Fragwürdiger Journalismus

Endlich mit Warnhinweis

Was ist ein "geek comedian"? Das englische Wort "geek" bedeutete ursprünglich (ähnlich wie das deutsche Wort "Geck" oder "jeck") einen Einfaltspinsel oder Toren. In den 1990er Jahren vollzog sich eine interessante semantische Verschiebung: Seitdem bezeichnet "geek", ähnlich wie das weiter verbreitete "nerd", einen Technik- und Computerenthusiasten. Ein "geek comedian" ist also jemand, der sich obsessiv über Computer und ihre Benutzer lustig macht.

Tom Scott ist so ein "geek". Nun hat er einen brillanten Coup gelandet. Er fragte sich nämlich schon geraume Zeit, warum eigentlich die Medien gerne Warnhinweise tragen, sobald sie Inhalte gewalttätigen oder sexuellen Inhalts präsentieren (in den USA zumal!), nicht aber ebensolche Warnhinweise, wenn sie völligen Unsinn von sich geben, sich korrumpierbar zeigen oder schlichtweg die Intelligenz ihrer Leser und Zuschauer beleidigen.

It seems a bit strange to me that the media carefully warn about and label any content that involves sex, violence or strong language — but there’s no similar labelling system for, say, sloppy journalism and other questionable content.

Tom Scott

Also hat Tom Scott vorgelegt und selbst solche Warnhinweise verfasst. Praktischerweise hat er sie im Netz als pdf-Dokument zur Verfügung gestellt und für Label-Vordrucke ausdruckbar gestaltet.

Neben der unverkennbar satirischen Absicht Scotts legt der "geek" den Finger in die offen klaffende Wunde des Journalismus, zumal des Online-Journalismus: Zwar tendierten Medien seit ihrer Erfindung zum Plagiat oder, um mit dem französischen Literaturwissenschaftler Gerard Genette zu sprechen, zum "Palimpsest". Aber in Zeiten von copy&paste hat der Mediennutzer kaum noch eine Chance, selbst herauszufinden, wie zuverlässig, exklusiv oder originell eine Information überhaupt noch ist. Mittlerweile treten per "books on demand" schon Buchverlage an, die unüberprüft Druckwerke aus Wikipedia-Inhalten herstellen (Copy and Paste als Geschäftsmodell). Ein expliziter Hinweis der Verfasser wäre hier tatsächlich die einzig verbliebene Chance, Inhalte zu verifizieren.

Der österreichische Webdesigner Robert Harm hat die Labels ins Deutsche übertragen und ebenfalls im Internet zur Verfügung gestellt. Er hat eine Liste von 10 journalistischen Kardinalsünden zusammengetragen, für die er Warnhinweise gestaltet hat:

  1. "Dieser Artikel enthält nicht verifizierte Informationen ohne Quellenangaben aus Wikipedia"
  2. "Dieser Artikel beruht auf einem unbestätigten Gerücht"
  3. "Um künftige Interviews nicht zu gefährden, wurden wichtige Fragen nicht gestellt"
  4. "Dieser Artikel ist eigentlich eine abgeschriebene Pressemitteilung"
  5. "Umfrageergebnisse, Statistiken und/oder Analysen in diesem Artikel wurden von einer PR-Firma gesponsert"
  6. "Um den Redaktionsschluss einzuhalten, wurde dieser Artikel von einer anderen Quelle abgeschriebenen"
  7. "Der Verfasser versteckt die eigene Meinung hinter ‘manche Leute behaupten’"
  8. "Medizinische Aussagen in diesem Artikel wurden NICHT von peer-reviewten Studien bestätigt"
  9. "Kann Spuren von beleidigenden oder diskriminierenden Gedanken enthalten"
  10. "Dem Journalisten mangelt es an Fachkenntnis zu diesem Thema"

Übrigens, auch dieser Artikel hier ist mit Vorsicht zu genießen: "Um den Redaktionsschluss einzuhalten, wurde er von einer anderen Quelle abgeschrieben." Außerdem enthält er "nicht weiter überprüfte Links auf Wikipedia".

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