Freakonomics

Die Mathematik des menschlichen Abgrunds

Kann man in der Politik wirklich Wahlsiege mit Geld erkaufen? Oder wird in den USA etwa mehr Geld für Kaugummi ausgegeben als für Wahlkämpfe? Warum betrügen leitende Angestellte öfter als ihre Mitarbeiter? Was hat Abtreibung mit der Kriminalitätsrate zu tun? Ist ein Revolver gefährlicher als ein Swimmingpool? Wenn Drogenhändler soviel Geld verdienen, warum wohnen sie dann immer noch bei Mutti? Und - sind Eltern wirklich wichtig?

Diese und weitere dringliche Fragen des alltäglichen Seins beantwortet ein neues Buch, das im Riemann Verlag Anfang Februar erscheint. Die Autoren sind ein Journalist der New York Times und ein Wirtschaftswissenschaftler, der von sich selbst behauptet, von Wirtschaft eigentlich keine Ahnung zu haben. Dafür hat er aber gelernt, das mathematische Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaften, die Ökonometrie, auf alle möglichen Fragen der Gesellschaft anzuwenden. Durch die Zusammenarbeit mit dem Journalisten ist daraus ein lesenswertes Buch entstanden, das der interessierte Laie durchaus in einer oder zwei Nächten verschlingen kann, ohne allzu viel mit Zahlen belästigt zu werden.

Da geht es um schummelnde Schüler und Lehrer, es werden die Ähnlichkeiten der Aufbauorganisation von McDonalds und Crack-Dealern herausgearbeitet und es werden die innersten Geheimnisse des Ku-Klux-Klan verraten. Dem wissensdurstigen Leser werden auch die Zusammenhänge der Abtreibungspolitik mit der Kriminalitätsrate eines Landes erläutert. Dabei sind die Autoren immer auf der Suche nach Korrelationen, die mathematisch nachweisbar sind. Und so ist eben die Kriminalität etwa 15 Jahre nach Einführung der Abtreibung in den USA rapide gesunken. Die Autoren erläutern sehr detailliert, warum gerade dieser Faktor wichtiger war als alle neuen Polizeistrategien, Haftanstalten und Strafregister.

Allerdings muss man auch immer vorsichtig sein: nicht jede mathematische Korrelation führt automatisch zu einem direkten Zusammenhang. Ein Beispiel für eine mathematische Korrelation, die nicht unbedingt die Ursache für den Zusammenhang darstellt: In Städten mit hohen Kriminalitätsraten gibt es meist auch viele Polizisten. Am Beispiel der Städte Denver und Washington DC. wird dies deutlich. Obwohl beide Metropolen etwa gleich viele Einwohner haben, gibt es in der Hauptstadt Washington etwa dreimal so viel Polizei. Nun ist die Mordrate in Washington etwa achtmal so hoch wie in Denver. Schaut man nur auf die Zahlen, könnte man auf den Gedanken kommen, dass die hohe Zahl von Ordnungskräften in Washington DC. etwas mit der ungewöhnlich hohen Mordrate zu tun hat.

Zu kompliziert? Dann vielleicht etwas leichtere Kost: Wollten Sie nicht auch schon immer mal wissen, was Frauen von Männern und was Männer von Frauen eigentlich wollen? Jetzt haben Sie’s endlich mal schwarz auf weiß. Die Analyse der Zahl der Emails, die die Kunden verschiedener Internet-Dating-Agenturen erhalten, gibt Aufschluss über das, was Männer und Frauen tatsächlich aneinander suchen. Das Ergebnis wird Sie wahrscheinlich enttäuschen, nach Angaben der Autoren entspricht es jedenfalls genau den gängigen Stereotypen:

Beispielsweise haben Männer, die angaben, sie seien auf der Suche nach einer langfristigen Beziehung, sehr viel besser abgeschnitten als jene, die lediglich auf eine Affäre aus waren. Für Männer ist das Aussehen der Frauen von herausragender Bedeutung. Für Frauen ist das Einkommen eines Mannes von größter Wichtigkeit. Je reicher der Mann ist, desto mehr Mails bekommt er. Die Attraktivität einer Frau wächst für Männer zwar auch mit dem Einkommen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe.

