Frankreich: Eine Million friert, weil Heizen zu teuer ist

Wohnungen mit mäßigen Mieten (HLM) in Martigues. Archivbild: Airair/CC BY-SA 3.0

Auch das Nachbarland hat ein großes Problem mit dem Mangel an Wohnungen für Menschen, die angesichts der teuren Mieten zu wenig Geld haben

Auch Frankreich hat ein großes Problem mit Wohnungen für Menschen, die wenig Geld haben. Ungefähr 900.000 Personen sind auf Behelfslösungen angewiesen. Sie haben entweder gar kein Dach über dem Kopf, sind in einer Pension untergebracht, finden Unterschlupf auf Campingplätzen oder in anderen "Zeltstädten", im besten Fall bei Bekannten, Freunden oder Familienmitgliedern.

Fast 4 Millionen, 3.953.000, leben in Unterkünften, die mit "schwierigen Bedingungen" gekennzeichnet sind, weil sie beispielsweise kein Bad oder die Toilette auf dem Gang haben oder auch ungenügend bzw. gar nicht beheizt sind. Nicht selten sind diese mangelhaften Unterbringungen trotzdem überfüllt.

Die Lage von 12,1 Millionen Bewohnern im Nachbarland, das 67 Millionen Einwohner zählt, wird als "fragil" bezeichnet. Gemeint ist damit, dass es zweifelhaft ist, ob sie die Mieten und die hohen Energiekosten auf Dauer bestreiten können, wenn sie damit nicht sogar schon im Rückstand sind und ihnen der Rauswurf droht.

"Exzessiver finanzieller Aufwand"

So werden 2,7 Millionen als Personen eingestuft, die in einer Situation leben, die einen für ihre Einkommensverhältnisse "exzessiven finanziellen Aufwand" benötigen. Von etwa einer Million Personen, deren finanzielle Situation als "bescheiden" beschrieben wird, heißt es, dass sie "gefroren" haben, weil sie sich die Heizkosten nicht leisten können.

Die Zahlen zum "mal-logement", das man mit miserabler Unterbringung übersetzen kann, stammen aus dem Bericht der Stiftung Abbé-Pierre (siehe die Übersicht). Die Stiftung kümmert sich um die Wohnungssituation der "défavorisés", der Benachteiligten, und bringt dazu jährlich einen Bericht an die Öffentlichkeit.

Dessen Kurzfassung hat 56 Seiten. Der ausführliche Bericht, der 25te seit Beginn dieser Öffentlichkeitsarbeit, informiert auf 369 Seiten über die aktuelle Lage des "mal-logement" in Frankreich.

Man müsste sich mit Akribie in diese Seiten einarbeiten, um die Entwicklung der letzten Jahre genauer herauszuarbeiten, denn: Schon vor drei Jahren hatten die Zahlen eine ganz ähnliche besorgniserregende Dimension.

Auch damals war die Rede von 4 Millionen, die am schlimmsten von Wohnungsnot betroffen sind, und von 12,1 Millionen, die erhebliche Probleme haben, "weil sie auf zu engem Platz in schlechten Behausungen untergebracht sind, von Räumung bedroht werden, oder weil sie selbst von billigen Mieten finanziell überfordert sind und sich auch keine Heizung leisten können" (Frankreich: Die Wohnungsnot wächst).

Und doch wird auch der Bericht von 2020 von einem Tenor begleitet, der in die Richtung geht, dass vieles noch schlimmer geworden ist. Für die tatsächlich schlimmen Zustände gibt es auch erschreckende Zahlen.

Paris: 158 Babys auf der Straße zur Welt gekommen

So berichtet Le Monde von "traurigen Fakten", wonach es im November vergangenen Jahres an den Abenden keine Unterbringungsmöglichkeit für 500 bis 700 Kinder im Ballungsraum Île-de-France gegeben habe. In Paris seien im vergangenen Jahr 158 Babys auf der Straße zur Welt gekommen, im Jahr zuvor seien es 100 gewesen und 2017 im Vergleich dazu nur 49. Die Nothilfe von Samu Social in Paris würde täglich 20.000 Kinder in Unterkünften unterbringen.

Es gibt noch einige mehr solcher Schlaglichter, die auf ein offensichtlich ungelöstes Problem hinweisen - denn das wäre ja ein naheliegender Schluss, der aus den gleichbleibenden Größenordnungen der oben genannten Krisenzahlen zu ziehen ist. Eins dieser Schlaglichter sind die Immobilien-Preise.

