Frankreich: Der Angriff muss sein

Pressekonferenz zum Besuch des saudischen Kronprinzen in Paris. Screenshot/Video Twitter E. Macron

Eine kritische Haltung gegenüber einem kriegerischen Akt als Reaktion auf einen Chemiewaffenangriff in Syrien, dessen Umstände noch sehr wenig erhellt sind, kommt bei den tonangebenden Medien nicht vor

Le Monde meint, der Angriff muss sein. Die Antwort des Westens sei "unvermeidlich", gibt schon gleich die Überschrift des Leitartikels der alterwürdigen Zeitung Bescheid. Und so geht’s auch weiter. Direkt unter der Titelansage erfährt der Leser, dass "eine starke Reaktion der internationalen Gemeinschaft" nötig ist.

Washington und Paris schätzen das so ein. Der französischen und amerikanischen Regierung zufolge sei es notwendig, dass auf den Chemiewaffenangriff mit Entschlossenheit und Härte gegen die Verursacher dieses Kriegsverbrechens vorgegangen werde, so die Aussage der Dachzeile. Der folgende Text des Kommentars lässt auch nicht den Hauch eines Zweifels daran aufkommen, dass die Redaktion von Le Monde von der Richtigkeit einer militärischen Aktion vollkommen überzeugt ist.

"Die Frage lautet nicht mehr: Muss man einen Gegenschlag starten? Sondern: Wie soll der Gegenschlag aussehen". Auf dem Weg zu dieser Position wird ohne jede Relativierung statuiert, dass es am Samstag, den 7.April, in Ost-Ghouta zu einem Angriff mit einer verbotenen neurotoxischen Substanz kam und dies außer Russland niemand sonst bezweifle. In der Aussage enthalten ist, dass es auch niemand, der im Besitz all seiner Sinne ist, tatsächlich bezweifeln kann.

Mit einem Fakt gleichgesetzt wird im Leitartikel dagegen die Aussage des US-Präsidenten Trump - bei dem man sonst nicht müde wird auf seine Fakes und Lügen hinzuweisen - wonach es feststehe, dass der verbrecherische Akt von Syrien, Russland, Iran "oder allen drei zusammen" begangen wurde.

In der Folge steuert der Meinungsartikel dann zügig die erwähnte Frage nach der Art des Gegenschlages an. Wie sich der Chemiewaffenangriff konkret abgespielt hat, wird als evident betrachtet, ist aber kein Thema, das zur Diskussion steht. Wichtiger ist dem Leitartikel die nötige Reaktion der internationalen Gemeinschaft.

Die Antwort, wie sie die USA vor Jahresfrist mit den Tomahawks gegeben habe, könne so nicht wiederholt werden, gibt das Editorial zu verstehen. Mit dieser Feststellung scheint sich die Redaktion den Stimmen in den USA anzuschließen, die fordern, dass Trump dieses Mal stärker gegen Syrien zuschlagen müsse. Im Weiteren heißt es dann:

Die Vereinigten Staaten müssen weiter denken, ohne voreilig zu sein, mit der größten Zahl an Alliierten, die möglich ist, ohne die Effekte zu vernachlässigen, die Operationen haben, die in einer derart explosiven Umgebung in der Präsenz von Akteuren wie Russland, Iran, aber auch Israel und der Türkei durchgeführt werden. Selten war der Nahe Osten so gefährlich.

Leitartikel, Le Monde

Auffällig ist, dass es zu dieser Position, die im Grunde mit Macrons, den Le Monde im Wahlkampf auch sehr unterstützt hat, identisch ist, nicht nur in Le Monde, sondern insgesamt in den großen französischen Medien keine sich deutlich davon unterscheidende andere Auffassung zu lesen gibt. Weder im L'Obs noch in der Libération, noch im L'Express, noch in der Zeitung Le Parisien oder im Magazin Le Point findet sich ein Gegenstandpunkt, der sich aus dem allgemeinen Chor heraushebt.

Der Figaro unterscheidet sich mit seiner Syrien-Berichterstattung. In der konservativen Zeitung wird für Autoren, die vom Konsens-Tunnelblick auf Syrien abweichenden Ansichten äußern, wie zum Beispiel Fabrice Balanche, Platz eingeräumt. Auch Georges Malbrunot, der in Frankreich einen großen Bekanntheitsgrad hat und als "Grand Reporter" für den Figaro arbeitet, hat aufgrund seiner Erfahrungen und Kenntnisse eine Meinung, die keine Schablonen und keine virilistischen Attitüden ("für eine starke Antwort") nötig hat.

Als kritischer Gegenpol außerhalb von "Nischenpublikationen" fällt etwas überraschend auch die Illustrierte Paris Match auf, genauer die Beiträge von Régis Le Sommier, der sich etwa mit Reisen nach Aleppo eine eigene Meinung bildet.

Vielleicht sind dem Autor dieses Beitrags Meinungsartikel entgangen, die in großen Medien standen und vor einem Angriff in Syrien warnten - in diesem Fall würde er sich über Korrekturen von Lesern freuen - , aber so verfestigt sich das Bild, dass in Frankreich die großen Medien eine militärische Intervention in Syrien unterstützen.

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