Frauen werden unabhängig vom Lebensstil älter als Männer

Nikolai Tschechow: Die junge Witwe (um 1885).

Forschungsergebnis der Biostatistikerin Virginia Zarulli wirft auch Fragen zur Rentengerechtigkeit auf

Dass Frauen eine längere Lebenserwartung haben als Männer, ist schon lange bekannt. Bislang wurde das regelmäßig mit Unterschieden im Lebensstil erklärt: Damit, dass Frauen weniger Tabak rauchten, der über Lungenkrebs, COPD und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einen frühen Tod fördert. Damit, dass sie durchschnittlich weniger Alkohol in ungesunden Mengen trinken, die die Lebenserwartung via Leberschäden et cetera ebenfalls verkürzen. Und damit, dass sie in früheren Jahrzehnten weniger beruflichen Gefahren und Belastungen ausgesetzt gewesen sein könnten als Männer und nicht so risikobereit Auto fuhren.

Andere Faktoren, die die Lebenserwartung massiv beeinflussen, sind Gewalt und Drogenmissbrauch (vgl. Gewalt und Drogenmissbrauch), Einkommen und Vermögen (vgl. Die reichen Alten werden immer reicher), der Wohnort (vgl. USA: Landkreise mit einer Lebenserwartung wie im Sudan und Trump gewann in den Counties, in denen die Lebenserwartung unterdurchschnittlich stieg) und die Ernährung (vgl. Hochrisikofaktor: Schlechte Ernährung).

Klöster und Katastrophen

Ein Team um die an der University of Southern Denmark (SDU) forschende Biostatistikerin Virginia Zarulli hat nun untersucht, ob Frauen auch in Situationen länger leben, in denen es solche Lebensstilunterschiede nicht gibt. Für ihre in PNAS veröffentlichte Studie mit dem Titel Women live longer than men even during severe famines and epidemics hat sie sich nicht nur Zahlen aus homogenen Gemeinschaften wie Klöstern, sondern auch Extremsituationen wie Hungersnöte auf Geschlechterunterschiede beim Sterben hin angesehen:

Den Holodomor in der Sowjetunion (vgl. Historikerstreit um ukrainischen Holodomor), die der Kartoffelfäule folgende große irische Hungersnot zwischen 1845 und 1852, zwei isländische Masernepidemien, die Besiedelung Liberias durch entlassene Sklaven (bei der zwischen 1820 und 1843 fast die Hälfte der Ankömmlinge starb) und die Sklaverei im Trinidad des 19. Jahrhunderts.

Hormone und Chromosomen

Fast überall lebten Frauen durchschnittlich länger als Männer, auch wenn der Vorsprung in ihrer Lebenserwartung im Vergleich zur Zeit vor den Katastrophen etwas kleiner wurde. Selbst unter den Kindern und Säuglingen überlebten Mädchen deutlich öfter als Jungen. Die einzige Ausnahme waren junge Sklaven auf Trinidad, was Zarulli damit erklärt, dass die Besitzer mehr Ressourcen in das Überleben der finanziell gesehen wertvolleren männlichen Exemplare steckten.

Die Hypothese, die Zarulli daraus ableitet, postuliert einen lebensstilunabhängigen "Überlebensvorteil von Frauen auf fundamental biologischer Grundlage". Eine Erklärung dafür könnte in der unterschiedlichen Verteilung der Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron und in deren Zusammenspiel mit dem Immunsystem und anderen überlebensrelevanten Körperfunktionen zu finden sein. Andere Forscher vermuten, dass das zweite X-Chromosom, das Frauen von Männern unterscheidet, eine Rolle spielen könnte.

Rentenfragen

Die neuen Erkenntnisse werfen auch Fragen dazu auf, inwieweit die deutschen Rentenregelungen mit dem Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz vereinbar sind, der auch eine Ungleichbehandlung von Ungleichem verlangt. Dass Frauen trotz einer längeren Lebenserwartung nicht länger arbeiten müssen, bis sie in Rente gehen dürfen, wurde bislang häufig damit begründet, dass der Unterschied ja auf freie individuelle Entscheidungen wie Rauchen und Trinken zurückzuführen sei. Diese Erklärung würde im Falle einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht jetzt möglicherweise nicht mehr ganz ausreichen.

Hinzu kommt, dass der Abstand zwischen der Lebenserwartung der Geschlechter in entwickelten Ländern kleiner wird, was daran liegt, dass sich der Lebensstil von Frauen dort in den letzten Jahrzehnten dem von Männern anglich: Sie rauchten häufiger, tranken mehr Alkohol und waren öfter in Stressbranchen berufstätig. (Peter Mühlbauer)