Frankreich: "Machtwort" des Premierministers gegen geschlechtergerechte Sprache

Edouard Philippe weist seine Mitarbeiter an, in offiziellen Schreiben die "inklusive Schreibweise" nicht zu verwenden

Lange Zeit konnten sich die Liebhaber der traditionellen französischen Schriftsprache beruhigt mit Proust oder auch zeitgenössischen literarischen Größen mit dem Gedanken schlafen legen, dass bestimmte Sprachregeln so bleiben, wie sie festgeschrieben sind. Die Vorstöße für "geschlechtergerechte Sprache" würden in Frankreich an den Wächtern der Académie française zerschellen.

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Immerhin hatten es die beinharten Hüter geschafft, dass in Frankreich nicht "Computer" oder "digital" im Gespräch wie im journalistischen Gebrauch die gängigen Begriffe sind, sondern die französischen Formen "ordinateur" und "numérique". Sie konnten also gegen einen global verbreiteten Sprachgebrauch durchsetzen, dass die lebendige französische Sprache auf ihren Eigenheiten bestehen kann.

Nun kämpfen zwei Rigorismen, zwei Sprachpolizisten, miteinander, das macht den Konflikt in Frankreich besonders interessant: der Rigorismus der Académie française gegen den Rigorismus derjenigen, die Geschlechtergerechtigkeit in der französischen Sprache einfordern. Das Prinzip "Das Maskulin setzt sich gegen das Feminin durch" soll mit Alternativen außer Kraft gesetzt werden.

Das sieht sehr ungewohnt aus. Man könnte den Mittelpunkt, der aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit vorgeschlagen wird, mit dem Binnen-I im oder mit den Sternchen im Deutschen vergleichen. Ein Beispiel, das die Veränderung auch für diejenigen sichtbar macht, die kein Französisch können: "Le député" ist der Abgeordnete, die Abgeordnete heißt "la députée". Im Pural würde man, außer es ist klar, dass es sich nur um weibliche Abgeordnete handelt, korrekt: "les députés" schreiben. Das ist die männliche Form.

Die vorgeschlagene Alternativ-Form der vorgeschlagenen geschlechtergerechten Schrift, in Frankreich "L’écriture inclusive" ("inklusive Schreibweise") genannt, würde mit Mittelpunkten so aussehen: "député·e·s".

Oder: "les Français·e·s". Etwas deutlicher sind die Veränderungen, wenn die Feminin-Endung nicht nur ein "e" ist. Zum Beispiel beim Wähler, der männlich "électeur" heißt und in der weiblichen Form électrice. Der herkömmliche Plural lautet "les électeurs", der vorgeschlagene geschlechtergerechte "électeur·rice·s".

Auch das sehr häufig gebrauchte Wort "ce" (dieser) würde sich optisch sehr verändern, zu: "ce·tte". "Celui" (derjenige) würde zu "celui·elle" anwachsen.

Das sind nur ein paar Schlaglichter, die anschaulich machen sollen, wie sehr sich das Schriftbild verändern wird. Der Figaro zitierte kürzlich einen ganzen Satzanfang voller Pünktchen. Das konservative Lesepublikum wird vor Schmerzen aufgestöhnt haben ("grâce aux agriculteur.rice.s, aux artisan.e.s et aux commerçant.e.s"), umso mehr als es sich um einen Auszug aus einem Schulbuch handelt - eine Premiere, wie die Zeitung schreibt.

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Heute wurde aus Paris mitgeteilt, dass der Premierminister Edouard Philippe die Mitglieder seiner Regierung angewiesen habe, die "inklusive Schreibweise" in öffentlichen Texten nicht zu verwenden, insbesondere nicht in Texten, die im Amtsblatt erscheinen. Der Plural soll männlich bleiben, heißt es im Bericht von Le Monde. Philippe betont, dass die Schriften, gerade wenn sie Juristischem handeln, klar sein müssen und den Regeln der Grammatik folgen.

Liebhaber von Nuancen können nun darüber nachsinnen, dass die verwendete Form in der Anweisung im Schreiben des Premierministers auf eine ausgesuchte französische Höflichkeit früherer Jahrhunderte zurückgeht. Er schreibt nicht, "Ich weise hiermit an, dass …", sondern "je vous invite de …", wörtlich übersetzt "Ich lade sie dazu ein (…) die inklusive Schreibweise nicht zu benutzen". Diese etwas altertümliche Höflichkeitsform steht nun im Kontrast zu Empfindungen, die an anderer Stelle einen besseren sprachlichen Umgang erwarten.

Dass der Premierminister eine solche Anweisung erteilt, zeigt, dass die Verfechter der "geschlechtergerechte Sprache" an politischer Wucht gewonnen haben. Obwohl die anfangs erwähnte Académie française (4 Frauen unter 34 Mitgliedern) in ihren Bestrebungen nichts weniger als den "Tod der französischen Sprache" befürchtet, wie sie in einer Stellungnahme Ende Oktober erklärte.

Nichts desto weniger erklärten ihr über 300 Lehrer aus allen möglichen Schulbereichen den Kampf um eine gerechtere Sprache. Die Traditionen, die dem Männlichen etwa bei der Pluralbildung, aber auch bei der Berufsbezeichnung und bei der Endungsangleichung des Adjektivs den Vorzug geben, seien veraltet und würden sich auf überholte historische Annahmen einer männlichen Überlegenheit stützen. (Thomas Pany)

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