischer und demografischer Art. Beispielsweise erwartet China, wenn man die aktuellen Zahlen betrachtet, eine Vergreisung seiner Bevölkerung, während die USA bislang das einzig bedeutende Land sind, das sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss. Sondern auch untereinander, wo China, Indien und Japan sich eifersüchtig beäugen, sich misstrauisch belauern und sich gegenseitig in Schach halten (Think Again, Asia’s Rise). Eine Art asiatische EU, wie Parag Khanna sich das vorstellt (Europa 2030: vorwärts ins neue Mittelalter), wird es, da ist Joffe durchaus zuzustimmen, mit Sicherheit nicht geben.

Relativer Machtverlust

Von daher mag es durchaus noch verfrüht sein, den USA das Ende ihrer weltweiten Dominanz vorauszusagen. Wer sich zu früh freut und den amerikanischen Hang zur „Runderneuerung“ unterschätzt, den bestraft auch da wohlweislich das Leben. Aber das hat so auch keiner der Kassandras behauptet, heißen sie nun Fareed Zakaria, Parag Khanna oder Kishore Mahbubani. Noch immer sind die USA „die wichtigste Weltmacht“ und, möglicherweise, auch „unverzichtbar“ für die Zeit des Übergangs. Am massiven Machtverlust, den das Land seit Nine-Eleven hat hinnehmen müssen, ändert das aber herzlich wenig.

Noch, und die Betonung liegt vor allem darauf, schneidet das Land in den Rankings der weltbesten Universitäten hervorragend ab. Unter den zwanzig besten findet sich kaum eine andere als eine englischsprachige. Erst auf Platz siebzehn folgt eine anderssprachige. Den stärksten Aufwärtstrend verzeichnen aber bereits die Hochschulen in Asien. Beispielsweise schafft es die Universität von Tokio auf Rang 22 und die von Hongkong auf Rang 24, während die Kyoto-Universität auf Rang 25 und die in Singapur auf Rang 30 folgt (Harvard verteidigt Spitzenposition).

Zugleich kehren aber die besten Köpfe, nachdem sie sich in Boston, Cambridge oder Stanford haben ausbilden lassen, dem Land den Rücken und gehen wieder zurück in ihre Heimatländer. Nicht nur, um dort ein Start-up-Unternehmen zu gründen und den persönlichen Erfolg zu suchen, sondern auch und vor allem, um ihrem Land wirtschaftlich auf die Sprünge zu helfen.

Politisch und kulturell mögen die USA durch die Wahl Obamas wieder an Reputation und Ansehen hinzugewonnen haben. Nicht zuletzt der Friedensnobelpreis an den Präsidenten ist Ausdruck und Zeichen dieser neuen Wertschätzung. Das war nach den acht Jahren unter George Bush aber auch nicht sonderlich schwer. Doch kann all das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Washingtons Macht und Einfluss mittlerweile viel geringer ist als noch vor Jahren.

Auf die Gespräche mit Nordkorea oder dem Iran haben das Charisma und die wohlfeilen Reden des Präsidenten, die er in Prag, Kairo und vor der UN gehalten hat, auf die Akteure aber kaum Einfluss genommen. Ohne die energische Initiative Pekings im Falle Nordkoreas oder die tatkräftige Hilfe Moskaus im Falle des Irans wäre die Diplomatie gar nicht erst in Gang gekommen. Ganz zu schweigen vom Krieg in Afghanistan, der mit unverminderter Härte weitergeht, oder vom Kampf um Palästina, wo sich Netanjahu von Obamas Forderung nach einem sofortigen Bau- und Siedlungsstopp im Westjordanland völlig unbeeindruckt zeigt.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Infolgedessen ist es schon sehr mutig, „die USA für jünger und dynamischer als alle ihre Rivalen“ zu halten. Zu groß sind bekanntlich auch die strukturellen Probleme, die das Land hat (Can America fail?) und die auch ein „Überpräsident“ Obama nur schwerlich wird lösen können. Solange es den individuellen Wohlstand über den des öffentlichen Gemeinwohls stellt, seine sozialen Verträge nicht einhalten und seine Defizitpolitik nicht in den Griff bekommt, kann das Land nur hoffen, dass China und Japan weiter kräftig in US-Anleihen investieren werden und dadurch das „Auf-Pump-Leben“ vieler Amerikaner finanziell unterstützen.

Dem Transatlantiker Joffe mag es noch schwer fallen, sich China, Indien oder gar Russland als Garanten, Hüter oder Moderatoren einer neuen Weltordnung vorzustellen. Da ist er vielleicht auch noch zu sehr im alten Denken verhaftet, einem Denken, das gewohnt ist, mit den Kategorien des Kalten Krieges zu hantieren. Von einem neutralen Standpunkt aus ist aber nicht einzusehen, warum Länder, die in eine solche Rolle schlüpfen, unbedingt „demokratisch und frei“ sein müssen. Der Glaube, dass die künftige internationale Ordnung, nur weil sie im letzten Jahrhundert eine „freiheitliche“ gewesen ist, auch künftig eine solche wird sein müssen, ist, allein geschichtlich und evolutionistisch betrachtet, ein ebenso gewagter wie kühner.

Großbritannien und vor allem die USA mögen vielleicht die „einzig wahren liberalen Großmächte in der Geschichte“ gewesen sein, die der internationalen Ordnung mit ihren Visionen von Freihandel, Wilsonianismus und multilateralen Institutionen ihren Stempel aufgedrückt haben. Doch was für das 20. Jahrhundert gilt, das nicht unbedingt im Ruf steht, eine friedliches oder gar unblutiges gewesen zu sein, muss noch lange nicht für das jetzige gelten. Revolutionen fressen bekanntlich ihre Kinder. Und China, aber auch Russland, beweisen aktuell das Gegenteil. Auch mit Mischformen, mit liberaler Wirtschaft und autokratischem politischen System, und ohne universalistische Missionierungsabsichten und -gedanken kann man politisch-wirtschaftlichen Erfolg haben. Schon beginnen die aufstrebende Mächte, namentlich China, mit oder über Länder, die mit dem Land über diverse andere Organisationen liiert sind, wie etwa der Iran, weltweit Bündnisse und Verträge zu schließen, die der asiatischen Großmacht den uneingeschränkten Zugriff auf Rohstoffe, Bodenschätze und Energieressourcen sichert, nicht nur in Afrika, sondern auch im ehemaligen Hinterhof der USA, in Indiolateinamerika.

Insofern sind die Abkommen, die Peking mit dem venezolanischen Präsident Chavez getroffen hat und die Kooperation, die dieser mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad anstrebt (Skurrile Nähe), bemerkenswert. Sie zeigen, dass Eurasien und Indiolateinamerika möglicherweise „die neuen Säulen des neuen multipolaren Systems“ (America indiolatina ed Eurasia: i pilastri del nuovo sistema multipolare) sein werden, einem System, das mehr von Pragmatismus und Kalkül als vom Idealismus und der Politischen Theologie der Menschenrechte getragen sein wird. (Rudolf Maresch)

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