Frauen auf dem Vormarsch

Anstieg der "Kameradinnen" in der rechtsextremen Szene

Seit geraumer Zeit gibt es in der rechtsextremen Szene vermehrt Frauen und Mädchen, die nicht nur als Freundinnen oder Mitläuferinnen auftreten oder akzeptiert werden wollen. Die "braunen Schwestern" legen Wert darauf, "Kameradinnen" zu sein - und manche stehen dabei ihn ihrer Gewaltbereitschaft den "Kameraden" in nichts nach. Zudem zeichnet sich verstärkt eine Zunahme von Mädchen und Frauen ab, die (Führungs-)Positionen in rechten Parteien und Organisationen bekleiden sowie eigene Frauen- und "Mädelgruppen" gründen. Auch in rechten Versandhandelsunternehmen stehen Frauen längst ihren Mann und handeln sogar mit eigener NS-Markenkleidung, etwa von "Womansresist - 88girlswear".

Die Ziffer "88" steht dabei für zweimal den achten Buchstaben des Alphabets, ein Code der NS-Szene für "Heil Hitler". Wenn, wie die Autorinnen des Buches "Braune Schwestern?" darstellen, ein T-Shirt jener Marke in blutroter Schrift über einem Maschinengewehr die Botschaft "The fight goes on till the bloody end. 88" verkündet, macht das exemplarisch deutlich, wie sich eine zunehmend durch Jugendliche geprägte Neonazi-Szene kämpferisch positioniert. Waren Frauen zudem einst selten bei rechten Aufmärschen, und Mädchen erst recht - falls sie nicht zum Mädelbund der an der Hitlerjugend orientierten Wiking Jugend gehörten -, wandelt sich dieses Bild mehr und mehr. Heute marschieren Mädchen und junge Frauen oft genug mit, auch in vorderster Front - bei Aufmärschen etwa gerne als (Mit)Trägerinnen von Transparenten.

In ihrer Radikalität scheinen sie sich dabei - zumindest teilweise - ihren "Kameraden" anzugleichen. Als etwa am 22. Januar im niederrheinischen Moers rund 100 Neonazis unter dem Motto "Nein zur asozialen BRD-Politik - Ein neues System bietet neue Möglichkeiten" aufmarschierten, dominierten zwar Männer die Demo. Vorläufig festgenommen wurde indes ein junges Mädchen - laut Polizei wegen seiner Hakenkreuz-Tätowierung. Anderes aktuelles Beispiel: Auf Platz 10 der NPD-Kandidatenliste für die nordrhein-westfälischen Landtagswahlen im Mai diesen Jahres kandidiert Daniela Wegener. Die 30-Jährige lebt in Bochum, fungierte als Rednerin bei Aufmärschen und gehört zur Führungsriege der militanten "Freien Kameradschaften" in NRW. Sie stammt aus dem Hochsauerlandkreis, wo sie Ende der 1990er Jahre Führungsaufgaben der militanten "Sauerländer Aktionsfront" ausübte. Wegener initiierte auch Solidaritätskampagnen für gewaltbereite, von der Justiz jedoch laut Szene "verfolgte Kameraden".

Auch durch Anti-Antifa-Arbeit - also das Ausforschen politischer Gegner zwecks Erstellung von Feindeslisten - fallen Mädchen und junge Frauen auf. Nicht nur, aber auch im Umfeld der NPD-Mönchengladbach - die Übergänge zu "freien Kräften" der NS-Szene sind fließend - fotografiert eine junge Frau regelmäßig bei rechten Aktionen die Gegendemonstranten. Die Autorinnen von "Braune Schwestern?" erinnern speziell an einen anderen spektakulären Fall: Ein Mädchen der "Kameradschaft Süd" spionierte als Auszubildende der Postbank die Daten von Konten antifaschistischer und linker Gruppen aus. Mitgliedern jener "Kameradschaft" und dem Anführer Martin Wiese wird gerade in München der Prozess gemacht, da sie laut Anklage am 9. November 2003 einen Bombenanschlag auf die feierliche Grundsteinlegung eines Jüdischen Gemeindezentrums geplant haben sollen. Neben der Postbank-Auszubildenden gab es noch mindestens zwei weitere junge Frauen in der Wiese-Gruppe.

