Fracking-Gas statt Energiewende?

Die Energie- und Klimawochenschau: Von tiefen und nicht so tiefen Gesteinsschichten, einsamen Flügen über der Nordsee, brennenden AKW-Transformatoren und einem beschleunigten Meeresspiegelanstieg

Fracking, das heißt das Auspressen von Erdöl und Erdgas aus Einschlüssen im Gestein unter dem Einsatz hohen Wasserdrucks und eines bunten Cocktails von Chemikalien, erregt derzeit mal wieder die Gemüter. Ende letzter Woche diskutierte der Bundesrat das Thema, konnte sich jedoch nicht zu einem generellen Verbot durchringen.

Dennoch hagelte es viel Kritik an einem neuen Gesetzentwurf der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Unter anderem fordert die Länderkammer in ihrer Stellungnahme "das Aufbrechen von Schiefer-, Ton- oder Mergelgestein oder Kohleflözgestein unter hydraulischem Druck zur Aufsuchung und Gewinnung von Erdgas" generell zu verbieten. Als Grund wird angegeben, dass bei Förderung aus diesen geologischen Formationen die Risiken für das Trinkwasser "grundsätzlich größer" als im Falle der Ausbeutung anderer Gesteinsschichten seien. Auch seien im Vergleich zur Förderung aus tiefem Sandstein deutlich mehr Bohrlöcher von Nöten. Die Bundesregierung will hingegen in diesen Formationen nur oberhalb von 3000 Metern unter Normal Null die Förderung verbieten lassen. Diese Tiefengrenze, so der Bundesrat, sei fachlich nicht begründet und müsse daher gestrichen werden.

Außerdem tritt die Länderkammer dafür ein, dass in das Gesetz auch eine Regelung zur Bürgerbeteiligung aufgenommen wird und mehr Gebiete als bisher vorgesehen unter ein grundsätzliches Frackingverbot fallen. Zum Beispiel auch Vorranggebiete für die Trinkwassergewinnung und Einzugsgebiete von Mineralwasservorkommen. Schließlich fordern die Bundesländer, dass entsprechende Verbote nicht nur im Wasserrecht sondern auch im wesentlich lockererem Bergrecht festgehalten werden.

So richtig zufrieden sind Frackingkritiker dennoch nicht mit den Beschlüssen der Ländervertreter. Wegen der möglichen Schäden spreche alle wissenschaftliche Erkenntnis für ein totales Frackingverbot, heißt es zum Bespiel beim Münchener Umweltinstitut. Ähnliches verlautet vom Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND. Dessen Vorsitzender Hubert Weigert hatte im Vorfeld der Bundesratssitzung gesagt:

Die beim Fracking eingesetzten Flüssigkeiten können Böden und Gewässer vergiften, die Anwendung der Technologie kann Erdbeben auslösen und das Verfahren schadet dem Klimaschutz. Die Mehrheit der Länder-Umweltminister hat sich klar für ein Fracking-Verbot ausgesprochen. Der Bundesrat darf dieses Votum nicht missachten.

Das tat er dann allerdings doch. Das Thema wird uns aber noch eine Zeit erhalten bleiben. Unter anderem gibt es zwischen Bundesregierung und Länderkammer Meinungsverschiedenheiten darüber, ob das Gesetz zustimmungspflichtig ist, ob also auch im Bundesrat eine Mehrheit gesucht werden muss. Außerdem gehört zu dem Paket auch ein "Gesetz zur Ausdehnung der Bergschadenhaftung auf den Bohrlochbergbau und Kavernen", für das das Bundeswirtschaftsministerium einen bereits vom Kabinett abgenickten Entwurf vorgelegt hat, sowie eine Verordnung zur Einführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen.

Einsamer Gabriel

Wenn man Windparks schon besonders aufwendig und kostspielig auf hoher See baut, dann müssen sie auch mit Aplomb eingeweiht werden. RWE hat am Montag seine Anlagen nördlich von Helgoland offiziell in Betrieb genommen. Auf dem Inselfelsen stehend kann man sie bei guter Sicht gerade noch am Horizont ausmachen. Vom Amrumer Strand, von dem sie fünf Kilometer weiter entfernt liegen, nämlich 40, dürfte dies nicht mehr möglich sein.

Von Hamburg aus, wo sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit seinen G7-Kollegen Montag und Dienstag traf, ist das eine ziemlich weite Strecke, um sie im Hubschrauber zurück zu legen. Dennoch hätte Gabriel den 295-Megawatt-Wind-Park gerne den anderen Ministern gezeigt. Doch die winkten ab. So musste sich der Minister denn, wie der NDR berichtet, mit der Begleitung seiner beiden Parteifreunde Olaf Scholz und Torsten Albig begnügen, der eine Bürgermeister von Hamburg, der andere Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Auch EU-Energie-Kommissar Miguel Arias Cañete leistete ihm Gesellschaft bei seinem mehrstündigen Hubschrauberflug. "G1-Gipfel auf der Nordsee" witzelte entsprechend die in der Region westlich und südwestlich von Bremen vertriebene Nordwestzeitung.

Spott gab es auch von der Linkspartei. Gabriel habe sich wieder einmal überschätzt, meint die energie- und klimapolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag Eva Bulling-Schröter. "Keines der G7-Mitgliedsländer hat sich für das RWE-Windkraft-Projekt in der Nordsee interessiert, der Ausflug des Vize-Kanzlers im Helikopter war ein Schuss in den Ofen", so Bulling-Schröter. Und weiter: "Stattdessen wird das Thema Energie weiter gegen Russland in Stellung gebracht, was auf Kosten einer friedlichen Lösung der Ukraine-Krise geht."

