Fragile Städte, die drohen, "wild" zu werden

Die fragilsten Städte sind in Rot abgebildet und konzentrieren sich auf den Nahen Osten und Afrika. Bild: Igarapé Institute

Die stabilsten Städte gibt es in Westeuropa, Kanada und Japan, aber warum ist etwa München bereits im mittleren Fragilitätsbereich?

Städte, vor allem die großen, über alle Dimensionen hinauswachsenden Megacities in den Entwicklungsländern, stellen die neuen Risiken dar. Während früher Rebellen in unwegsames Gelände gezogen sind, um sich dort zu verbergen und Überraschungsangriffe zu führen, sind nun die Großstädte wegen ihrer Komplexität und Unüberschaubarkeit zu Kriegsschauplätzen geworden. "Wilde Städte" findet man aber nicht nur in Asien, Afrika oder Mittelamerika bzw. jetzt im Jemen, in Somalia, in Syrien oder im Irak, sondern auch in den westlichen Ländern.

Das Igarapé Institute in Brazil, die United Nations University, das World Economic Forum und 100 Resilient Cities haben nun ein Ranking der urbanen Fragilität von 1-4 für über 2000 Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern erstellt, also von Städten, die Gefahr laufen, ins Chaos zu stürzen oder unregierbar zu werden. "Fragile Cities" werden nach 11 Kategorien eingeteilt: Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Arbeit, Verschmutzung, Zugang zur Basisversorgung (Wasser, Strom etc.), Konflikte, Terrorismus, Ungleichheit, schnelles Wachstum, mangelnde Sicherheit oder Gefährdung durch Naturkatastrophen. Seltsamerweise scheint Korruption keine Rolle zu spielen.

Als fragil werden Städte bezeichnet, die in Gefahr laufen, "wild" (feral cities) zu werden, wenn in Viertel, die Grundversorgung ausfällt oder nicht existiert, No-Go-Gegenden entstehen und sich parallele Machtstrukturen in Form von organisierter Kriminalität, Milizen oder Gangs herausbilden ("Pockets of Darkness"). Wilde Städte gefährden nicht nur ihre Einwohner, sondern führen auch zur Instabilität und auch zu Konflikten auf nationaler und internationaler Ebene. Viele militärische Konflikte spielen sich, wie derzeit im Nahen Osten zu sehen, um Städte und in den Räumen der Städte ab. Militärstrategen befassen sich daher mehr und mehr mit dem urbanen Kampfgebiet, vor allem mit Strategien für Megacities mit vielen Millionen Einwohnern auf einer riesigen Fläche mit unübersichtlichen räumlichen Bedingungen (Der "urbane Ballungsraum" der Bundeswehr). Die Erfassung der Fragilität, also von Städten, die umzukippen drohen, soll der Prävention dienen, schließlich sind stabile Städte nicht nur sicher, sondern auch die Wirtschaftsmotoren der Länder.

Wenig überraschend befinden sich die stabilsten Städte in Westeuropa, Australien oder in Japan, während Mogadischu (4) und zwei weitere Städte in Somalia, Mossul oder Kabul (3,7) am anderen Ende zu finden sind, also die Städte in failed states, die sich seit Jahren im Bürgerkrieg auch mit westlicher Beteiligung befinden. Als sicherste Städte werden Oslo (1,2) oder Canberra (1,1) eingestuft. München beispielsweise gilt mit einem Ranking von 1,7 als nur "mittel" fragil, während Leipzig oder Berlin mit 1,3 nur als gering fragil gelten, auch Hamburg (1,2) und Bremen (1,3) rangieren besser als München, auch Wien wartet mit 1,4 auf. Washington und Paris sind mit jeweils einer Einstufung von 1,5 auch besser.

Für einen langjährigen Bewohner von München erschließt sich nicht, warum ausgerechnet München fragiler sein soll als andere deutsche Städte. London wird mit 2,1 als fragiler bewertet, der Grund: Kriminalität, hohe Ungleichheit, Terrorbedrohung und hohe Luftverschmutzung. New York ist mit 2,2 noch fragiler, weil hier ein Flutrisiko besteht.

Von den gerankten 2100 Städten gelten immerhin 14 Prozent als sehr fragil, nur 16 Prozent werden als gering fragil eingestuft. Kaum überraschend sind die fragilsten Städte in Afrika und Asien zu finden, 44 Prozent der afrikanischen Städte sollen fragil sein. Wenn man allerdings auf die Einstufung von München sieht, kommen doch Zweifel auf, zumal hier die Einkommensungleichheit auch nicht als besonders hoch eingeschätzt wird, auch nicht die "conflict events". Mit 1,8 Liegt Ciudad Juarez an der mexikanisch-amerikanischen Grenze etwa auch im mittleren Bereich, obgleich sie lange als eine der gefährlichsten Städte galt.

Die Hersteller des Rankings wollen gleichwohl eine Botschaft senden, nämlich dass sich der Fragilitätszustand einer Stadt ändern ließe, wenn man dies denn will. Robert Muggah, der Forschungsdirektor des Igarapé Institute, sagt, dass Städte, die inklusive öffentliche Räume bauen und die Schranken zwischen armen und reichen Vierteln einreißen, viel für eine Verbesserung der Sicherheit bewirken. Auch Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und den Zugang zu Basisdiensten in benachteiligten Wohngegenden würden langfristig wirtschaftliche Vorteile erbringen. Aber das ist eigentlich bekannt, primär dürfte für fragile Städte und gescheiterte Staaten die sich verstärkende Kluft zwischen Armen und Reichen sein und die Interessen, die eine Veränderung blockieren. (Florian Rötzer)

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