Solchen Phänomenen zwischen rechter Esoterik, völkischer Bewegung und offener NS-Szene widmet sich "Braune Schwestern? - Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten", herausgegeben vom Antifaschistischen Frauennetzwerk sowie dem Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Die Autorinnen weisen auch darauf hin, dass die Anzahl von Frauenorganisationen in der rechtsextremen Szene in Deutschland seit Jahren zunehme. Neugründungen seien verstärkt seit Ende der 1990er Jahre zu beobachten. Dabei hätten auch Errungenschaften der Frauenbewegung Spuren hinterlassen in der völkischen Szene, wo Frauen bislang eher für ihre "natürlichen" Aufgaben am Herd oder als Mutter klassifiziert wurden. Das Bild indes habe sich teilweise schon gewandelt, so die Autorinnen, denn "auch hier ist die extreme Rechte in der Gesellschaft angekommen". Und es könne davon ausgegangen werden, "dass Frauen nicht weniger extremen rechten Positionen anhängen als Männer."

"Braune Schwestern?" widmet sich als Textsammlung verschiedenen Schwerpunkten. So finden sich Hintergründe zu Protagonistinnen, Organisationen, "Bücherfrauen und Labelmädel" in der Bundesrepublik. Zudem wird exemplarisch der Weg der französischen "Front National" dargestellt, denn sie hatte zuerst ein traditionelles, völkisches Frauenbild verfochten, propagierte dann aber im Zuge der "Neuen Rechten" ein modernisiertes Frauenbild und befindet sich heute wieder in einer "Retraditionalisierung". Untersucht wird in dem Buch auch das Verhältnis von Sexismus und Antisemitismus im völkischen Weltbild - hier haben NS-Aktivistinnen wohl mit einen sehr großen Widerspruch in ihrer politischen Argumentation zu kämpfen.

Denn Frauen und Mädchen, gerade in der Neonazi- und der rechten bis rechtsextremen Skinhead-Szene, leben oft genug mit dem Sexismus der eigenen Gruppe. Geäußert wird dieser von den "Kameraden" etwa in Liedern rechter Skinbands oder Fanzineartikel. So wird im Buch aus einer 1996 erschienenen Ausgabe des Zines "Wehrpass" zitiert, wo der Autor schreibt: "Die Schwänze baumelten bis zu den Knien und die Eier waren so dick, dass man sie mit Fußbällen vergleichen konnte." Logische Folge in der männerbündischen Welt: "Da gerade Frauentag war, beschlossen wir, einige Frauen zu beglücken." Das ist jedoch selten, denn Sexismus als vermeintliche Eigenschaft von Ausländern, Juden und Farbigen thematisieren rechte Frauen hingegen gerne. In diesen sehen sie potentielle Vergewaltiger und Mädchenhändler.

Trotz vielerlei Gewinn bringender Erkenntnisse hat die Textsammlung auch Schattenseiten. Denn "Braune Schwestern?" liefert nicht nur Wissenswertes zur Szene, es enthält auch vertiefende theoretische Beiträge - etwa zu Fallstudien und Feminismus - für Menschen aus Frauenbewegung, Jugendarbeit und Wissenschaft. Durch solche Kapitel wird indes nicht ganz klar, ob das Autorinnenkollektiv konkret aufklären oder auch wissenschaftliche Hilfestellungen leisten will. Zumindest an Fakten interessierte Leser dürften letztgenannte Beiträge langweilen, sie würden sich wohl mehr Hintergrundinformationen zur weiblichen NS-Szene wünschen.

Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hg.): Braune Schwestern? - Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Unrast Verlag; 140 Seiten; 14 Euro.

Michael Klarmann ist Autor der Textreihe "Die Deutsche Wochenschau", ein Wochenrückblick zu Neonazivorfällen, in der Online-Ausgabe des Ox-Fanzines.

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