Forschungsergebnis: Nutzen von 3G und 2G nimmt ab

Niederlande: Vom Gesundheitsministerium beauftragte Studie besagt, dass 3G- und 2G-Maßnahmen nun weniger schützen. Die Forscher machen einen überraschenden und teuren Vorschlag zur Verbesserung der Lage

In den Niederlanden wurde im September der sogenannte Coronazugangsbeweis eingeführt. Praktisch ging es um einen QR-Code, mit dem man seinen Impf- oder Gesundheitsstatus nachweisen sollte, per Smartphone-App oder ausgedruckt auf Papier.

Örtlichkeiten wie Bars, Restaurants, Kinos oder Theater konnten (beziehungsweise mussten) Abstandsregeln aufgeben und wieder mehr Kunden empfangen, wenn sie den Code kontrollierten. Gegner der Maßnahme fühlten sich aber ausgegrenzt und stigmatisiert.

Einen gültigen Code bekommt man mit einer vollständigen Impfung, Genesung oder Testung (3G) – für eine bestimmte zeitliche Frist. Die Einführung von 2G (also ohne Möglichkeit der Testung) wurde bisher ergebnislos im Parlament diskutiert.

Studie fürs Gesundheitsministerium

Das niederländische Gesundheitsministerium brachte dann auch eine wissenschaftliche Untersuchung über den Nutzen des Coronazugangsbeweises auf den Weg. Am 17. Januar übermittelte der neue Gesundheitsminister Ernst Kuipers das Ergebnis ans Parlament.

An der Studie haben Fachleute der Technischen Universität Delft, der Universität Rotterdam, der Universitätskliniken von Rotterdam und Utrecht sowie des von der TU Delft ausgegliederten Start-ups Populytics mitgewirkt. Letzteres ist auf die Anwendungen wissenschaftlicher Methoden auf praktische Fragestellungen spezialisiert.

Insgesamt besteht das Team aus 13 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und wird von dem Infrastrukturforscher Niek Mouter von der TU Delft geleitet. Neben Fachleuten für Modellierung gab es auch einen Schwerpunkt auf Verhaltensforschung. Die Professorin für Epidemiologie und Infektionserkrankungen, Mirjam Kretzschmar, von der Uniklinik Utrecht bezog auch internationale Vergleichsdaten ein.

Das Wichtigste des insgesamt 136-seitigen Forschungsberichts fassen die Beteiligten auf sieben Seiten zusammen: Sie haben den Zeitraum vom November 2021 bis Januar 2022 untersucht. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie gut der Coronazugangsbeweis die Verbreitung des Virus in der Gesellschaft reduziert.

3G, 2G – und 1G

Dafür berechneten sie verschiedene Szenarien und berücksichtigten neben 3G und 2G auch 1G: Alle lassen sich testen.

Gleich am Anfang heben sie aber einschränkend hervor: "Modelle sind Vereinfachungen der Wirklichkeit." Wegen der Omikronvariante des Coronavirus mussten ihre Modelle angepasst werden, weil diese viel ansteckender ist (Reproduktionszahl 1,8, statt 0,8 bis 1,0 für die Deltavariante).

Die Forscher kommen zum Fazit, dass der Zugangsbeweis mit 3G und 2G die Anzahl der Infektionen und Krankenhausaufnahmen reduzieren kann. Allerdings nehme der Nutzen dieser Maßnahmen nun mit der Omikron-Variante ab. Warum ist das so?

