Frankreich: "30 bis 40 neue EPR-Reaktoren bis 2050!"

EPR in Olkiluoto, Finnland. Fotomontage. Bild: Teollisuuden Voima Oy / CC BY-SA 3.0

Der Ausstieg aus dem Atomausstieg beflügelt den Chef der EDF. Umweltminister Hulot steht indessen in der Kritik

Kaum erhielt die französische Atomindustrie jüngst - de facto - ihre Bestandsgarantie aus der Politik, scheint man in ihren Reihen dem Größenwahn zu verfallen. "30, 35 oder 40 neue Atomreaktoren vom Modell EPR" will der Chef des französischen Energieversorgungsunternehmen EDF, Jean-Bernard Lévy, bis zum Jahr 2050 errichten lassen. Also mindestens einen neuen Atomreaktor pro Jahr.

Diese vollmundige Forderung des Chefs der EDF (Électricité de France), der Betreiberfirma der kommerziell genutzten Atomanlagen in Frankreich - als Reaktorbauer firmiert das Unternehmen AREVA, das erst kürzlich durch die Lieferung defekter Nuklearbrennstäbe in die Schweiz in ein paar Schlagzeilen geriet - , wurde nur zehn Tage nach der Veröffentlichung eines Forscherberichts laut.

Letzterem zufolge wäre es möglich, in Frankreich bis im Jahr 2050 sowohl auf Nuklearenergie als auch auf klimaschädliche fossile Kraftwerke zu verzichten und das Land ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen (kombiniert mit Energieeinsparungen) zu versorgen.

Der amtierende französische Umweltminister Nicolas Hulot hatte vor seiner Ernennung durch Emmanuel Macron im Mai 2017 als "Umweltaktivist" gegolten. In Wirklichkeit war Hulot in der Vergangenheit erst als Dokumentarfilmer und danach vor allem als Unternehmer und Geschäftsmann - mit dem Verkauf als umweltverträglich angepriesener Produkte - in Erscheinung getreten.

Zur Nuklearenergie stand er lange Zeit nicht besonders kritisch, obwohl er laut eigenen Angaben infolge des Fukushima-Unfalls im März 2011 seine Position zugunsten eines (schrittweisen) Atomausstiegs wandelte.

Anfang November verkündete derselbe Nicolas Hulot nun jedoch einen Ausstieg aus dem ohnehin zögerlichen Atom-Ausstieg, den die Vorgängerregierung unter François Hollande ab 2012 beschlossen hatte. Der Sozialdemokrat Hollande, dessen Regierung die (später darüber gespaltenen) französischen Grünen mindestens im Zeitraum 2012 bis 2014 angehörten, verkündete bei seinem Regierungsantritt eine Begrenzung des Atomenergie-Anteils an der Stromerzeugung im Land von derzeit 75 Prozent auf künftig 50 Prozent ab dem Jahr 2025.

Das wäre im internationalen Vergleich noch immer ein sehr hoher Wert. Doch auch dieses relativ bescheidene Ziel knickte Hulot am 07. November und dachte dabei laut über eine Verschiebung auf "2030 oder 2035" nach. Dabei führte er die Priorität des Klimaschutzes, also des Abbaus der Verbrennung fossiler Energieträger, als Argument an und spielte dadurch zwei notwendige und legitime Ziele gegeneinander aus. Dies erregte den Zorn von Umweltverbänden, jedenfalls der nuklearenergiekritischen unter ihnen.

Hulots Vorgesetzter, Premierminister Edouard Philippe, schaltete sich kurz darauf ebenfalls ein, um auch noch die von Hulot in Erwägung gezogenen Jahreszahlen 2030 oder 2035 in Frage zu stellen: Er sei "kein Datenfetischist", kommentierte Philippe am 22. November. Bei den Atom-Ausstiegsdaten will sich der Premierminister nicht festlegen lassen.

Dem Umweltminister scheint bei der Sache nicht ganz wohl gewesen zu sein. Jedenfalls beschwerte sich Hulot kurzzeitig in relativ bitteren Worten darüber, wie er in die PR-Offensive der Regierung - also ihre faktische Bestandsgarantieerklärung für die Nuklearindustrie - eingebunden worden war. "Die Kommunikation" sei wohl "nicht sehr angemessen gewesen", meinte er mehr oder minder selbstkritisch, und fügte bezüglich seiner eigenen Position in der Regierung hinzu: "So kann es nicht weitergehen!"

Allerdings scheint seine Wut, wenn nicht verraucht, so doch ohne längerfristige Konsequenzen geblieben zu sein. Jedenfalls wurde Nicolas Hulot bei der jüngsten Mini-Kabinettsumbildung, welche Präsident Emmanuel Macron am vergangenen Freitagabend nach mehrfacher Verschiebung verkündete, im Amt bestätigt. Wie auch die meisten anderen bisherigen Minister.

Die jüngst ausgesprochene, faktische Bestandsgarantie über das Jahr 2025 hinaus bedeutet für die französische Atombranche, dass die geplante Laufzeitverlängerung für alternde Atomkraftwerke definitiv politisch durchsetzbar werden könnte. Allerdings hat da die Atomaufsichtsbehörde ASN, welche über die Reaktorsicherheit zu wachen hat, noch ein Wörtchen mitzureden. Diese ist zwar nicht eben als nuklearenergiekritisch bekannt, hält sich aber mit ihrer Unterstützung für das Vorhaben der Laufzeitverlängerung derzeit erkennbar zurück.

Eine angekündigte und seit längerem erwartete Stellungnahme der ASN wurde am 24. Oktober dieses Jahres erst einmal verschoben. Was nicht sonderlich gut für das Image der französischen Atombranche ist.

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