Frauen sorgten für Ernährung

Der Mann als Jäger spielte in der Evolution vielleicht doch nicht die ihm oft zugeschriebene tragende Rolle

Glaubt man dem Volksmund und großen Teilen der Wissenschaft, dann ist es stets der Mann gewesen, der auf die Jagd ging, Fleisch für seine Familie zurückbrachte und so die körperliche und geistige Entwicklung des Menschen vorantrieb. Doch jetzt haben Anthropologen einen genaueren Blick auf die bestehenden Theorien geworfen. Anhand archäologischer Aufzeichnungen und Vergleichen mit Naturstämmen aus heutiger Zeit kommen manche Forscher jetzt zu der Auffassung, dass die Schlüsselrolle in der Ernährung eher dem weiblichen Geschlecht zufällt, nämlich den Großmüttern und Müttern.

Demnach war die Jagd vielmehr eine Tätigkeit, die eher der Erhaltung des sozialen Status des Mannes diente, als der Familie Nahrungsmittel zu besorgen. "Die Trefferquote beim Jagen großer Tiere war nicht gerade berauschend", schreibt jetzt James O'Connell, Direktor des Archäologiezentrums an der Universität von Utah in Salt Lake City in der aktuellen Ausgabe des Journal of Human Evolution. "Das hat nicht gereicht, um die Kinder durchzubekommen".

Bislang war die Theorie, dass der Homo erectus, der etwa vor 2 Millionen bis 400.000 Jahre hauptsächlich in Afrika und Asien lebte, lernte, wie er auch große Tiere jagen und erlegen kann, größere Mengen an Fleisch mit nach Hause bringen und durch diese proteinreiche Kost das Gehirn um 50 Prozent im Vergleich zum Homo habilis vergrößerte. Archäologische Funde von Knochen großer Tiere und primitiven Jagdwerkzeugen sollten diese Annahme belegen.

"Ich bin mir sicher, dass der Fleischkonsum bei der Weiterentwicklung des Gehirns überbewertet wird", unterstreicht O'Connell seine und auch inzwischen die Meinung mehrerer seiner Kollegen. Stattdessen sind sie der Meinung, dass die Knochenfunde vielmehr von verendeten Tieren stammen, die von anderen Großtieren wie beispielsweise Löwen gerissen und die Reste vom Homo erectus nur ausgenommen wurden. Dies belegen Knochenfunde großer Tiere, die nicht nur Spuren von den primitiven Werkzeugen des Homo erectus, sondern auch Spuren von Raubtieren zeigen. Auch wurden die meisten dieser Knochen und Werkzeuge in der Nähe von Flüssen gefunden, die normalerweise von wilden Raubtieren gut besucht waren und eher familienfeindliche Örtlichkeiten waren. Ein Hinweis, so vermutete der Anthropologe Lewis R. Binford schon in der 80er Jahren, dass die Männer ihr Fleisch gar nicht zurück zu den Familien brachten.

Außerdem ist nicht anzunehmen, dass der Homo erectus zahlreiche Beute machte. Gute Vergleiche lassen Beobachtungen des im ostafrikanischen Tansania lebenden Stammes Hadza aus den späten 80er Jahren zu, den O'Connell selbst studiert hat. Männliche Jäger dieses Stammes machen nur sehr geringe Beute von großen Tieren, obwohl sie mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen. Gerade einmal alle zwei oder drei Wochen können die Ernährer ein Großwild erlegen. "Zur Zeit des Homo erectus gab es jedoch noch kein Pfeil und Bogen", so OŽConnell, "vielmehr werden sie mit Steinen nach den Tieren geworfen haben, was die Trefferquote nicht gerade erhöht". Nach dieser Theorie wäre es kaum möglich gewesen, die Kinder durchzubringen.

Beim Hadza-Stamm sind es die Großmütter, die den überlasteten Müttern beistehen. Da selbst nicht mehr fruchtbar, helfen sie in der Erziehung der Kinder und bei der Beschaffung von Nahrung, hauptsächlich Pflanzen und kalorienreiche Knollen. Ebenso jagen die weiblichen Mitglieder des Hadza-Stammes kleinere Nagetier oder Schildkröten, die zusammen mit den Pflanzen den Hauptbestandteil der täglichen Nahrung bilden.

O'Connell geht davon aus, dass auch der Homo erectus von den Großmüttern profitierte. Untersuchungen von vergangenen Populationen hatten Hinweise darauf ergeben, dass die Überlebensrate der Kinder davon abhängt, ob eine Großmutter vorhanden ist oder nicht. So fand beispielsweise die Anthropologin Cheryl Jamison von der Universität von Indiana bei näherer Betrachtung von Populationsdaten einer japanischen Stadt von 1671 bis 1871 heraus, dass Knaben zu 52 Prozent weniger sterben, wenn eine Großmutter mit im Haus wohnte. Auch Ruth Mace und Rebecca Sear vom Londoner University College fanden dies in Daten zwischen 1950 und 1974 aus ländlichen Gebieten in Gambia bestätigt: die Gegenwart einer Großmutter halbierte die Kindersterblichkeit.

Daneben lässt aber auch der Körperbau und die Körpergröße der Frauen des Homo erectus darauf schließen, dass die Frauen zu dieser Zeit bereits eine wichtigere Rolle in der Familie spielten. "Vor dem Homo erectus waren Frauen stets wesentlich kleiner als die Männer", erklärt der Anthropologe Richard Klein von der Stanford Universität. "Nun wurden Frauen zum ersten mal größer, was zur Annahme verleitet, dass sie etwas getan haben, was sie zuvor nicht taten, und wir denken, dass sie sich an der Nahrungssuche beteiligten". Trotzdem will Klein die Rolle des Mannes nicht minimieren, denn immerhin ist er in der Lage, Nahrungsressourcen zu teilen und nicht nur für sich zu bestimmen. "Etwas, was und von den Affen klar unterscheidet und was in der Evolution für unsere Spezies sehr nützlich war".

Trotzdem läßt O'Connells Idee Schwachstellen zurück. So äußerte beispielsweise der Anthropologe Curtis Marean vom Institute of Human Origins an der Arizona State University, dass es sich hierbei sicherlich um eine provokative und hilfreiche Hypothese handele, vieles davon aber derzeit einfach nicht nachprüfbar sei. Auch sei es nicht sicher, ob tatsächlich nur große Mengen an Fleisch für das Wachstum des Gehirns verantwortlich war, die dafür notwendigen Kalorien hätten auch aus anderen Quellen stammen können. Was O'Connels Schlussfolgerung nicht ausschließt, dass diese Kalorien auch die Frauen hätten herbeischaffen können. (Andreas Grote)

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