(...) Männer fühlen sich angezogen von Studentinnen, Künstlerinnen, Musikerinnen, Tierärztinnen, und Berühmtheiten, sie meiden Sekretärinnen, Rentnerinnen sowie Frauen, die beim Militär oder der Polizei arbeiten. Frauen bevorzugen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrmänner, außerdem Rechtsanwälte und Finanzexperten in leitender Position. Frauen meiden Arbeiter, Schauspieler, Studenten (...).

Die Analyse der Daten von etwa 30.000 Nutzern hat weiterhin ergeben, dass Männer vor allem erhebliche Nachteile haben, wenn sie klein sind. Für Frauen hingegen ist Übergewicht tödlich. Deswegen wird in diesen Bereichen auch etwas nachgeholfen: Der interessierte Online-Dater ist etwas größer als der Durchschnittsmann und die typische Online-Daterin ist 20 Pfund leichter als ihre reale Kollegin. Und die Autoren haben mit ihren mathematischen Methoden errechnen können:

In der Welt des Online-Dating ist ein Kopf voller blonder Haare für eine Frau ungefähr so viel Wert wie ein College-Abschluss.

Sind die kleinen Leute am ehrlichsten?

Auch die Frage, wie es überhaupt mit der Ehrlichkeit der Menschen bestellt ist, beantworten die beiden Autoren an einem Beispiel äußert genüsslich. Der Fall des Bagel-Lieferanten Paul Feldman, der morgens immer frische Bagels in die Büros von Washington brachte und dann mit einer Kasse auf Vertrauensbasis kassierte, gibt Aufschluss über die Grundlagen der Ehrlichkeit der Menschen. Seine akribischen Protokolle der Einnahmen verglichen mit den konsumierten Bagels geben einen Einblick in das Innere unserer moralischen Abgründe.

Die Daten aus der Buchhaltung des Bagel-Lieferanten zeigen, dass die meisten Menschen grundehrlich sind. Fast 90% aller Kunden bezahlen akkurat. Die Mitarbeiter kleiner Büros sind etwa 3% bis 5% ehrlicher als in großen Firmen. Besonders schlecht steht es mit der Zahlungsmoral um Weihnachten, dann steigt die Kriminalitätsrate der bürgerlichen Kleinkriminellen um satte 15%. Der Bagel-Verkäufer Feldman ist nach vielen Jahren zu der Überzeugung gelangt, „dass die Mitarbeiter ehrlicher sind, wenn sie ihren Chef und ihre Arbeit mögen.“

Und jetzt kommt’s: Leitende Angestellte klauen mehr als ihre Untergebenen. Das hat Feldman festgestellt, als er drei Etagen derselben Firma belieferte, ganz oben die Führungsetage. Die Idee jedoch, „dass Betrug für diese Leute vielleicht die Methode war, mit der sie ihre Position erreicht haben“, ist ihm bisher nicht gekommen. Den Autoren aber schon.

So führen die beiden Autoren einen durch die Welt der sozialen Korrelationen, durch das feine Geflecht hinter den Kulissen, auf Dinge, die auf den ersten Blick nun rein gar nichts miteinander zu tun haben - immer mit einem zwinkernden Auge. Die Materie ist dadurch leicht verdaulich und verständlich, manchmal schon fast zu beliebig. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch. Für Politiker und andere selbsternannte Experten auf dem Gebiet der sozialen Gemengelagen ist es Pflichtlektüre. Allen anderen interessierten Mitmenschen empfehle ich es auch.

Richtige Zahlenknautscher werden etwas enttäuscht sein, kaum Tabellen oder Zahlenkolonnen. Hier empfehlen sich dann die wissenschaftlichen Werke von Prof. Levitt. Da gibt es noch die eine oder andere Überraschung und vor allem Einblick in seine mathematischen Methoden, die eigentlich schon seit langem zum Standardwerkzeug der Ökonomen gehören. Er wendet sie nur anders an.

Steven D. Levitt, Stephen Dubner: Freakonomics. Überraschende Antworten auf alltägliche Lebensfragen. Riemann Verlag. München 2006. 304 Seiten. 18,95 Euro.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel „ Freaconomics. A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything“, bei William Morrow, an Imprint of Harper Collins Publishers, Inc., New York. (Hans Boës)