Der Bevölkerung in Deutschland und Europa wird das Bild vermittelt, dass Russland Energie als Waffe einsetze. Dabei hat Moskau nicht einmal in den Hochzeiten der Blockkonfrontation am Gashahn gedreht. Die Hansestadt Hamburg wurde zwei Tage zur undemokratischen Sicherheitszone, ein bitterer Vorgeschmack dessen, was beim G7-Gipfel im Juni im bayerischen Elmau droht.

Eva Bulling-Schröter, energie- und klimapolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag

Zwar heiße es, dass auf dem UN-Klimagipfel Ende des Jahres in Paris ein wirksames Klimaabkommen angestrebt werde. Doch die Energiepolitik der G7 sehe nicht danach aus. Die letztjährige Erklärung des G7-Gipfels in Rom habe gezeigt, dass die Energiewende nicht ernsthaft eingeleitet werde:

Statt die globale Erderwärmung ernsthaft zu stoppen, setzen die wichtigsten Industrienationen weiter auf Atomkraft, Kohle, Fracking und CCS-Technik. Die Vereinigten Staaten nutzen die außenpolitischen Spannungen mit Russland, um in Europa neue Märkte für ihr heimisches Fracking-Gas zu erschließen und Geopolitik zu betreiben, denn Flüssiggas (LNG) aus den USA und dem Nahen Osten stehen in direkter Konkurrenz zu Gas aus Russland.

Bulling-Schröter

Laxe Sicherheitsvorkehrungen

Mit der Atomkraft hat derweil mancher G7-Staat so seine Probleme, da viele der laufenden Reaktoren inzwischen schon ziemlich alt und entsprechend störanfällig sind.

Im US-Bundesstaat New York hat letzte Woche ein Transformatorbrand einen Reaktor des AKW Indian Point lahmgelegt. Daraufhin seien "thousands of gallons of oil", also vermutlich über 10.000 Liter Öl, vom Reaktorgelände in den benachbarten Hudson geflossen, berichtet WNYC. Transformatoren werden mit Öl gekühlt, das in diesem Falle in Brand geraten war. Das kommt durchaus vor und muss nicht automatisch zur großen Katastrophe führen, wenn entsprechende Vorsorge betrieben wird. Aber dass die Sicherheitsvorkehrungen nicht einmal so weit gehen, dass auslaufendes Öl im Notfall aufgefangen werden kann, gibt dann doch schon zu denken.

Im Deutschen AKW Krümmel gab es 2007 einen ähnlichen Vorfall, nur dass man dort immerhin in der Lage war, einen Ölaustritt in die Umwelt zu vermeiden. Dafür war die Schaltzentrale des AKW zeitweise nicht betretbar, weil die Lüftung den Rauch des Feuers ins Gebäude blies. Der wurde natürlich von Rauchmeldern bemerkt, doch diese sandten an die Lüftung ein automatisches Signal, diese zu verstärken. Das führte natürlich zu noch mehr Rauch im Gebäude. An einen Brand im Außenbereich hatten die Planer dieses Regelsystems offensichtlich nicht gedacht. Irren ist halt menschlich, nur dass die AKW-Technik so riskant ist, dass einfach nicht zu viele Irrtümer vorkommen dürfen.

Das Vattenfall AKW-Krümmel wurde übrigens einige Jahre später noch einmal mit einem neuen Second-Hand-Transformator hochgefahren, nur um dann rekordverdächtig innerhalb von vier Tagen zwei Schnellabschaltungen hinzulegen (Bis zu 200 Milliarden Euro Gewinn). Seitdem stand es still. 2011, nach Angela Merkels Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg, wurde daraus eine endgültige Stilllegung.

Schneller als gedacht

Und zum Schluss die gute Nachricht der Woche, die diesmal mit einer schlechten verknüpft ist. Der Meeresspiegel ist seit Beginn der 1990er nicht ganz so schnell angestiegen, wie bisher gedacht. Zwischen 1994 und 2014 war der mittlere Anstieg um einige Zehntel Millimeter im Jahr langsamer, als die alte Interpretation der entsprechenden Satellitendaten ergibt.

Wie ein internationales Wissenschaftlerteam am Montag in einem Beitrag im Fachblatt Nature Climate Change beschreibt, ist dies das Ergebnis einer genaueren Analyse der Satellitendaten, die seit Anfang der 1990er vorliegen. Der Vergleich mit neuen GPS-Daten und mit den Messungen an 122 Pegeln an den Küsten in aller Welt ergab, dass insbesondere die Instrumente der ersten von bisher vier Satellitenmissionen eine markante Gerätedrift aufwiesen, die bisher nicht berücksichtigt wurde, da sie nicht erkannt worden war. Von Gerätedrift wird gesprochen, wenn ein Instrument über die Zeit ab- oder zunehmende Werte misst, obwohl die eigentliche Messgröße konstant bleibt. Wenn dieser Effekt bekannt und durch unabhängige Vergleichsmessungen quantifiziert ist, kann er aus dem Ergebnis herausgerechnet werden.

Das haben die Autoren nun gemacht und sind zu dem oben genannten Ergebnis gekommen. Die schlechte Nachricht dabei ist allerdings, dass in den korrigierten Daten der Anstieg im Mittel zwar bis dato etwas geringer ausfällt, sich aber im letzten Jahrzehnt deutlich beschleunigt hat. Bisher war man davon ausgegangen, dass er sich aufgrund nicht verstandener natürlicher Schwankungen etwas verlangsamt. Komisch war dabei nur, dass dies nicht recht zur Zunahme des jährlichen Eisverlusts auf Grönland passen wollte. Mit den neuen Korrekturen passen Eisverlust und Meeresspiegelanstieg deutlich besser zusammen. Eine Erkenntnis mehr, wenn auch eine unerfreuliche. (Wolfgang Pomrehn)

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