Frankreich: Macron, Lichtgestalt und Retter ohne Programm

Emmanuel Macron in seiner Zeit als Wirtschaftsminister. Foto: Französische Regierung / CC BY-SA 3.0 FR

Der Lieblingskandidat der Leitmedien wirbt mit der Idee einer "glücklichen Globalisierung" und kapitalfreundlicher Politik, seine sozialen Umbaupläne bleiben undeutlich

Emmanuel Macron wird in den meisten deutschen Medien als Hoffnung gegen die "Schreckgespenster" von rechts, Marine Le Pen, und links, Jean-Luc Mélenchon, beworben. Auch Finanzminister Schäuble exponierte sich als Fan des "Hoffnungsträgers". Am Ostermontag bekam dann das Glanzbild einen Kratzer.

Der Lieblingskandidat der deutschen Mitte wagte es, den deutschen Export zu kritisieren. Deutschland müsse zur Einsicht kommen, "dass seine wirtschaftliche Stärke in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar ist", lautete der Satz Macrons, der sich gestern in den deutschen Schlagzeilen wiederfand. Die Kommentatoren reagierten schnell. Macron bleibt trotzdem der Kandidat der "politischen Vernunft" des Mitte-Lagers:

Die Bundesregierung dürfte dennoch auf einen Sieg Macrons hoffen. Er bleibt der einzige der vier chancenreichen Kandidaten, der ohne Wenn und Aber zu Europa steht und auf beste Zusammenarbeit mit Deutschland setzt.

Stefan Ulrich, SZ

In französischen Medien wird Macron eine derartige Retter-, Heils-und Lichtgestalt zugeschrieben, dass man sich, gerade zu Ostern, schon fragen konnte, ob man es mit einem überirdischen Phänomen zu tun hat. Es ist nur mehr eine knappe Woche hin bis zum ersten Wahlgang am kommenden Sonntag. Die Stichwahl findet dann zwei Wochen später, am 07. Mai, statt.

Die Aussichten, dass Macron die zweite Runde erreicht, sind sehr groß. In den Umfragen liegt er mit Marine Le Pen Kopf an Kopf. Da, wie bekannt, allenthalben davon ausgegangen wird, dass Le Pen in der Stichwahl keine Mehrheit bekommt, sind Macrons Chancen, der nächste französische Präsident zu werden, bedeutend. Wer ist der Politiker, den der bekannteste Schriftsteller des Landes, Michel Houllebecq, vor ein paar Wochen als "Mutant" bezeichnete?

Macron selbst hält viel von einem Wahlkampf, der auf eine Person zugeschnitten ist, der außerordentliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. Dabei scheut er nicht davor zurück, sich in charismatische, religiöse Felder zu begeben. So sprach er im Februar dieses Jahres in einem Interview mit der Sonntagszeitung JDD von einer "dimension christique" in der Politik und im Wahlkampf, also sinngemäß von einer "christusähnlichen" oder "christusgleichen Dimension". Hätte er lediglich eine "christliche" Politik oder Orientierung gemeint, dann hätte das korrekte Adjektiv dazu eher "chrétienne" gelautet.

Wörtlich sagte Macron damals unter anderem:

Die Politik ist Mystik. (...) Darin besteht mein ganzer Kampf. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass das Programm im Kernstück einer Wahlkampagne steht.

Emmanuel Macron

Damit meinte er, vielmehr habe die Verkörperung einer Idee durch eine Person im Mittelpunkt zu stehen. Womit wir wieder beim Christus wären. Denn Macron erklärte ferner: "Ich habe mich stets zu dieser Dimension der Vertikalität" - was ungefähr so viel bedeutet, dass das Gute von oben kommt; sei es nun vom Himmel, oder auch vom Präsidentenamt aus über das Volk - "und der Transzendenz bekannt, aber gleichzeitig muss sie auch in der Immanenz, in der materiellen Gegenwart verkörpert sein. (...) Diese dimension christique, ich leugne sie nicht; ich fordere sie auch nicht ein. Ich versuche nicht, ein Christusprediger zu sein."

Ja, zu solchen Worthülsen ist der Mann fähig, der relativ gute Chancen zu haben scheint, der nächste französische Präsident zu werden - und den, wie bereits erwähnt auch Teile der deutschen etablierten Presse geradezu als Heilsbringer darstellen, weil er betont EU-freundlich auftritt.

Nein, keine Sorge, der Mann ist nicht verrückt und bestimmt auch kein religiöser Fanatiker. Die oben zitierten, leicht entrückt wirkenden Ausführungen erklären sich zum einen aus einer sehr stark personenzentrierten Berichterstattung über ihn in den französischen Leitmedien.

Die Leitmedien sind es, die seit Monaten die Inhalte herausnehmen und sich weitgehend auf die Persönlichkeit des jungen Aufstrebenden konzentrieren. Zum anderen hat Macron selbst diese Steilvorlage genutzt, eben um möglichst nicht allzu viel über Programme und Inhalte reden zu müssen - was daraufhin dann auch wiederum in den Medien angemerkt wurde.

Einige seiner politischen Gegner oder Konkurrenten monierten dies. Der rechtskonservative Abgeordnete Eric Ciotti behauptete gar, dieses Auftreten mache ihm "Angst", was freilich auch eher eine Wahlkampftaktik denn erst gemeint sein dürfte. Im Internet sprachen kritische Stimmen gar von einem Rückfall in die Politik vor der Neuzeit.

Dabei stammt der Ausdruck von der Christusfigur in der Politik gar nicht von Emmanuel Macron selbst. Vielmehr wurde er bereits im Dezember vergangenen Jahres in einem Kommentar beim TV-Sender LCI (La chaîne info) benutzt, nachdem Emmanuel Macron am Vorabend - es war der 10. Dezember - seine erste Großveranstaltung mit rund 10.000 Menschen in Paris abhielt.

