Franco exhumiert, die Pilgerstätte bleibt

Das monströse Monument im Valle de Los Caidos. ValleDeLosCaidos_Cross_north_side2.jpg:Bild: Håkan Svensson/CC BY-2.5

Die Gebeine des spanischen Diktators wurden unter Widerstand der Familie und Ewiggestrigen umgebettet, die am Friedhof dann faschistische Lieder sangen

Nach 44 Jahren wurden für viele Menschen in Spanien am Donnerstag endlich die sterblichen Überreste des ehemaligen Diktators Franco aus dem Mausoleum im sogenannten "Tal der Gefallenen" exhumiert. Sie wurden nun auf den Friedhof El Pardo-Mingorrubio an den Rand der Hauptstadt Madrid gebracht. Dort besitzt die Franco-Familie eine Kapelle.

Mit Ewiggestrigen und dem Prior Santiago Cantera, der für die Verwaltung der franquistischen Gedenkstätte in der Benediktinerabtei zuständig war, hatte sich die Familie massiv gegen die Exhumierung und die Umbettung gewehrt, sie aber nicht verhindern können. Der Prior ist selbst ein Franquist und er kandidierte einst auf den Listen der Falange.Nachdem die Exhumierung aber kaum noch abzuwenden war, versuchte die Familie noch, die Gebeine in die Almudena Kathedrale ins Zentrum Madrids umzubetten, wo sie 1987 eine Grabstätte erstanden hatte.

All diese Vorhaben wies der Oberste Gerichtshof aber plötzlich ziemlich eilig zurück, und so konnte nun die Exhumierung unter starken Sicherheitsvorkehrungen nun vorgenommen und die Grabplatte am frühen Donnerstag im Mausoleum geöffnet werden. Das hatte sich Franco noch zu Lebzeiten von etwa 20.000 Zwangsarbeitern errichten lassen. Von fast 34.000 Opfern, die hier verscharrt wurden, sind bis heute mehr als 10.000 nicht identifiziert.

Es handelt sich bei ihnen meist um Franco-Gegner. Dazu kommen Arbeiter, die die Sklavenarbeit zur Umwandlung des Tals "Cuelgamuros" in eine Pilgerstätte für Franquisten nicht überlebt haben, über der ein riesiges Kreuz thront. Noch bis ins Jahr 1987, unter einer sozialdemokratischen Regierung, wurden Umbettungen ins "Tal der Gefallenen" vorgenommen. 18 Jahre nach dem Tod des Diktators war José Galán Mora aus Sevilla einer der letzten, die neben dem Diktator verscharrt wurden.

"Viva Franco"-Rufe und Zeigen des Hitler-Grußes

Um 13 Uhr 40 stieg dann der Militärhubschrauber aus dem Tal auf, um den Sarg über gut 30 Kilometer Luftlinie an den Rand von Madrid zu transportieren. Er kam 15 Minuten später in El Pardo an, wo sich etwa 300 Franco-Anhänger, Falangisten und andere Rechtsextreme zum Protest versammelt hatten. Sie ließen den Diktator, wie die Familie im Friedhof, mit "Viva Franco" hochleben und stimmten faschistische Lieder an. Den spanischen Regierungschef Pedro Sánchez nannten sie einen "Hurensohn" und zeigten auch immer wieder den Hitlergruß.

Angegriffen wurde auch eine Journalistin, als der ehemalige Putschistenführer Tejero versuchte, sich Zugang zum Friedhof zu verschaffen. Ausgerechnet der Sohn dieses Guardia-Civil-Beamten, der 1981 das Parlament bewaffnet stürmte, leitete die Messe innerhalb der Friedhofsmauern. Dass all dies zugelassen wurde, kritisierten diverse Parteien. "Was ein Akt der Reparation für die Opfer sein sollte, wurde zu einem Akt der Verherrlichung des Franquismus", erklärte der Sprecher der Baskisch-Nationalistischen Partei Aitor Esteban.

Kritik an der sozialdemokratischen Regierung unter Pedro Sánchez kam auch von der Linkspartei Podemos. Für deren Chef Pablo Iglesias kommt die Exhumierung "spät". Tatsächlich wollte sie Sánchez schon vor einem Jahr abgeschlossen haben. Auch er stellte einen Zusammenhang zu den vorgezogenen Neuwahlen am 10. November her, für die ein dialogunfähiger Sánchez etwas vorweisen muss.

Iglesias dessen Vater und Großvater in Franco-Gefängnissen saßen, einer seiner Onkel wurde hingerichtet, warf Sánchez Untätigkeit vor. "Spanien ist das Land nach Kambodscha mit den meisten Verschwundenen", die nicht identifiziert in Massengräbern liegen. Noch immer seien Mörder und Folterer mit Orden ausgezeichnet, die nicht bestraft werden, und auch die Sánchez-Regierung weigert sich, sie an Argentinien auszuliefern, wo ein Verfahren gegen sie angestrengt wurde.

Aufarbeitung hat noch kaum stattgefunden, im Tal der Gefallenen liegen weiterhin tausende Franquisten

Trotz allem hat der Vorgang für viele Franco-Opfer, wie der Historiker Nicolás Sánchez-Albornoz, eine besondere Bedeutung. Doch die Exhumierung markiert für ihn erst den "Beginn" der Reparation an den Opfern. Für ihn ist das Mausoleum "eine Schande", auch er weist auf die vielen Massengräber hin, in denen noch etwa 100.000 Opfer verscharrt liegen. Und wie viele andere widerspricht auch er damit der großen Zeitung El País, die als Aufmacher am Donnerstag titelte, dass nun "das Ende des letzten großen Symbols der Diktatur" gekommen sei. So fragt der Parlamentarier Jon Inarritu per Twitter, was denn mit der Monarchie sei, die Franco restauriert und den König als Nachfolger als Staats- und Militärchef eingesetzt hat.

Denn ein Problem ist, dass die Aufarbeitung der Verbrechen bis heute nur sehr zaghaft begonnen hat und "noch heute Franco gewählt wird", wie der katalanische Politiker Gabriel Rufian mit Blick auf die rechten und ultrarechten Parteien erklärt. Die Gefahr besteht nun sogar, dass die Ewiggestrigen zwei Pilgerstätten bekommen. Denn von der versprochenen Umgestaltung des Tals in eine Gedenkstätte für die Verbrechen des Franquismus ist längst keine Rede mehr bei den Sozialdemokraten.

Im Mausoleum ist zudem weiter der Diktator-Vorgänger Primo de Rivera begraben, der von den Franquisten ebenfalls verehrt wird. Und von einem Verbot der Franco-Stiftung, wie es auch das Europaparlament fordert, und der Bestrafung der Verherrlichung der Diktatur, ist längst auch keine Rede mehr bei den spanischen Sozialdemokraten. Denn in Spanien ist all das kein Delikt.

In einer Rede meinte Sánchez am Nachmittag: "Heute wird das Mandat des Parlaments und des Obersten Gerichtshofs sowie die Verpflichtung der Regierung umgesetzt." Er glaubt, dass das "Tal der Gefallenen", wenn es in einigen Tagen wieder geöffnet wird, plötzlich ein ganz anderer Ort sein soll und dort nur noch "Opfer" zu finden wären. Er verschweigt damit den zweiten Diktator und tausende Putschisten, die dort auch ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Das Tal werde dann "etwas anderes bedeuten: die Erinnerung an den Schmerz und die Ehrung aller Opfer". Er tut so, als sei dies ganz das ohne jegliche Veränderung und Umgestaltung möglich. (Ralf Streck)