Freibier für alle

Aus dem Film: "Free Lunch Society: Komm Komm Grundeinkommen". Bild: Copyright GoldenGirls

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) hat so viele Freunde gewonnen, dass man meinen könnte, es sei das neue Opium des Volkes

Wie bei dem alten, der Religion, verwenden die meisten Gläubigen recht fragwürdige Annahmen: Anschauen kann man sich einige von ihnen in dem Film "Free Lunch Society: Komm Komm Grundeinkommen", der die scheinbar beste Idee seit dem Faustkeil eifrig bewirbt.

Der Wunsch nach Erlösung war schon immer der Reflex auf die Einrichtung der Gesellschaft; daran hat sich zumindest in den letzten paar tausend Jahren nichts geändert. Die Idee von einem erreichbaren Endzustand des Erlösungsprozesses hat Religionen gutes Geld eingebracht und war Revolutionen ein überzeugendes Argument; Reaktionäre haben sie bekämpft, wenn sie ihre Macht bedrohte, und Zyniker haben sie verlacht, um dem Gift der Hoffnung keinen Raum zu geben.

Das neueste Konzept vom Paradies ist das älteste. Adorno sagt in Minima Moralia (1951): "Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll." Ein echtes BGE wäre noch zarter: Wer lebt, soll essen. Und wohnen. Und leben, statt nur zu vegetieren.

Die Idee, so gut und so alt sie ist, braucht aber heutzutage einen Werbefilm, und der österreichische Filmemacher Christian Tod sah sich berufen, diesen Film zu drehen. Voilà: Free Lunch Society, seit einiger Zeit hier und dort in den Kinos zu sehen.

Der Film macht von Anfang an klar, dass er die ganz dicken Bretter bohren will: Mit einem Rückblick aus dem 24. Jahrhundert wird dem Zuschauer suggeriert, dass er jetzt, hier und heute im Jahre 2018, Teil einer historischen Wende zum Guten sein kann.

Quasiparadiesische Zustände in der Zukunft, die von deinen und meinen konkreten Handlungen heute abhängen - ein mächtiger narrativer Kniff, der fast an die Rekrutierungsvideos von Sekten erinnert.

Das ist aber nicht das einzige Problem mit dieser anmaßenden Eröffnung. Denn nichts, was danach kommt, kann sie substantiieren. Stattdessen bietet Christian Tod dem Zuschauer einen recht wahllosen Bilderreigen, der fast die halbe Welt umspannt.

Die Tour reicht von den Brosamen, mit denen die Ölindustrie Alaska für Schürfrechte abspeist, über vergangene und gegenwärtige lokale Experimente mit dem BGE in verschiedenen Ländern, bis hin zu BGE-Werbeveranstaltungen in Europa. Außer diesen mehr oder minder interessanten Berichten über lokale, meist kurzlebige Experimente kriegt man eine Menge mehr oder weniger interessante Meinungen und Behauptungen zu hören.

Zu den interessantesten gehört nicht die von Martin Luther King, der schon Ende der Sechziger vorhersagte, dass Rationalisierung und "Cyberisierung" die Entkopplung von Einkommen und Arbeit früher oder später auf die Tagesordnung setzten würden. Oder die Empörung von kanadischen Rechten in den Achtzigern über die Abnahme der Arbeitsbereitschaft bei BGE-Empfängern. Am interessantesten sind die bizarren Äußerungen zu den Themen Wert, Arbeit und Lohn.

So kann man zum Beispiel einen amerikanischer Öko-Unternehmer über seine Ideen zum Thema Wert schwafeln hören. Wert, den ein einzelner Mensch aus sich heraus geschaffen habe, solle er voll und ganz behalten dürfen, aber Wert, der "aus der Natur selbst" stamme, solle mit allen geteilt werden, "weil doch die Natur uns allen gehört".

Das ist wirklich das Reflektionsniveau, auf dem wir uns hier bewegen. Dieser sagenhafte Mensch, der allein, ohne umgebende Natur und Gesellschaft, Wert geschaffen haben soll, wird uns natürlich nicht präsentiert.

Die Vorstellung, dass Wertschöpfung im Kapitalismus maßgeblich auf dem Diebstahl natürlicher Ressourcen beruht, durchzieht den ganzen Film - deswegen auch die Begeisterung dafür, dass der Staat Alaska Öleinnahmen in einen Kapitalfonds investiert, und einen Teil der Dividende jährlich an seine Bürgerinnen und Bürger auszahlt.

Dieses Öl-Sparkassenmodell wird von BGE-Fans allen Ernstes als gelungenes Beispiel für die kapitalgedeckte Finanzierung des BGE angepriesen, obwohl die ausbezahlten Summen pro Kopf lächerlich sind, und die wahre Natur der wunderbaren Wertvermehrung durch Zinsen offenbar den meisten Menschen immer noch ein unergründliches Rätsel ist.

Von gleicher Güte sind die Auslassungen von Götz Werner. Werner ist der Gründer des DM-Konzerns und schon lange einer der größten Fans des BGE. An einer Stelle des Films fragt er rhetorisch, wie man denn Arbeit überhaupt bezahlen wolle. Er tut das, um zu untermauern, dass die Leistungsbereitschaft von Menschen ohnehin von der Bezahlung abgekoppelt sei.

Antworten könnte man auf seine Frage folgendes: Bis heute werden die Mitarbeiter bei DM so bezahlt, dass der DM-Gründer ein Milliardenvermögen angehäuft hat. Genau so funktioniert nämlich Kapitalismus, und daran soll ein BGE à la Werner nicht das Geringste ändern.

Das Detail taucht in dem Film nicht auf, aber Götz Werner hat mehrfach vorgeschlagen, das BGE durch eine drastische Erhöhung der Mehrwertsteuer zu finanzieren, was bedeutet, dass die Konsumenten ihr eigenes Grundeinkommen finanzieren. Eine wahrhaft blendende Idee.

Zwischendrin darf Werner dann noch mit einer drolligen Mütze über einen Bahnsteig schlurfen oder seinem Glauben an die magische Transformationswirkung des BGE-Gedankens Ausdruck verleihen: "Dann - verändert sich die ganze Welt!"

Ganz große Experten sind auch die rechtsgewirkten "libertären" Fans des BGE, von denen auch einer seinen Filmauftritt hat (Charles Murray). Sein Plan sei ganz einfach: Man solle doch einfach alle Ressourcen, die die herkömmliche Sozialhilfe verschlinge, in das voraussetzungslose Grundeinkommen stecken; das verschlanke den Staat, indem überflüssige Bürokratie abgebaut werde.

Wahrscheinlich etwa so wie der Ausschüttung des Ölgelds in Alaska, bei der allein schon deswegen die Bürokratie verschwunden ist, weil das Verwaltungsgremium als "Corporation" bezeichnet wird - die allerdings dem Staat Alaska gehört.

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