Freie drahtlose Bürgernetze, Teil 1

Das Comeback der Internet-Utopien mit den Wireless Local Area Networks

Freie drahtlose Bürgernetze sprießen derzeit mit den Frühlingsblumen um die Wette. Ob in New York, London, Wien oder Hannover, private, nicht-kommerzielle Initiativen nutzen Wireless Local Area Networks (WLAN), um sich untereinander zu vernetzen und über die Funknetze auch Zugang zum Internet zu erhalten. Dabei sieht es ganz so aus, als ob mit den WLANs auch Internetutopien der Selbstorganisation und des dezentralen Wachstums von Netzen ein kräftiges Comeback feiern. Aber auch Big Business hat inzwischen von dem Wireless-Ding - das sich alternativ auch WiFi oder Wave-Lan nennt - Wind bekommen.

Der drahtlose Datenspaß wird ermöglicht durch den IEEE 802.11b Standard, eine lizenzfreie Technik, die von jedem genutzt werden kann, um auf einer Frequenz von 2,4 Gigahertz Daten mit Geschwindigkeiten von derzeit bis zu 11Mbits zu übertragen. Als Enduser teilzunehmen, ist höllisch einfach. Alles was es braucht, ist eine drahtlose Netzwerkkarte zum Laufen zu bringen, schon kann man sich in einen der immer zahlreicheren lokalen WLAN-Knoten - im Jargon Hotspots genannt - einklinken. Noch einfacher und übersichtlicher wird das Finden von Hotspots mit der allseits beliebten Software Netstumbler. Universitäten und Firmen, aber auch zunehmend Privatleute, z.B. in Wohn- oder Hausgemeinschaften, nutzen WLAN, um dem Kabelsalat zu entgehen und sich die Kosten für einen schnellen Netzzugang zu teilen.

Omnidirektionale Antenne (links) auf dem Dach der Limehouse Town Hall, im Hintergrund Canary Wharf, London, Foto: Armin Medosch

Wer sich einmal an WLAN gewöhnt hat, möchte es nicht mehr missen - sofern alles funktioniert und man es sorgenfrei nutzen kann. Sicherheitsexperten wie der CCC warnen, dass erstens die eingebauten Schutzmechanismen nur Laien von unerlaubtem Eindringen und Ausspähen von Daten abhalten können, dass aber darüber hinaus selbst diese Schutzmöglichkeiten oft gar nicht genutzt werden. (Eine ausgezeichnete Übersicht zu Sicherheitsaspekten bietet "Tatsächliche und rechtliche Risiken drahtloser Computernetzwerke") Schlagworte wie War-Driving oder Drive-by-hacking machen daher die Runde. Ein Versuch in London - mit Fahrrad, Rucksack, Antenne, Laptop und Netstumbler - hat ergeben, dass auf einer Strecke von einer Meile in Ost-London ein gutes Dutzend an Firmennetzen parasitäres Mitsurfen (ohne offizielle Zugangsberechtigung) erlauben. Der Tester, selbst Betreiber eines WLAN-Hotspots, hat es allerdings unterlassen, sich innerhalb des jeweiligen Ethernets umzusehen, doch nicht alle War-Driver sind so wohlmeinend.

Attraktiv an den drahtlosen Netzen ist nicht nur, dass sie praktisch und kostengünstig sind. Viele finden darin auch eine interessante technische Herausforderung und widmen sich dem Aufbau experimenteller drahtloser Do-it-Yourself-Netze. Die Anschaffungskosten für einen Hotspot sind niedrig, vor allem wenn dieser im DIY-Verfahren aufgebaut wird, mit einem alten Rechner, der zum Router umfunktioniert wird, und selbstgebastelter Antenne. Aus diesem Ansatz ist eine regelrechte Bewegung entstanden. Auf Freenetworks.org kann man sich einen Überblick über drahtlose Netze verschaffen, die sich als freie Bürgernetze verstehen. Dabei bedeutet "frei" einmal mehr, dass nicht unbedingt alles gratis ist, aber dass das jeweilige Netz nicht unter staatlicher oder privatwirtschaftlicher Kontrolle steht, sondern von den Nutzern zugleich betrieben wird und deren eigenen Regeln folgt. Auch in Deutschland haben solche WLANs eine wachsende Anhängerschaft, wobei die Vernetzung "von unten" oft gefährliche Kletteraktivitäten auf Hochhäusern beinhaltet, um Antennen zu installieren.

