Frau Voltaire und nackte Islamisten

"Like porn" - Eine neue Heldin der Meinungsfreiheit

Der Westen hat eine neue Heldin. Der deutschen Öffentlichkeit sagt der Name Dr. Wafa Sultan noch nichts, aber das könnte sich ändern. Im englischsprachigen Netz ist die syrisch-amerikanische Psychiaterin eine Berühmtheit, eine "internationale Sensation".

Eine Million Mal wurde das Wafa-Sultan-Video im Internet angeschaut, Hunderttausende von Mails sollen es verbreitet haben. Dazu dürften ein paar Millionen Fernsehzuschauer in der arabischen Welt kommen, die ihre beiden spektakulären Auftritte in Talk-Shows von al-Jazeera direkt verfolgt haben.

Beim ersten Al-Jazeera-Auftritt Ende Juli des vergangenen Jahres lieferte die muslimisch erzogene Frau, die jedoch den Islam nicht mehr praktiziert und sich selbst als „säkular“ bezeichnet, einen couragierten Schlagabtausch mit dem algerischen Islamisten Ahmad bin Muhammad über Terrorismus und religiöse Erziehung. Dieser konnte auf ihre provokanten Fragen und Behauptungen nur ausweichend antworten.

Wafa Sultan stellte dem algerischen Religionsgelehrten sehr direkte Fragen, die wohl jeder beantwortet haben möchte: Wie es dazu käme, dass sich Jugendliche in der Blüte ihres Lebens mit einer Bombe in einen Bus setzen und sich und andere in die Luft sprengen? Wie sich der Kleriker dazu stelle, dass man Kindern im Religionsunterricht schon in den frühesten Jahren mit dem Auswendiglernen von bestimmten Koranversen - "They will be killed or crucified, or have their hands and feet on alternate sides cut off" - konfrontiere, ohne ihnen eine Interpretation oder eine Einordnung in den historischen Kontext beizugeben. Dies sei doch der erste Schritt zur Schaffung eines „großen Terroristen“.

Berühmt gemacht hat sie jetzt ihr zweiter Auftritt bei Al-Jazeera, Ende Februar dieses Jahres (Transkript-Auszüge hier). Gegenüber dem diesmaligen Talk-Show-Gast, Dr. Ibrahim Al-Khoul, einem Religionsgelehrten, der sich u.a. mit Fragen zur „Krise des zeitgenössischen religiösen Denkens und wie man sie überwindet“ auseinandersetzt, packte sie noch größere Kaliber aus.

Zunächst konfrontierte sie ihren Opponenten mit dem weidlich bekannten, populären Generalangriff, der sich an der rückständigen „Mentalität“ der muslimischen Welt entzündet. Für Wafa Sultan steht außer Frage, dass wir derzeit einen Clash zwischen unterschiedlichen Mentalitäten erleben; kein Streit zwischen Religionen, auch nicht zwischen Zivilisationen, sondern zwischen unterschiedlichen Epochen.

It is a clash between a mentality that belongs to the Middle Ages and another mentality that belongs to the 21st century. It is a clash between civilization and backwardness, between the civilized and the primitive, between barbarity and rationality. It is a clash between freedom and oppression, between democracy and dictatorship. It is a clash between human rights, on the one hand, and the violation of these rights, on other hand. It is a clash between those who treat women like beasts, and those who treat them like human beings. What we see today is not a clash of civilizations. Civilizations do not clash, but compete.

Das kann man auch im Taxi hören, aber der Vergleich, den sie später bringt, hat es in sich. Und es ist so erfrischend wie mutig, dass er von ihr in einer arabischen TV-Sendung platziert wurde:

Die Juden haben eine große Tragödie (dem Holocaust) durchlebt und die Welt dazu gebracht, sie zu respektieren, mit ihrem Wissen, nicht mit Terror, mit ihrer Arbeit, nicht mit Weinen und Klagen. Die Menschheit verdankt jüdischen Wissenschaftlern die meisten der wissenschaftlichen Entdeckungen im 19. und 20.Jahrhundert. 15 Millionen Menschen, die in aller Welt verstreut waren, vereinigten sich und erwarben ihre Rechte durch Arbeit und Wissen.

Wir haben nicht einen einzigen Juden gesehen, der sich in einem deutschen Restaurant in die Luft gesprengt hat. Wir haben keinen einzigen Juden gesehen, der eine Kirche zerstört hat. Wir haben keinen einzigen Juden gesehen, der protestierte, in dem er Menschen tötete.
Muslime haben drei Buddhastatuen zu Staub gemacht. Es gibt keinen Buddhisten, der eine Moschee angezündet hatte, einen Muslim getötet hat oder eine Botschaft verbrannt.

Nur Muslime verteidigen ihren Glauben, indem sie Kirchen abbrennen, Menschen töten und Botschaften zerstören. Dieser Weg wird keine Ergebnisse bringen. Die Muslime müsse sich selbst fragen, was sie für die Menschheit tun können, bevor sie von der Menschheit Respekt verlangen können.

