Frankreich: Wer sind die "Masken-Gegner"?

Die "Super-Misstrauischen" im Porträt einer soziologischen Untersuchung: Viele Frauen, gutsituierte und gut ausgebildete Mitte mit Hang zu libertären Haltungen, zum Populismus und antisemitischen Verschwörungstheorien, politisch eher rechts

Die Gegner der Corona-Maßnahmen haben in Frankreich das Label "anti-masques" bekommen. Wie viele Franzosen sich darunter einreihen lassen, ist schwer einzuschätzen. Deutlich ist der Unterschied zu Deutschland, wenn man vergleicht, wie viele Gegner der Maßnahmen auf Demonstrationen ihrer Empörung Luft machen. In Paris gingen am 29. August nur ein paar Hundert auf die Straße, in Berlin waren es - nach offiziellen Angaben - mindestens um die 40.000. Dennoch sind die "anti-masques" immer häufiger in den Schlagzeilen, weil sie beunruhigen.

Sie sind die mit dem Super-Misstrauen, charakterisiert sie der Soziologe Antoine Bristielle in einem Interview mit France Info. Im genauen Wortlaut: "Das sind ein bisschen die Super-Misstrauischen (super-défiants) inmitten einer Bevölkerung, die selbst misstrauisch ist."

Man könnte dem noch hinzufügen, dass das französische Verb "défier" auf Deutsch auch mit den Bedeutungen "einer Sache spotten" und "sich einer Sache widersetzen" oder auch "herausfordern" wiedergegeben wird; es geht nicht nur um Misstrauen, sondern auch um eine Konfrontation.

Unterschied zu Deutschland: Keine Reichsbürger

Wenn man nun die französischen "anti-masques" mit den deutschen Corona-Maßnahmen-Gegnern vergleicht, wie sie sich mit ihren Forderungen in Berlin präsentierten, so wird eine deutsche Besonderheit sichtbar: Die Forderung nach einem Friedensvertrag oder einer "verfassungsgebenden Versammlung", wie sie etwa vom Querdenken-711-Gründer Michael Ballweg bei der Berliner Demonstration am 29. August erhoben wurde (Corona-Maßnahmen: Kritik oder Totalablehnung?), hat in Frankreich keine Grundlage - ebenso wenig wie eine Reichsbürgerbewegung.

Das wirft, von französischen Verhältnissen aus gesehen, die Frage auf, welchen Anteil diese politischen Strömungen bei der Mobilisierung zu den deutschen Anti-Corona-Maßnahmenprotesten haben, deren Teilnehmerzahlen im europäischen Vergleich auffallen.

Der Unterschied zur Gelbwesten-Bewegung

Der oben genannte Soziologe Antoine Bristielle hat versucht, den Besonderheiten der französischen Corona-Maßnahmenprotesten nachzuspüren. Eine kurze Anmerkung vorweg: Seine Untersuchung wird auf der Webseite der Stiftung Jean-Jaurès veröffentlicht. Die Stiftung steht der sozialdemokratischen Partei Parti socialiste nahe. Allerdings erschien im Mai ein Beitrag von Antoine Bristielle zur Meinungslandschaft in Frankreich zuzeiten der Corona-Epidemie in der Zeitschrift Marianne, die sich nicht so leicht in hergebrachte Links-rechts-Lager einordnen lässt.

Das gilt auch für einen großen Teil der anti-masques, wie es Bristielle ermittelt hat:

"61 Prozent der Befragten erklärten, dass sie sich in der Gegenüberstellung von links und rechts nicht wiedererkennen. Das ist ein weit höherer Anteil als der, den man im Rest der Bevölkerung findet und der vor allem die Ablehnung der Parteien markiert, die sich auf der Links-rechts-Achse positionieren."

Neu und überraschend ist das nicht. Ähnliches hat man schon von der Gelbwestenbewegung gesagt. So ist interessant, was Bristielle zu Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen den Gilets jaunes und den Anti-Masques ermittelt hat. Im Groben: Dass es keine Deckungsgleichheit gibt. Auf Zahlen gebracht: 22 Prozent der Masken-Gegner gaben an, dass sie an Protesten der Gelbwesten teilgenommen haben. Immerhin 57 Prozent erklärten, dass sie die Bewegung unterstützt haben, ohne aber direkt teilgenommen zu haben.

