Frauenboxen

Bei diesen Olympischen Spielen treten zum ersten Mal Frauen im Boxsport an. Aber keine Frauen aus Deutschland. Wundert mich das? Nein, eigentlich nicht.

Ich habe durchgesetzt, dass Frauen in Deutschland Wettkämpfe im Amateurboxen bestreiten dürfen. Das ist 17 Jahre her. In der Zwischenzeit sind sehr gute Boxerinnen herangewachsen. Aber viele von ihnen, so zum Beispiel Regina Halmich, Heidi Hartmann, Daisy Lang, Silke Weickenmeier, Julia Sahin, Susianna Kentikian, Ramona Kühne und viele andere waren Profis.1

Viele Sportlerinnen wurden auch deswegen Profi, weil sie als Amateurinnen nicht gefördert worden wären. Und Olympische Spiele sind nun einmal für Amateure gedacht.

Vor 18 Jahren hat sich der damalige Deutsche Amateur Box Verband (DABV) über ein Jahr quer gestellt, bis der Antrag endlich durch war und Frauen offizielle Wettkämpfe bestreiten durften. Und obwohl sich viel gebessert hat – immerhin sieben deutsche Boxerinnen waren für die WM, die im Mai dieses Jahres in China stattfand, nominiert worden - werden Frauen noch immer nicht so gut wie Männer gefördert.

Deutsche Frauen haben es im Boxsport noch immer etwas schwerer, sowohl im Vergleich zu deutschen Männern, als auch im Vergleich zu Frauen anderer Nationalitäten. Im Boxen ist es wie ihn anderen Sportarten und eigentlich in jedem Lebensbereich: Wer gut ist, im Rampenlicht steht, Erfolge hat, zieht Neider auf sich. Dann braucht man die Unterstützung des Trainers, des Verbandes und möglichst auch der Familie und Freunde. Und dabei kann es leicht einmal hapern, vor allem aus zwei Gründen.

Erstens hat Deutschland noch immer ein recht konservatives Frauenbild: Als ich vor 20 Jahren in Frankreich lebte, war es dort schon vollkommen normal, dass Mütter arbeiten. In Deutschland haben einige meiner Freundinnen dagegen noch mit dem Stigma der Rabenmutter zu kämpfen gehabt. Dass Frauen boxen, passt da noch weniger ins Bild. Es ist zwar schon viel besser geworden, aber ich habe gelegentlich staunend vernommen, dass Frauen weniger aggressiv seien als Männer, und dass eine Frau doch nicht mit Veilchen herumlaufen könne! - Dabei fordert eine Mutterschaft auch viel Kraft und Willen, und sie ist genau so „verändernd“: Viele Frauen leiden nach einer Schwangerschaft unter Hämorrhoiden und Krampfadern, nach der Geburt unter den Folgen eines Dammschnittes und vom Stillen bekommen sie einen Hängebusen. Von einer postnatalen Depression ganz zu schweigen. Im Vergleich dazu sind ein Veilchen, Nasenbluten und die schlechte Laune nach einem verlorenen Kampf wirklich nichts.

Zweitens handelt es sich beim Boxsport - genau wie beim Ringen – um eine extrem konservative Sportart. Beim Karate oder Kickboxen, Judo oder Tae Kwon Do trainieren schon längst Frauen im Kader. Boxen kam lange hinterher. In Deutschland hat der DABV das Frauenboxen im Jahr 1995 legalisiert, und es war lange Zeit schwer, Gegnerinnen für Wettkämpfe zu finden. Ich hatte darum ein Postfach eingerichtet, an das Boxerinnen schreiben konnten, verschickte Fragebögen und veröffentlichte in vielen Zeitungen Leserbriefe. So konnte ich Namen, Adressen und Gewichtsklassen von Boxerinnen sammeln und Kämpferinnen helfen, Gegnerinnen zu finden. Trotzdem war es schwierig, eine Boxerin aus Hamburg etwa erzählte mir, dass sie in ihrem Verein kein Sparring (Kampftraining) machen dürfe.

Der Autor Robert Anasi, der beim US-Turnier The Gloves startete und darüber ein gleichnamiges Buch schrieb, erzählt darin, dass Trainer im Jahr 1996 noch kaum Boxerinnen kannten. Dann ist es für einen Trainer auch schwierig, gutes Training zu machen. Anasis Buch erschien 2002, als er es schrieb, gab es immerhin schon mehr als 1500 Amateur- und 300 Profiboxerinnen in den USA.

Es hakt noch immer. Aber es ist besser geworden. Und trotz der Schwierigkeiten kann ich Boxen gerade für Frauen sehr empfehlen. Bevor ich damit anfing, hatte ich gedacht, es sei blöd und brutal, und ich begann bloß zur Selbstverteidigung. Natürlich gibt es Schlägervereine, aber die kann man ja meiden. Ich merkte jedenfalls bald, dass mehr dahinter steckt, dass die Bewegungen anspruchsvoll sind, dass man viel über sich lernen kann - und vor allem habe ich über diesen Sport sehr unterschiedliche Menschen kennen gelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre. Das war sehr bereichernd.

Vielleicht spricht sich das ja herum und mehr Frauen probieren diesen Sport aus. Und haben Lust auf Wettkämpfe. Und machen den Verbänden und Organisationen Dampf. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat nämlich vorgeschrieben, dass 286 Vertreter des Welt-Boxverbandes in London starten dürfen. Daraufhin hat der Internationale Amateur Box Verband (AIBA) 250 für Männer und 36 Plätze für Frauen reserviert - „eine willkürliche Entscheidung“, so Alexander Mazur, langjähriger Pressesprecher des DABV und seines Nachfolgeverbandes Deutscher Boxsport-Verband e.V. (DBV). Und während man dies mit viel gutem Willen noch akzeptieren kann - schließlich boxen deutlich mehr Männer als Frauen - sind die vorgesehenen Gewichtsklassen einfach absurd: 48-51 Kilogramm, 57-60 Kilogramm und 69-75 Kilogramm: Eine Frau, die keine dieser drei Gewichtsklasse hinbekommt, hat keine Möglichkeit, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Egal wie gut sie ist.

Hoffentlich werden die Bedingungen bei den nächsten Olympischen Spielen besser. In dieser Sportart braucht man viel Geduld. Das zeigt das Beispiel Deutschland.

Weitere Informationen:
Die ehemalige Weltmeisterin Heidi Hartmann promoviert in Sportsoziologie über Boxerinnen Die Österreichische Filmwissenschaftlerin Helene Siebermair hat ihre Masterthesis über „Boxerinnen im Rampenlicht“ (Linz 2011) zu ihrem Dokumentarfilm Championesse gedreht Der Regisseur Thomas Landenberger hat über den ehemaligen Profiboxer und jetzigen Trainer Conny Mittermeier, bei dem auch ich trainiert habe, den Dokumentarfilm Der Trainer gedreht.

(Ulrike Heitmüller)

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