Im Transkript der Sendung, wie es in Ausschnitten bei MEMRI (nicht unüblich bei diesem Übersetzungsdienst, der gerne vor allem eine Seite zu Gehör bringt) zu lesen ist, steht keine Antwort des muslimischen Gelehrten auf diesen Diskussionspunkt. Schon zuvor hatte Dr. Al-Khoul ziemlich hilflos erklärt, dass er die blasphemischen Äußerungen von Dr. Sultan nicht zurechtweisen müsse, da sie offensichtlich eine Häretikerin sei. Die in die USA emigrierte Syrerin hatte zuvor erklärt, dass sie weder eine Christin, noch Muslima, noch eine Jüdin sei, sondern ein säkularer Mensch ohne Glauben an ein übernatürliches Wesen.

Seit das Video der Sendung im Netz kursiert, wird Wafa Sultan nun als mutige Heldin der Meinungsfreiheit gefeiert. Für den saudi-arabischen Blogger The Religious Policeman (vgl. Die Mission des Religionspolizisten) ist sie seine „neue beste Freundin“ und das al-Jazeera-Video „like porn for moderate Muslims“. Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter, der für die Zeitung „Die Welt“ einen englisch-sprachigen Blog betreibt, feiert die „Ankunft eines muslimischen Voltaires“. Die New York Times widmete Sultan ein ausführliches Porträt in der Wochenendausgabe.

Im Newsletter (3.März) der israelischen Botschaft zitiert man einen Ha’aretz-Kommentar, der bemerkt, „dass sich in der arabischen Welt ein Wandel vollzieht, zumindest in Bezug auf den Mut, öffentlich seine Meinung kundzutun. Im Rahmen dieser Offenheit können sich Israel und der Zionismus kaum eine strengere, schnellere und resolutere Sprecherin wünschen als Sultan. Benyamin Netanyahu und Effi Eitam sind im Vergleich mit ihr schon fast links.“

Genau hier zeigt sich ein bemerkenswertes Phänomen im Zusammenhang mit der Wiedergeburt von Voltaire als Ex-Muslima. Die Öffentlichkeit in der arabischen Welt ist schon längst im Wandel, man will es in der vorherrschenden, regelmäßig aufgetischten Polemik über die eindimensionale, rückständige arabische Kultur nur nicht sehen - Al-Jazeera gilt vielen als bloßes Sprachrohr für Terroristen und Extremisten.

Ironischerweise wird selbst auf der Webseite, auf der Wafa Sultan publiziert, was ihr die Einladung des TV-Sender eingetragen hat, Al-Jazeera als bevorzugter Sender Bin Ladens bezeichnet. Mit diesem simplifizierenden Feindbild steht „annaqed“ („Kritik“), so heißt die Seite, in den USA nicht alleine da: Bush wollte die Sendezentrale von al-Dschasira in Katar bombadieren.

Tatsächlich zählt der Moderator der beiden Talk-Shows, in denen Sultan auftrat, Faisal al-Qassem, zu den bekanntesten Persönlichkeiten der arabischen Welt. Seine Popularität hat er mit Sendungen erworben, die extrem kontroverse Standpunkte an ein großes Publikum verbreiten. In seinem neu erschienen Buch „Voices of the New Arab Public“ dokumentiert dies der amerikanische Experte für arabische Öffentlichkeiten, Marc Lynch (vgl. USA vs. Demokratie "Arab Style") auf zig Seiten. Am Tag nach dem Sultan/Al-Khoul-Debatte, so Lynch in seinem Blog, wagte sich al-Qassem an die Privilegien der Sicherheitskräfte und Militärs in arabischen Ländern:

Shows featuring secularists and Islamists arguing with each other are important, but not especially unusual. Shows taking on the protections and prerogatives of Arab security services, and giving full voice to those who demand that they be held legally accountable when they violate the law - now that's unusual, and revolutionary (not unprecedented on al-Jazeera shows, but still fairly extraordinary).

Entsprechend nüchtern kommentiert Lynch auch die „hyperventilierenden“ Reaktionen der amerikanischen Medien auf die al-Jazeera-Talk-Show mit Sultan. Dass auf Al-Jazeera einem Islamisten gehörig die Kleider heruntergerissen wurden, sei in etwa so spektakulär wie ein "Dunking" in der amerikanischen Elite-Basketballliga NBA.

Für Lynch stehen die Programme, die Faisal al-Qassem auf al-Jazeera präsentiert, seine Argumentationsweise, die Auswahl der Gäste und Stimmen, seine provokanten Fragestellungen, für eine Entwicklung, die schon seit einigen Jahren, vom Westen weitgehend unbeachtet, ihren Gang nimmt: die Ausbildung neuer öffentlicher Sphären, die dem früheren Konsensdiktat, wie er beispielsweise in den staatlichen Fernsehsendern üblich war, längst abgeschworen haben und „eindeutig die arabische politische Kultur transformieren.“1.

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