Die Grundannahme ist ja, dass sich das Virus in Innenräumen stärker verbreitet: Je mehr Menschen und je länger sie sich dort aufhalten, desto größer die Wahrscheinlichkeit für eine Ansteckung. Mit dem Zugangsbeweis sollten sich nur noch Menschen zusammen in geschlossenen Örtlichkeiten aufhalten, die das Virus mit geringerer Wahrscheinlichkeit haben oder im Falle einer Infektion ein geringeres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

Mit dem Aufkommen von Omikron hätten sich aber die Vorzeichen geändert: Diese Virusvariante sei nicht nur ansteckender, sondern auch die Immunität in der Bevölkerung sei geringer als für Delta, selbst unter Geimpften und Genesenen. Während man bei Delta die Reproduktionszahl mit dem Zugangsbeweis unter 1 habe bringen können, sei das bei Omikron jetzt nicht mehr zu erwarten. Wenn diese Zahl für längere Zeit unter 1 bleibt, kommt die Pandemie zum Erliegen.

Bei 1G spiele aber die (bei Omikron abnehmende) Immunität in der Bevölkerung eine geringere Rolle. Allerdings müsste die Qualität der Tests – sie nennen es "Zugangstest" – dafür hoch sein.

Unter idealen Umständen – wenn man überall testet, außer in Schulen und zu Hause (wegen des Aufwands) –, könnte man die Reproduktionszahl auch bei Omikron um rund 45 Prozent reduzieren. Wenn man auch den Arbeitsplatz herausnehme, sinke der Wert immer noch um rund 19 Prozent.

Nachlassender Impfschutz

Die Forscher erklären, dass 3G und 2G dazu gedacht waren, vor allem Ungeimpfte, die noch keine Covid-19-Erkrankung überstanden hatten, vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Für ihr Fazit ist die Schutzwirkung durch die Impfungen von entscheidender Bedeutung.

Dass 3G und 2G nun nicht mehr so gut abschneiden, liege am nachlassenden Impfschutz. Geimpfte könnten dann trotz Zugangsbeweis unter 2G andere Geimpfte oder Genesene anstecken; oder unter 3G auch Ungeimpfte. Gegenüber diesen Effekten falle übrigens das Risiko durch gefälschte Zugangsbeweise, das die Forscher auch einbezogen, kaum ins Gewicht.

Der Leiter des Forschungsprojekts, Niek Mouter, erklärte gestern gegenüber der Nachrichtenseite NOS, dass die Regierung aufgrund der Ergebnisse 3G- oder 2G-Maßnahmen schwieriger rechtfertigen könne.

Er erklärt auch, dass laut ihren Daten eine Verschärfung von 3G auf 2G dazu führen würde, dass viele Ungeimpfte dann mehr Kontakte an anderen Orten hätten, zum Beispiel zu Hause. Das würde natürlich die Schutzmaßnahmen konterkarieren, da diese ja zu weniger Kontakten führen sollen.

Welche Schlussfolgerungen aus der Studie gezogen werden, dürfte im Auge des Betrachters liegen: Gegner des Coronazugangsbeweises werden nun wohl verstärkt die Abschaffung der Maßnahme fordern und Befürworter hervorheben, dass reduzierte Wahrscheinlichkeiten für eine Infektion besser sind als nichts.

Die Lösung: Gut, aber teuer?

Der neue Gesundheitsminister Ernst Kuipers selbst gilt als Befürworter von 2G. Sein Vorgänger Hugo de Jonge hatte bereits die Kosten von 1G – in diesem Fall ist mit G "getestet" gemeint – berechnen lassen: In den Niederlanden gehe es dann schnell um 50 Millionen Euro pro Woche für die vielen Tests, also rund 2,6 Milliarden im Jahr.

Ein Vorteil von 1G wäre, dass diese Maßnahme alle Menschen gleich behandelt, unabhängig von ihrem Impf- oder Gesundheitsstatus. Das würde Maßnahmengegnern, die sich stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen, Wind aus den Segeln nehmen.

Ist das ein gangbarer Weg, vor allem wenn die Mehrheit der bisher Ungeimpften laut der neuen Studie angab, sich niemals gegen Covid-19 impfen zu lassen? Laut Medienberichten kostete die Coronapandemie die niederländische Volkswirtschaft allein 2021 rund 76 Milliarden. (Stephan Schleim)