Die Immobilienpreise und die Globalisierungsgewinner

Wie auch in Deutschland gilt in Frankreich die Regel: Teure Lagen sind noch teurer geworden. In Paris hätten sich die Immobilienpreise seit 2000 "fast um das Vierfache gesteigert", um das Dreifache im Umland, das "kleiner Kranz oder Krone" (petite couronne) genannt wird (Karte), und sie seien jetzt gut doppelt so hoch in den großen Ballungsgebieten mit mehr als 10.000 Einwohnern. Dies jedenfalls sind die Zahlen, die die Zeitung Libération akzentuiert, um damit auf Gräben aufmerksam zu machen, die sich in den letzten Jahren verfestigt haben.

Bemerkenswert für deutsche Leser ist die damit verbundene Berichtigung einer zweipoligen Gegenüberstellung, die mit den Gelbwesten-Protesten "populär" wurde: Das Frankreich der Peripherie, das dem urbanen Frankreich gegenübersteht, wo angeblich die Gewinner der Globalisierung leben.

In Wirklichkeit aber, so der Bericht der Stiftung Abbé-Pierre, leben 77 Prozent der armen Haushalte in den großen urbanen Ballungszentren, wo sie größte Mühe haben, eine Unterkunft zu finden, die ihren Möglichkeiten entspricht.

Man nennt außer Paris noch Bordeaux, Lyon, Lille, Nice, Nantes, Montpellier und Strasbourg, wo sich Hundertausende von Mindestlohnempfängern um bezahlbare Wohnungen bemühen, möglichst die sogenannten HLM-Wohnungen. Die drei Buchstaben stehen für "habitation à loyer modéré", auf Deutsch: Wohnungen mit mäßigen Mieten.

Das "système D"

Allein im genannten Ballungszentrum Ile-de-France stehen 720.000 Personen auf den Wartelisten, so der Libération-Artikel. Die Nachfrage steige, so die Tendenz. Die Konsequenz dieser Krise, die zu einer Krise der Gesellschaft geworden sei, ist, wie die Zeitung argumentiert, eine Steigerung der Zahlen der Obdachlosen auf 143.000 und der Personen, die sich mit einem "système D" weiterhelfen: "Pensionen, im Zelt schlafen oder im Auto, bis man bessere Unterkünfte findet".

Doch muss man der großen Linie, die hier gezogen wird, eine kleine Korrektur anfügen. Die Steigerung der Zahlen der Obdachlosen - les sans-abri, die auf den Straßen oder in Parks oder Krankenhäusern schlafen - ist nicht verlässlich begründet, weil es dazu seit mehreren Jahren keine genauen Angaben gibt, sondern nur Schätzungen. Dass sich heute Abend wieder Freiwillige in Paris auf den Weg machen, um Menschen zu zählen, die draußen nächtigen, im Rahmen der "Nuit de la solidarité" (Nacht der Solidarität), zeigt, wie schlecht die Informationslage ist.

Hinter dem Begriff sans-abri stecken nicht nur die bekannten existentiellen Nöte von Menschen, die draußen nächtigen, weil sie kein Obdach haben, sondern auch, wie bei der Kategorie sans-domicile personnel (wörtlich "ohne persönliche Unterkunft"), das Verwaltungsproblem, dass Personen ohne Adresse auch keine direkte staatliche Unterstützung bekommen. Das Problem der Wohnungslosen ist ein "Dauerbrenner" in der französischen Berichterstattung, weil darin auch die Probleme mit der Unterbringung von Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere und die Bidonvilles (Zeltstädte, "Slums") mithineinspielen.

Soziale Gerechtigkeit

Ob der Bericht der Stiftung Abbé-Pierre das Zeug zu einem Politikum hat, kann man bezweifeln. Dagegen spricht einmal, dass er keine spektakulären neuen Zahlen bietet, mit der sich eine Partei bedeutend profilieren könnte. Dass die Zahl der Nächte in Pensionen, die der Staat bezahlt, im Vergleich zu 2018 um sieben Prozent angestiegen ist (auf 43.733) und dass mit 2,1 Millionen, die auf eine Sozialwohnung warten, ebenfalls eine Steigerung verzeichnet wird und 16.000 Haushalte ihre Wohnung verlassen mussten, nährt keine zugkräftige Rede.

Der Kulturkampf, bei dem es um die Auseinandersetzung über den richtigen Umgang mit dem Islam geht, ist momentan, angestoßen durch die Affaire Mila, ein heißeres Thema, das etwa Marine Le Pen politisch verwertet. Und die Bürgermeisterin von Paris, die im Wahlkampf ist, betont die wenigen Verbesserungen, die es partiell in Paris beim Sozialwohnungsbau gibt.

Das sehr viel größere Thema der sozialen Gerechtigkeit bleibt bis auf weiteres die Rentenreform. Die Auseinandersetzung darüber wird auch bei den anstehenden Bürgermeister- und Kommunalwahlen eine Rolle spielen. (Thomas Pany)