In manchen Interviews wird allein die 22-Prozent-Angabe aufgenommen. So erklärt Bristielle gegenüber dem Fernsehsender Public Sénat, dass die Mobilisierung der anti-masques "unabhängig von der Gelbwestenbewegung eine eigene Kategorie bildet, da nur 20 Prozent der Befragten dieser Bewegung angehören. Es handelt sich um eine Sphäre der autonomen 'défiance'".

In seiner Untersuchung geht er etwas detaillierter vor und zeigt noch andere Unterschiede auf. So ist der Abbildung 5 (Graphique 5) zu entnehmen, dass es 42 Prozent der Gelbwesten sind, die sich als links bezeichnen und 23 Prozent als "sehr links", wohingegen es bei den Anti-Masken nur 12 Prozent sind, die sich als deutlich links verstehen, und 24 Prozent als links. Dagegen ist der Anteil Anti-Masken, die sich als rechts oder sehr rechts einordnen, mit 29 % und 17 Prozent höher (bei den Gelbwesten sind es beide Male 14 Prozent).

Die Angaben stehen ganz offensichtlich im Widerspruch zum oben geäußerten Zitat über die Weigerung der Antimasken sich auf der Links/Rechts-Achse überhaupt ansiedeln zu wollen. Bristielle entgeht diesem Widerspruch damit, dass er sich auf die Angaben der Minderheit, genau genommen von 39 Prozent der Befragten, beruft, die sich dann doch in diesem Schema einordnen wollen. Die Angaben der Gilet jaunes stammen von einer Befragung von Januar 2019, worauf Bristielle verweist.

Zur Methodik

An dieser Stelle kurz einige Worte zur Methodik: Bristielle hat Fragebogen an Mitglieder von Facebook-Gruppen verschickt, die sich als "anti-masques" ausgeben. Deren Mitgliederzahl ist nicht leicht abzuschätzen. Die Gruppe anti masque obligatoire zählt über 12.000 Mitglieder, aber es gibt noch andere, wie z.B. Stop Carnaval Masqué Halte à la Dictature, mit allerdings nur gut 1.700 Mitglieder. Oder: Regroupement contre le port du masque obligatoire mit über 15.400 Mitgliedern.

Ein Überblick darüber erfordert einen eigenen Beitrag. Wichtig für die Ergebnisse der Ermittlungen von Bristielle ist, dass er im August (vom 10. bis zum 19.) bei Mitgliedern von verschiedenen Facebook-Gruppen angefragt hat, ob sie einen im Netz deponierten Fragebogen ausfüllen wollen. Mehr als 1000 Personen hätten teilgenommen, so der Soziologe.

Wer sich in diesem Rahmen dazu bereit erklärt hat, teilzunehmen, hat möglicherweise einen besonderen Wunsch oder ein besonderes Motiv im Vergleich zu anderen Befragungen, ihre oder seine Positionen auszustellen. Das ist allerdings Spekulation. Klar ist jedenfalls, dass es sich um keine repräsentative Untersuchung handelt. Es haben viele Frauen geantwortet.

Das Porträt

Das in groben Linien gezeichnete Porträt der Anti-Masken sieht anhand der beantworteten Fragebögen so aus: Durchschnittsalter 50 Jahre, ein hoher Frauenanteil (63 Prozent), Abitur plus zwei Jahre Studium (Bac +2); ein im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung höherer Anteil von Berufstätigen in gehobenen Posten mit gutem Verdienst (36 Prozent zu 18 Prozent); mehr Selbstständige und Unternehmer (16 zu 7 Prozent), deutlich weniger Angestellte (16 zu 27 Prozent) und vor allem Arbeiter (7 zu 21 Prozent) im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.

94 Prozent, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen 78 Prozent, die das Internet als "erstes Medium" zur Informationsbeschaffung nutzen (gegenüber 28 Prozent in der Gesamtbevölkerung) und 2 Prozent, die Präsident Macron vertrauen - in der Gesamtbevölkerung sind es 34 Prozent.

29 Prozent erklären sich als "Rechts". Dem wird der Anteil von 14 Prozent in der Gesamtbevölkerung gegenübergestellt.