Dabei hatte Macron in den letzten Minuten seiner Rede die Armee vor der Brust gekreuzt, sich in die Pose eines Retters geworfen und - mit äußerst heisern gewordener Stimme - buchstäblich herausgeschrien: "Eure Verantwortung ist, überall in Frankreich hinzugehen, um dieses Programm (hin) zu tragen. Und um zu gewinnen. Was ich will, ist, dass Ihr, überall, es gewinnen läßt. Weil es unser Programm ist!"

Das hörte sich tatsächlich ein bisschen an wie eine Mischung aus "Tragt Euer Kreuz" und "Bringt die frohe Botschaft in alle Lande"... Weihnachten und Ostern an einem Tag?

Emmanuel Macron ist kein entrückt-religiöser Spinner, mit Gewissheit nicht. Er gelangte zu der Auffassung, Politik fühle sich eben so oder so ähnlich an. Das ist auch kein Wunder, wenn man wie eine Heils- und Lichtgestalt quer durch viele etablierte Medien durchgereicht wird. In einem starken halben Jahr - seitdem Macron Ende August 2016 seine Kandidatur zur französischen Präsidentschaftswahl verkündete, will sagen: bekannt gab - widmeten Printmedien ihm sage und schreibe 75 Titelseiten.

Dabei geht es oft sehr weitgehend inhaltsfrei zu. Besonders beliebt sind Titel zu Macron in der nicht nur inhalts-, sondern oftmals auch intellektfreien Regenbogenpresse.

Diese schlachtet gerne Emmanuel Macrons Privatleben aus: Seine Ehe mit der 24 Jahre älteren Brigitte Macron (geboren Trogneux), seiner früheren Französischlehrerin, stellt immer wieder ein beliebtes Thema dar. Nur als Beispiel unter vielen: Einerseits wird Macron dabei immer und wieder als Traumschwiegersohn französischer Eltern dargestellt, andererseits gibt der Altersunterschied immer wieder unterschwellig zu gewissen Spekulationen Anlass. Die trockene Wahrheit ist, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass Macron im Falle seiner Wahl der erste schwule Staatspräsident Frankreichs würde.

Im Prinzip geht das wirklich nur ihn allein etwas an. Sein, reales oder vordergründiges, Eheleben verleiht ihm jedoch einerseits eine extrem starke Medienpräsenz. Andererseits wird Macrons mutmaßliche Homo- oder Bisexualität aber unterschwellig auch zum Gegenstand von rechts her kommender, ressentimentgeladener Kampagnen erhoben.

Er sah sich bereits gezwungen, auf solche Gerüchte zu antworten. Auch konservative Abgeordnete versuchten bereits, deutlich mit Ressentiments zum Thema zu spielen.

Doch "wer" ist Emmanuel Macron sonst? Die linksliberale Pariser Abendzeitung Le Monde - bei welcher Macron nicht weniger Unterstützer/innen zählt - kürte ihn im Spätsommer vorigen Jahres zum "Intellektuellen in der Politik", wenn auch noch mit Fragezeichen versehen.

In anderen Medien war er bereits vor Jahren zum "Philosophen in der Politik" ernannt worden. Tatsächlich hat Macron einmal Philosophie studiert, bevor er eine Bankerkarriere einschlug. An seiner Darstellung als Denker und Philosoph gibt es jedoch wiederum heftige Kritik aus Intellektuellenkreisen.

Gesichert ist, dass die mitunter kursierende Behauptung, Macron sei "der Assistent" des bekannten, 2005 in hohem Alter verstorbenen Philosophen Paul Ricoeur gewesen, auf einer Fehlinterpretation beruht. Der Begriff klingt, als sei Emmanuel Macron dessen Hochschulassistent an der Universität Paris-Nanterre gewesen. Diese Funktion hätte er allerdings zwischen 1964 und 1968 ausüben müssen, also mehrere Jahre vor seiner Geburt.

Ricoeur trat aufgrund der 68er Proteste - die in Nanterre besonders stark waren - von seinem Lehrstuhl zurück, wechselte jedoch 1969 in die (administrative) Funktion eines Dekans, ab 1970 unterrichtete er dann an belgischen und US-amerikanischen Universitäten. In Wahrheit "assistierte" Macron dem Philosophen vielmehr bei der Abfassung eines Buchmanuskripts, wofür Ricoeur ihm im Jahr 2000 einige Dankeszeilen widmete.

Seine berufliche Hauptkarriere absolvierte Macron später bei der Bank Rothschild, bevor er im Jahr 2012 zum - damals der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten - Berater des frisch gewählten Präsidenten François Hollande im Elyséepalast wurde.

Von August 2014 bis zu seinem Rücktritt im August 2016 amtierte er dann als Wirtschaftsminister; zu jener Zeit war er bereits Millionär geworden. In diese Amtszeit fällt die Ausarbeitung des als Loi Macron bekannt gewordenen, am 06. August 2015 in Kraft getretenen Gesetzestextes.

Dieses Kraut-und-Rüben-Gesetzeswerk enthält eine Reihe von Flexibilisierungsmaßen, es erleichtert in einigen Sektoren erheblich die Sonntagsarbeit. Und mit den ebenfalls nach ihm benannten Cars Macron schuf es das französische Pendant zu den Flixbussen, das nun der französischen Bahn Konkurrenz bereitet.

Das Gesetz begünstigt auch Unternehmen wie Uber, die den Nutzern neue Transportmöglichkeiten im Transportbereich verschaffen, aber auch ein "schönes" neues Arbeitsleben mit Scheinselbständigkeit und ohne soziale Absicherung versprechen.

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