Drahtlos im Park: Gio d'Angelo (links) und Alexei Blinow (rechts) testen die Reichweite ihrer omnidirektionalen Antenne, Foto: Armin Medosch

Einige dieser freien drahtlosen Netzwerke haben größere Ambitionen, als bloß einzelne, für sich stehende Hotspots zu betreiben. In London ist das von James Stevens und Julian Priest initiierte Projekt Consume.net im Begriff dafür zu sorgen, dass sich selbstverwaltete Hotspots zusammenschalten, um ganze Stadtteile zusammenzuschließen. Eine gerne gewählte Metapher dafür - was wohl mit dem britischen Wetter zusammenhängt - sind die sogenannten "Datenwolken". Bei Consume spricht man auch gerne davon ein "vermaschtes System" zu schaffen. Im Kern geht es darum, Verbindungen zwischen den einzelnen Hotspots herzustellen, wobei allerdings noch Routing-Probleme zu lösen sind, um ein wirklich flächenmäßig großes, drahtloses Netz zu schaffen. Hindernisse können auch aus der Topografie erwachsen. Gebäude, Senken, Hügel, selbst Bäume können dem relativ schwachen Signal im Weg stehen. Darüberhinaus bedarf es des Zugangs zu hohen Gebäuden, um Link-Stationen einzurichten, die häufig nötig sind, um größere Entfernungen zu überbrücken.

All das tut dem DIY-Enthusiasmus jedoch keinen Abbruch. In Zusammenarbeit mit Partnern wie AmbientTV und YouAreHere wurden in den letzten Monaten eine Reihe von Workshops veranstaltet, bei denen Teilnehmer, die ein wenig Grundkenntnisse mitbringen, in die Geheimnisse und Tücken der drahtlosen Technik eingeweiht wurden, so dass sie in die Lage kommen sollen, einen eigenen Knoten zu betreiben. Dabei geht es aber nicht nur um die Vermittlung technischer Fertigkeiten, sondern auch um soziale und inhaltliche Aspekte. Bei den Workshops kommt man sich persönlich näher und gewinnt ein besseres Bewusstsein davon, wer im eigenen Stadtteil eigentlich alles aktiv ist und welche Projekte betreibt. Daraus sollen auch inhaltliche Kooperationen entstehen, wobei im Augenblick sicher noch der Aufbau der Infrastruktur im Vordergrund steht.

Consume Hotspots in East London

In London konnte ich mich als Zaungast von der elektrisierenden Atmosphäre bei Wireless-Workshops überzeugen. Ein Teil der Gruppe beschäftigte sich damit, mit ein wenig Draht, Karton-Zylindern und Silicon Richtantennen zu bauen (siehe dazu: die beliebte Pringles Antenne und Antennenbau bei Free2air). Technisch fortgeschrittenere Antennenbastler experimentierten mit einer selbstgebauten omnidirektionalen Antenne. Andere beschäftigten sich unterdessen lieber mit Routerfragen und schraubten alte Computer zu WLAN-Routern zusammen. So kommen alle irgendwie auf ihre Kosten, ihre Fähigkeiten in bestimmten Gebieten zu vertiefen.

Ein nicht unwesentlicher Faktor dabei ist, dass es neben den bekannteren Gruppen und Aushängeschildern der Szene eine Anzahl von engagierten jungen Computerexpertinnen und -experten gibt, die sich häufig ganz altruistisch dem Ausbau der kabellosen Netze widmen. Diese exzellente Skills-Basis kommt einer wachsenden Zahl von Nutzern und Projekten zugute. All das zusammen schmeckt nach einer neuen Internet-Revolution.

Ian, einer der Netzwerkadministratoren im Umfeld von Consume und YouAreHere

So ist es kein Wunder, dass das Entfaltungspotential von WLANS zu einer anschwellenden Lawine an Presseartikeln geführt und inzwischen auch die Aufmerksamkeit großer Firmen auf sich gezogen hat. (siehe z.B. Drahtloses Internet - ein Piratennetzwerk wird zum Big Business) Die Do-it-Yourself-Bastler könnten sich bald mit multinationaler Konkurrenz konfrontiert sehen, wobei die größte Gefahr nicht vom Verdrängungswettbewerb ausgeht, sondern von bereits jetzt laufenden Versuchen, auf die Entwicklung des Standards und die Zuteilung von Spektrum so Einfluss zu nehmen, dass sich das Schlupfloch, das die Grassroots-Vernetzer jetzt noch begünstigt, wieder schließt.

Bevor es aber soweit kommen könnte, wachsen die freien drahtlosen Bürgernetze fröhlich weiter und werden hoffentlich nicht nur als flotter und günstiger Weg ins Internet genutzt, sondern auch dazu, das Potenzial verbundener lokaler Netze zu entfalten, das also, was hinter der Grenze zum Internet liegt, im eigenen Ethernet, das frei ist von den Beschränkungen des kommerziellen Internet. Bei Nutzung der vollen Bandbreite könnte man z.B. leicht lokale Radio- und Fernsehstationen betreiben oder andere audiovisuelle Dienste anbieten. Statt breitbandigem Internet also ein sehr großes, aus vielen vermaschten WLAN's bestehendes Wide Area Network, das sich aus einer Vielzahl von Individuen, lose organisierten Gruppen oder NGOs zusammensetzt, die ihr Netz selbst verwalten, betreiben und besitzen.

Demnächst: Freie drahtlose Bürgernetz, Teil 2, Interview mit James Stevens, Consume.net

Kommentare lesen (21 Beiträge)
Anzeige